Tauschen und verbeugen – Poetry Slam in Japan

Von Tilman Birr
Dienstag, 30. Juni 2009
It’s easy when you’re big in Japan

Im Mai 2009 flogen die Berliner Slampoeten Tilman Birr und Peh auf Einladung des Goethe-Instituts nach Osaka, um dort an einem Slam teilzunehmen. Tilman als Moderator, Peh im Wettbewerb.

Was haben mir nicht alle möglichen Leute alles Mögliche erzählt, bevor ich nach Japan flog! „Im Japanischen gibt es kein Wort für Nein. Wenn man Nein sagen will, wartet man ein paar Sekunden länger, bevor man Ja sagt.“ „Ohne Visitenkarte bist du in Japan ein Niemand. Und die Karte immer mit beiden Händen überreichen und verbeugen dabei!“ „In Japan spricht keine Sau Englisch. Wenn du in einer Gegend bist, wo die U-Bahnstationen keine lateinische Beschriftungen haben, bist du echt aufgeschmissen.“ „Geh mal in Japan Kondome kaufen. Die sind echt kleiner als die europäischen.“ „Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt. Tritt ihnen in die Kniekehlen und sie entschuldigen sich.“ „In Japan ist es eine Beleidigung, Kindern über den Kopf zu streichen.“ „Die Japaner lassen sich nicht fotografieren, weil sie glauben, man würde ihnen damit ihre Seele klauen.“
Zumindest die letzte Behauptung kann jeder Europäer, der schon einmal an einer europäischen Sehenswürdigkeit vorbeigelaufen ist, ins Reich der Irrtümer verbannen. „Die Japaner sind zu höflich zu sagen, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann nicken sie nur und machen Geräusche.“ Das kannte ich. Wenn man am Brandenburger Tor steht und einem Japaner den Weg zum Potsdamer Platz erklärt, dann nickt er, macht „Haaaah“ und „Hooooh“ und man weiß: der versteht gar nichts.

Und was habe ich mir vorher nicht für Gedanken gemacht! Einen Slam soll ich da moderieren und das noch auf Englisch. Hoffentlich quatsche ich da keinen Stuss, ich Horst! Und wie soll das Abstimmungssystem sein? Per Jurywertung am Ende? Ich kann doch so schlecht kopfrechnen. Und wer wird mein Co-Moderator sein? Ein schüchterner und überhöflicher Japaner, dem es nicht gelingen wird, die Masse anzuheizen? Wer tritt da überhaupt auf? Werden die übersetzt? Und wer kommt da überhaupt hin? Die verstehen doch keinen Ton und machen immer nur „Haaah!“ und „Hooh!“. Wenigstens hat mir die Frage „Was gibt’s da wohl zu essen?“ keine Sorgen gemacht. Mit Sushi kann ich ganz gut.

Ich fliege mit Peh von Tegel über Paris nach Osaka. Schon am Flughafen Charles de Gaulle sehen wir die ersten Japaner mit Mundschutz. „Schweinegrippe“, sagt Peh. „Na, na! Jetzt nicht rassistisch werden“, sage ich. In Osaka tragen alle Einwanderungsbeamten Mundschutz. „Die halten uns Europäer wohl für schmutzig“, flüstere ich Peh zu. „Rassisten“, sagt Peh.
Wir müssen einzeln vortreten, in eine Kamera grinsen und unsere Zeigefinger auf ein Fingerabdrucklesegerät legen. Wir werden gefragt, ob wir in Mexiko waren, ob wir jemanden kennen, der im letzten Monat in Mexiko war, ob wir uns gesund fühlen. Peh verschweigt ihre Erkältung, um nicht ins Quarantänelager nach Hokkaido abgeschoben zu werden. Katja, die Praktikantin vom Goethe-Institut, holt uns und den Deutsche-Welle-Journalisten Alex Freund vom Kansai Airport ab. Alex ist Japanologe und erklärt uns gleich noch mehr von Japan:
„Als Ausländer kannst du dir hier fast alles erlauben. Sobald deine Nase länger ist als eine japanische, finden die dich toll. Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt. Du darfst nur niemals kleinen Kindern über den Kopf streichen.“
Aha.

Wir checken im Hotel ein. Die Toilette hat eine Bedienkonsole mit zehn Knöpfen. Muss man sich hier erst einloggen? „Sind Sie schon registriert? Haben Sie Ihr Toilettenpasswort vergessen? Ihr ganz persönliches Exkrementeprofil wird für Sie erstellt. Benutzer, die diese Art von Exkrementen abgegeben haben, mochten auch: ... “
Ich drücke irgendwo drauf. Ein Wasserstrahl spritzt mir an den Anus. Erschrocken springe ich auf, das Klo speit den Strahl an die Wand. Ich drücke irgendwelche Knöpfe wild durcheinander. Jetzt bläst es Luft, dann wieder Wasser, dann Wasser im breiteren Strahl. Wo kann man hier den Stecker ziehen? Ich drücke weitere Knöpfe, bis das Wassergesprühe aufhört. In Zukunft wohl besser nur die Spülung betätigen, denke ich.

Abends gibt es ein Kennenlernessen mit allen Slammern und Veranstaltern. Es werden Hände geschüttelt, kleine Schweinereien gegessen, Biere getrunken, über Szenen und Projekte geredet. Das Goethe-Institut nimmt mich beseite: „Birr-san, wir haben da ein kleines Problem mit deinem Co-Moderator.“ Ich erfahre, dass mein Co-Moderator über eine falsche Ankündigung im Flyer sehr erbost war und üble Drohungen per Email und Telefon ausgesprochen hat. Eigentlich habe man ihn rausschmeißen wollen, habe sich aber nunmehr doch dazu entschlossen, ihn zu integrieren, weil man befürchte, dass er sonst mit seinen Jungs beim Slam auftaucht, und den Laden auseinandernimmt.
„Ich dachte, die Japaner sind das höflichste Volk der Welt!“
„Nee, nee. Der ist Halbkoreaner.“
Ach so!

Am nächsten Tag geben die Poeten nachmittags Workshops. Ich schaue nur bei der allgemeinen Vorstellung zu und fahre dann mit Miyuki vom Goethe-Institut in den Club Jungle, wo der Slam stattfinden soll. Ein Japaner im Anzug begleitet uns. Er ignoriert mich, bis mich Miyuki ihm vorstellt. Wir tauschen Visitenkarten. Mit beiden Händen und Verbeugung. Im Club Jungle erscheint der Clubbesitzer, stellt sich mit Visitenkarte vor. Wir tauschen und verbeugen. Dann eine japanische Poetin. Tauschen und verbeugen. Dann der Praktikant im Club Jungle. Tauschen und Verbeugen.
Wir besprechen das Abstimmungssystem. Ich plädiere für Stimmzettelchen und Wahlurnen, eine Stimme pro Zuschauer. Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt: wenn wir die Abstimmung per Jurywertung machen würden, so müsste ich befürchten, dass die Jurymitglieder aus Höflichkeit jedem Poeten eine 10 geben. Ähnlich bei Applausabstimmung. Als alles besprochen ist, schneide ich Zettelchen zurecht und beklebe Plastikbecher mit den Fotos der Poeten.

Und dann taucht mein Co-Moderator auf. Er trägt nur eine kurze Hose, Flipflops und eine Weste. Für japanische Verhältnisse rangiert er damit noch unter einem Penner. Ich berichte ihm, dass wir uns nunmehr auf ein Abstimmungssystem per Stimmzettel geeinigt haben.
„Don’t tell me that you decided. You’re not the German missionary, ok!“
Oha!

Nun stellt sich auch heraus, was im Flyer schiefgelaufen sein soll: „I’m not a poet. I’m an activist.“ Gerade sei er in Gaza gewesen und habe sich dort als menschliches Schutzschild zur Verfügung gestellt. Nach mehreren Whatdoyouwants und Youdonttalktomelikethats ist mir allerdings klar, dass der Herr wohl kein Friedensbotschafter ist.
Mit Mühe und Not einigen wir uns auf einen groben Ablauf. Dann spricht er mit Miyuki. Und plötzlich wird er sauer. Er redet immer lauter, steht auf, zieht seine Weste aus, läuft mit gebeugten Knien im Raum umher, als hätte er sich in die Hosen geschissen, beginnt zu brüllen, zieht seinen japanischen Pass aus dem Rucksack und donnert ihn auf den Boden. Miyuki verschlägt es die Sprache. Vielleicht sollte ich ihm über den Kopf streichen, denke ich.

Dann ist er plötzlich weg. Jetzt erscheinen alle Verantwortlichen der Kulturinstitute, werden über diesen Ausfall informiert und beraten sich. Ich darf erstmal essen gehen, bekomme aber nicht mehr als vier Sushiröllchen hinunter. „Der sticht mich ab, Kinder“, sage ich zu Peh, Alex und Katja. „War schön, nochmal mit euch essen zu gehen. Gleich werde ich gelyncht. Behaltet mich in gutem Gedenken.“ Ich diktiere Peh mein Testament. Meine unveröffentlichten Manuskripte sollen verbrannt, die Verlaufsgeschichte in meinem Internet Explorer gelöscht werden.

Als ich zurückkomme, ist der Verrückte in Abwesenheit gefeuert worden.
„Und wenn der hier mit seinen Jungs wieder auftaucht?“ frage ich.
„Ja... dann ham wir ein Problem.“
Als er um kurz vor sieben immer noch nicht da ist, fangen wir an. Ich moderiere auf Englisch und bekomme eine japanische Übersetzerin an die Seite gestellt. Ich begrüße, erkläre Regeln, stelle Poeten vor, schreie „Make some noise, Osaka!“ und sage mehrmals: „If you don’t understand the poet: Poetry Slam is not only about the poem, it’s also about the performance.“

Es treten alle elf Poeten hintereinander auf. Der Holländer McKi rappt auf niederländisch, der Belgier Andy Fierens reimt über Gänseleberpastete auf flämisch, Donna Vickxy erklärt auf französisch, warum sie slammt, Dreadlockalien freestylt und heizt ein, Josep Pedrals katalanelt und macht Beatbox mit Diktatorennamen („Chitler, Chitler, P-P-P-Pinochet!“), Peh will von der Welt nicht geweckt werden, Kanayo Ueda performt im Kimono, Gisele Reloaded spricht Spanisch, Japanisch und Catalan, Shingo Nishinari rappt. Was ich noch nicht weiß: zu diesem Zeitpunkt stehen drei der Veranstalter vor der Tür des Club Jungle und diskutieren mit einem aufgebrachten ehemaligen Co-Moderator. In der Pause wird gezählt: 120 abgegebene Stimmen. Und gewonnen hat tatsächlich der, dessen Sprache von den wenigsten Menschen gesprochen wird, der Katalane Josep Pedrals. Er gibt mit den zweit- und drittplatzierten Dreadlockalien und Andy Fierens nach der Pause noch eine Zugabe.
Die Japaner: begeistert. Der Co-Moderator: gegangen. Der Moderator: erleichtert. Poeten und Veranstalter: hochzufrieden.

Geschafft! Jetzt gibt’s Bier. Es werden wieder Hände geschüttelt, Verbeugungen gemacht und Dankessprüche ausgetauscht. Ein paar kleine Japanerinnen sprechen mit den Poeten und geben dabei ihre „Aaaahs“ und „Ooohs“ ab, die ich vom Brandenburger Tor kenne. Keine Visitenkarten mehr, ick hab Feierahmt. Peh kommt zu mir. Ich umarme sie und streiche ihr über den Kopf. Die umstehenden Japaner schauen entsetzt. Ja, ja, guckt ihr nur. Dafür machen unsere Toiletten nicht so ein Gezeter.
Wir gehen essen.
Am nächsten Tag laufen wir durchs verregnete Kyoto. Das Protokoll dieses Tages aber ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Was bleibt und was war? Ein Haufen hochmotivierter Kulturinstitute, deren Mitarbeiter sich ihre sit-upons wundgearbeitet haben, um einen Slam zum Erfolg zu machen, vom Chef bis zur Praktikantin, von Catalunya bis Amsterdam, von Berlin bis Birmingham. Und 170 Japaner im Publikum, die zu begeistern erst als Herausforderung erschien, schließlich aber fast wie von selbst ging. Die Japaner verstehen mehr, als sie zugeben wollen. Selbst wenn ein Vatikanese auf Latein oder ein Lausitzer auf Sorbisch slammen wollte, er würde es schaffen können, eine japanische Crowd für sich zu begeistern. Ein Blogger, der beim Slam im Publikum war, schrieb danach: „They were using different languages and I barely understood most of them, especially Catalan, but the Catalan poet was so hilarious I didn't need to understand what he was saying.“
It’s about performance.

Danke Goethe. Danke Bernard, Steve, Michael, Miyuki, Katja und alle anderen.
Japan ist einen Slam wert.
Ach, eines noch: ein Lob auf den Shinkansen, den japanischen Hochgeschwindigkeitszug. Er ist einen Meter breiter, als der ICE. Man hat 20 Zentimeter mehr Beinfreiheit. Es gibt in jedem Waggon drei Toiletten. Er hält auf den 480 Kilometern zwischen Osaka und Tokio nur drei Mal (nicht wie der ICE, der an jedem Hühnerhof neue Passagiere aufnimmt, die dann orientierungslos durch den Zug stolpern und einander beschimpfen). Und das allerschönste: kein Japaner telefoniert im Zug, redet mit seinem Sitznachbarn oder packt ein stinkendes Leberwurstbrot aus einer Tupperdose.
Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt.