Teambattle bitte – schön!

Von Katrin Rösler , 0 Kommentare
Sonntag, 1. August 2010
Bild vom Hinterhof der Volksbühne
Der Hinterhof der Volksbühne
Foto: Hendrik Schneller

Am 24. Juni fand in der Berliner Volksbühne der dritte Teambattle vor gut 300 Zuschauern statt. Die Titelverteidiger des Vorjahres - das Team Totale Zerstörung - buhlten mit fünf würdigen Herausforderern um die Gunst des Publikums. Katrin Rösler berichtet, wie sie den Abend erlebt hat.

„Wäre hier etwa jemand lieber in Südafrika?“ frage ich mich insgeheim, als Wolf Hogekamp diesen „Wettkampf“ mit einer Schweigeminute für die Spieler der WM einläutet. Und damit steht auch das Motto des Abends fest: Es soll ein Fairplay mit Teamgeist und ohne zu foulen werden, bei dem alle hier ihr Bestes in ihrer jeweiligen Königsdisziplin geben. Für die akustischen Effekte und die Gerechtigkeit bei der Applausauswertung der gemeinsamen Veranstaltung der Volksbühne, des Bastard- und des Kreuzberg Slams sorgt wie üblich Lino Ziegel am Mischpult.

Sechs Teams treten nun gegen einander an. Eine Glücksfee ist schnell gefunden. Sie kommt auf die Bühne, um die Reihenfolge im Losverfahren festzulegen.

Und so soll es geschehen:

  1. Das Jung-Team Impuls: Das sind Josefine Berkholz und Daniel Hoth.
  2. Allen Earnstyzz, bestehend aus Temye Tesfu, Julian Heun und Stefan Dörsing.
  3. Die Berliner Lesedüne setzt sich zusammen aus: Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann und Kolja Reichert.
  4. Team Tübingen kreiert durch: Harald Kienzler & Jakob Nacken.
  5. Das Team PauL – Poesie aus Leidenschaft – lebt durch: Philipp „Scharri“ Scharrenberg, Heiner Lange und Bumillo.
  6. Die Totale Zerstörung floriert dank Julius Fischer und André Herrmann.
Bild vom Team Impuls auf der Bühne
Team Impuls (Foto: Hendrik Schneller)

Sogleich startet unser Nachwuchsteam Impuls auch schon durch. Josefine Berkholz und Daniel Hoth bewegen sich zunächst von anfänglicher schwacher Akustik zwischen Bruchstücken aus Tugenden und Weltschmerz zu einer energischeren Rhetorik, wenn sie sich im Klang ihrer Worte schließlich vereinen, während sie „schimpfen über Banalitäten“. Dabei wirken die kleinen Versprecher der jungen Berkholz geradezu charmant und angenehm authentisch – ein schöner Kontrast zu dem sehr tief- und weitreichenden Text, bei dem es scheinbar „nur“ darum geht, „ein Zeichen zu setzen“ in der Tragödie für dich: „Wir schauen in dieselbe Richtung, aber nicht gemeinsam.“ Dabei schaffen sie „Platz für emotionale Tatsachen“ und knüpfen schlussendlich ein „Netz aus versöhnender Melancholie“. So wird geteilter Schmerz hier zur doppelten Dosis, zu einem Genuss, zu zwei Genüssen. Und Daniel Hoth ist für mich überzeugender als im Solo.

„Die Welt geht unter. We don’t care“, meint das Trio Allen Earnstyzz und besingt im Chor den Weltuntergang als „positiv“. In Beat Boxing-Manier bearbeiten sie zudem das Motiv der Hure Babylon und fordern ausklingend: „Brenn’ Babylon, brenn’ Babylon“.

Die Nummer drei ist das Berliner Quartett Lesedüne. Das Team entlarvt komödiantisch normierte Reden als leere Worthülsen und preist „Demokratie“, „Freiheit“ und immer wieder „die Menschenrechte“ als „Markenzeichen ihrer Region“ an. Diese Kabarettisten zerpflücken es akustisch und entlarven das Staatssystem als radikal und als eines, in dem nur geredet, aber nicht gehandelt wird.

Sehr unterhaltsam geht es weiter mit Nummer vier, dem Team Tübingen. Harald Kienzler und Jakob Nacken ergänzen Worte mit Zahlen gekonnt: Alles wird zusammengeführt. Und was nicht ganz passt, wird eben passend gemacht. Aber es ist eine gute Idee, die sie in die zweite Runde katapultieren soll.

Das fünfte Team PauL – von Hogekamp als aktuelle deutschsprachige Poetry Slam Champions angekündigt - bringt einen seiner erfolgserprobten Texte „Moneyfest“ auf die Bühne, der auch schon Ende letzten Jahres im KATO für ein hohes Level der gesamten Veranstaltung sorgte. Kapital und Wahnsinn – wie weit liegen die beiden wohl auseinander? In einer Selbsthilfegruppe dargestellt vergleichen sie ihr Business mit Drogen und Spielsucht, verlangen Finanzspritzen und liefern als Workaholics „Feld-Geld-Versprecher“ auf ihrer „Frankfurter Karriereleiter“, die „keinen Mehrwert“ mehr hat. Sie schließen ihren Diskurs über „Drogen und Kapitalismus“ als nur ein „Game“ mit der Erkenntnis: „Habgier ist kein Imperativ“.

Das letzte und sechste Team ist dann die „Totale Zerstörung“ aus Leipzig. Julius Fischer und André Hermann nehmen sich gegenseitig auf die verbale Schippe, „bevor dies jemand anderes tut“ und entblößen auch leere Phrasen wie: „Die Basis ist das Fundament jeglicher Grundlage.“ Mit ihrem Text über: „Girls, Girls, Girls“ geben sie sich dann den Rollenklischees hin und referieren auf Team PauL, wobei sie sich zum Schluss doch noch die textuelle Kante „wie eine Faust in einem Nazi-Gesicht“ geben.

Für die zweite Runde bewähren sich dann nach Publikumsabstimmung mehr als die Hälfte der Teams, nämlich Nr. 4 bis 6. Die neue Reihenfolge ergibt sich sogleich von hinten nach vorne.

So setzt sich dann die Totale Zerstörung gleich fort mit einer Art Rap, in dem sie „nicht mal von der Hegemann zitiert“ werden und schließlich sich selbst, nämlich die „die totale Zerstörung“ in eigener Referenz fordern. In einem äußerst schnellem Rhythmus wird sich dieses gut eingespielte Duo für das Finale qualifizieren.

Bild vom Team PauL (Poesie aus Leidenschaft) auf der Bühne
PauL - Poesie aus Leidenschaft (Foto: Hendrik Schneller)

Als nächstes spricht das Profi-Team PauL jetzt das Publikum, speziell die Frauen, direkt an. Im Duell zwischen Realität und Fiktion erzählen sie eine Geschichte, die fast zu einer kleinen Theateraufführung ausgereift ist. Ihre bewährte Gangsterstory wartet hier aber auch mit einer gehörigen Portion Medienkritik auf und folgt dem „Sound auf Silence“ in keiner Weise!

Team Tübingen amüsiert als drittes dieser zweiten Runde mit seiner „Slamphonie in vier Sätzen“ das Publikum nicht nur sehr gekonnt. Diese ist zudem perfekt gedichtet und glänzt mit unschlagbaren Wortspielen: „Da schleicht das Drama piano durch die Forte“. Und der vierte Satz resümiert die moderne Dichtart des Poetry-Slams als freie Gattung der Selbstentfaltung. Damit wird dieser Text wie kein anderer des Abends gleichzeitig zum Plädoyer für diese Veranstaltung.

Das vierte Team in Runde zwei, die Lesedüne aus Berlin, begibt sich auf eine akustische Zeitreise durch die Evolutionstheorie und die Lehre Christi in: „Die fabelhafte Welt der Utopie“ – ein kurzweiliger und lustiger Text mit “Copy and Paste” im Refrain, bei der „Lautkopierer“ Versprecher sind. Das Publikum will mehr davon, und so werden sie wiederholt auf die Bühne applaudiert. Ebenfalls für das Finale qualifiziert haben sich das Team Tübingen und die Totale Zerstörung.

Die Lesedüne scheint nun hier in ihrem finalen Auftritt den vorherigen Text thematisch fortzusetzen, wenn sie über „Ansichten eines Klons“ berichten und „Xing“ immer wieder copy and pasten. Sie stechen hervor mit einem enorm treffsicheren und ausgefeilten Chor-Sprechen und enthüllen die Welt des Scheins auf den Punkt genau, wenn sie schließlich feststellen: „Am Ende haben wir nur noch Profile“.

Ihnen folgt nun das Team Tübingen mit einer überwältigenden Dichtkunst. Die Idee, einen imaginären Live-Mitschnitt von Schiller und Goethe zu performen, holt die von ihnen so bevorzugten klassischen Sprachelemente ebenso in die Gegenwart, wie sie das Motto des Abends in die Darbietung integriert, nämlich die „Dichterschlacht“ zwischen Schiller und Goethe zeitgleich sportreportagenhaft zu kommentierten. Es ist ein Super-Duo, das das klassische Ideal der Epoche als elitär und überholt vorführt und dabei mit seinem Wortwitz fesselt, wenn Schiller „keucht und zuckt“. Denn er „hat am Gretchen sich verschluckt “. Möge diese neue Form der Poesie ihren Platz in der Literaturgeschichte bekommen, ohne von der Wissenschaft entzaubert zu werden!

Zuletzt dann die Totale Zerstörung mit ihrer flotten Fahrrad-Hip-Hop-Performance, ein erfolgserprobter Text mit guter Performance, die wieder sehr amüsiert und für ein hohes Niveau der gesamten Veranstaltung bis zuletzt sorgt. Aber gewinnen tut das angereiste Team aus Tübingen, von denen wir noch viel lernen und erwarten können: hüben wie drüben! Was für ein (eindeutiger) Abend!

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