Tag Vier - U20, Einzel & Team Finale

Von Ulrike Schuster , 0 Kommentare
Mittwoch, 24. November 2010
Bild von der Bühne des Slam 2010 in der Bochumer Jahrhunderthalle
Der Slam2010 in der Bochumer Jahrhunderthalle

Zehn Tage ist es nun her: Die internationalen deutschsprachigen Meisterschaften 2010 gehören der Vergangenheit an, doch in den Köpfen der Zuschauer und der Teilnehmer sind sie ganz bestimmt noch präsent – ganz besonders der Finaltag mit U20-, Einzel- und Teamfinale. Wenn dies nicht der Fall ist, dann hoffentlich nach diesem Artikel.

Über 90 Texte in 4 Tagen und unendlich viele Emotionen – Strapazen für Lachmuskeln und Leber, eine Wohltat für das Herz eines Slam-Fans. Der Finalmarathon in der Bochumer Jahrhunderthalle beginnt um 17 Uhr mit der Runde der besten deutschsprachigen Slammerinnen und Slammer unter 20, und die 12 Finalisten bieten sich einen bis zuletzt spannenden Wettkampf moderiert von Lars Ruppel und Frank Klötgen. Während der Schweizer Laurin Buser sich wohlverdient frühzeitig vom Rest des Starterfelds ab- und an die Spitze setzt, sind der zweite und dritte Platz der Finalvorrunde hart umkämpft. Schließlich sichert sich Maximilian Humpert den zweiten Platz, und der dritte geht aufgrund der gestrichenen Jurywertungen an die Berlinerin Josefine Berkholz, knapp vor dem punktgleichen Matthias Vieider mit 93 Punkten. Die Endrunde ist einer der Höhepunkte des gesamten Slam2010, und jeder Teilnehmer hätte auch einen Startplatz im Einzelwettbewerb verdient gehabt. Maximilian Humpert bespricht in einem Teil seiner Reihe „Perlen der Lyrik“, welche er uns in der Finalrunde schon näher brachte, das Gedicht eines 5-Jährigen. Josefine Berkholz bringt Teile des Publikums sowie ein Viertel der Slammin' Poetry-Redaktion mit einer ergreifenden und kraftvollen Performance zum Weinen und sich damit den Vizemeistertitel ein. Und Laurin Buser rockt die gesamte Jahrhunderthalle mit einer scharfen Betrachtung seiner Generation, die ihm in Kombination mit seiner brillianten und beatigen Darbietung unüberbietbare 100 Punkte beschert und zum neuen U20-Meister macht.

Teilnehmerfeld und Wertung U20-Finale:

  1. David Friedrich: 84,5 Punkte
  2. Barbara Bohnen: 63 Punkte
  3. Elias: 85,5 Punkte
  4. Josefine Berkholz: 93 Punkte
  5. Laurin Buser: 94,5 Punkte
  6. Meral Ziegler: 76,5 Punkte
  7. Gregor Stäheli: 82 Punkte
  8. Maximilian Humpert: 94 Punkte
  9. Matthias Vieider: 93 Punkte
  10. Marlena Schönfeld: 81,5 Punkte
  11. Marilisa Herchet: 86 Punkte
  12. Rasmus Blohm: 89,5 Punkte

End-Endrunde:

  • Laurin Buser: 100 Punkte
  • Josefine Berkholz: 96 Punkte
  • Maximilian Humpert: 90 Punkte

Nach diesem grandiosen und emotionalen U20-Finale geht es um 21.00 Uhr weiter mit dem lang ersehnten Einzelfinale. Schon eine Stunde bevor das Moderatorenteam Jonas Jahn und Sebastian23, geschweige denn der erste Poet die Bühne betritt, füllen sich die Reihen der Jahrhunderthalle. In den Vorrunden hat sich ein überraschendes Teilnehmerfeld herauskristallisiert. Die Spannung steigt mit jeder Minute und schließlich jubeln 2000 Zuschauer dem ersten Starter entgegen: „Der Tom“ beeindruckt das Publikum  mit seiner Betroffenheits-Impro frei nach dem Motto „Du und ich und das Gehackte“. Freestyle im Finale – mutig, mutig! Die Jury weiß dies zu schätzen und honoriert seinen Auftritt mit beachtlichen 83 Punkten. Weiter geht es mit Pierre Jarawan, einem sehr talentierten Newcomer mit Siegerpotential. Der Baden-Württemberger schafft es jedoch mit seinem sehr persönlichen Text über gedankliche Abwesenheit und die Konsequenzen seines Dichter-Daseins mit 83,5 Punkten nicht ins finale Stechen. Ganz im Gegensatz zu Daniel Wagner, der unter anderem mit Käsefußnoten und anderen Wortneuschöpfungen für Furore sorgt: Verdiente 85,5 Punkte sorgen dafür, dass er sein Können noch einmal im Stechen unter Beweis stellen kann. Franziska Holzheimer schafft es zwar das Publikum mit ihrem weiblichen Charme in ihren Bann zu ziehen, doch fürs Finale reicht ihr Text „Von Windschatten und Fernweh“ nicht. Sie geht mit 83 Punkten aus dem Rennen. Auch Martin Sieper mit seiner Widmung an alle Vorbilder und Till Reiners, der die Klischeelosigkeit zum Klischee unserer Generation macht, schaffen es mit jeweils 79 Punkten letztendlich nicht sich gegen Jasper Diedrichsen und Patrick Salmen durchzusetzen. Jasper erreicht mit „Wo du stehst mein lieber Freund“, einem Text über Stillstand und gesellschaftliche Morbidität ganze 88 Punkte. Der stolze Bartträger Patrick entlockt dem jubelschreienden Publikum sogar sage und schreibe 97 Punkte. Diese Spitzenwertung toppt er sogar noch einmal im Endfinale und slamt sich mit einem Text über eine Kaffeemaschine auf den ersten Platz (97,5 Punkte)! Daniel beeindruckte mit seinem Text „Warum ich keine gereimten Verse schreibe oder die Muse, die mich disste“: Trotz Assi-Muse geht er mit 95,5 Punkten und dem Titel „Vize-Meister 2010“ nach hause. Platz drei erreicht Jasper Diedrichsen, der mal wieder Dinge ausspricht, die andere Menschen nur denken. Er schafft es mit „Es hilft nur die Notschlachtung“ auf 89,5 Punkte.

Teilnehmerfeld und Jurywertung:

  1. Der Tom: 83 Punkte
  2. Pierre Jarawan: 83,5 Punkte
  3. Daniel Wagner: 85,5 Punkte
  4. Franziska Holzheimer: 83 Punkte
  5. Jasper Diedrichsen: 88 Punkte
  6. Patrick Salmen: 97 Punkte
  7. Martin Sieper: 79 Punkte
  8. Till Reiners: 79 Punkte

End-Endrunde

  • Patrick Salmen: 97,5 Punkte
  • Daniel Wagner: 95,5 Punkte
  • Jasper Diedrichsen: 89,5 Punkte

Aber es ist noch nicht vorbei, auch wenn der deutschsprachige Slam seinen neuen Meister gefunden hat. Nach einer kurzen Pause kehrt das Publikum zurück, um dem sicher unterhaltsamsten Teil der Meisterschaften seine Aufmerksamkeit zu schenken: Dem Finale der Teams. Hier ist wie in keiner anderen Slamdisziplin die Performance ein entscheidender Faktor, und das Teamfinale ist die Gelegenheit, die ohnehin gut durchgeheizten Zuschauer zum Kochen zu bringen. Und sie kochen. Die Jurywertungen tummeln sich am oberen Ende der Skala, als gäbe es keine Noten unter 7,5 – was auch keines der Teams verdient hätte. Aber die Kombination aus trockener, fast schon düsterer Performance und bissiger Gesellschaftskritik des Teams „Team und Struppi“ ist es, die hier im Ruhrgebiet das Publikum vollends auf seine Seite zieht. Mit gnadenloser Schärfe legen Moritz Neumeyer und Jasper Diedrichsen in der Vorrunde ihre Finger auf die Wunden der Gesellschaft, um dann im Finale mit einem darauf aufbauenden Text noch etwas Salz hinein zu streuen – und sichern sich somit den wohlverdienten Meistertitel.

Teilnehmerfeld und Jurywertung

  1. Le Poonie: 85,5 Punkte
  2. Team Tübingen: 80 Punkte
  3. Allen Earnstyzz: 87 Punkte
  4. Team Rocket: 85,5 Punkte
  5. Team Totale Zerstörung: 94 Punkte
  6. Team und Struppi: 96,5 Punkte

End-Endrunde

  • Team und Struppi 98 Punkte
  • Team Totale Zerstörung 97 Punkte

Der offizielle Teil der 14. internationalen deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften ist vorbei, und es bleibt den Organisatoren und Slammern nur noch, vier spannende und mitreißende, oft überraschende und sehr anstrengende Tage zu feiern. Aber von einer Berichterstattung über die After-Show-Party sehen wir ab. Aus verschiedenen Gründen.

Uns bleibt ein herzliches Danke an die Veranstalter und Teilnehmer. Die Organisation war reibungslos, trotz der über den halben Ruhrpott verteilten Veranstaltungsorte, der Slam war von hervorragender Qualität, und nicht zuletzt sind wir als Nichtslammer immer willkommen gewesen, auch wenn wir manchmal blöde Fragen gestellt haben. Danke!

Text: Ulrike Schuster und Matthias Niklas

Kommentare