Meine Top7 2009 - Slammer und ihre Texte

Von Lars Beißert , 0 Kommentare, Donnerstag, 31. Dezember 2009

In wenigen Stunden beginnt das neue Jahr. Höchste Zeit also meine persönliche Top7 der Poetry Slam Texte des ausklingenden Jahres zu küren. Im November 2008 während einer mehrwöchigen Slam Abstinenz entstanden, möchte ich diesen Rückblick also für die vergangenen zwölf Monate fortsetzen und damit eine Tradition beginnen.

Die Entscheidungen für meine Top7 aus 2008 standen unter dem Eindruck des Neuen, hatte ich doch erst Anfang des Jahres meinen ersten Poetry Slam besucht. Die ausgewählten Texte überzeugten mich deshalb in erster Linie durch ihre Intensität – in lustiger, lyrischer, emotionaler Hinsicht und/oder in Bezug auf ihre Intention - und die Poeten waren allesamt gestandene Slam Profis. Nachdem ich in 2009 ungefähr fünfzig Poetry Slams im Raum Berlin besucht habe, ist die Zusammensetzung meiner diesjährigen Top7 etwas gemischter.

Neben einigen wohlbekannten Gesichtern, die fortwährend durch konstant gute Texte glänzen, finden sich auch Slammer, die ich im Laufe dieses Jahres erstmals gesehen haben und die mich zumeist in irgendeiner Weise überraschten. Die Auswahl ist natürlich rein subjektiv und sie zu treffen war nicht wirklich leicht, da ich in den letzten Monaten deutlich mehr als nur sieben gute Poeten erleben durfte. Auf die Nummerierung innerhalb der Top7 werde ich zukünftig verzichten, weil die Poeten und ihre Texte oft sehr verschieden sind und ein direkter Vergleich mir daher nicht richtig erscheint. Die Reihenfolge der sieben Texte stellt also keine Gewichtung dar, sondern spiegelt die zeitliche Abfolge wider, in der ich die Poeten und ihre Texte erstmals erleben durfte. 

Nun aber genug der Vorrede und zur Sache:

„Was wisst ihr schon davon?“ von Anke Fuchs

Anke bescherte mir im Februar beim Rosislam mein erstes Aha-Erlebnis dieses Jahres. In der Vorrunde noch mit einem konsumkritischen, aber witzigen Text punktend, überraschte sie im Finale mit einem nachdenklich und betroffen stimmenden Plädoyer für mehr Verständnis und Offenheit. Während sie „Was wisst ihr schon davon?“ darbot herrschte im Publikum absolute Stille, die nach dem Ende des Texts von brandendem Applaus abgelöst wurde. Leider konnte ich Anke erst zweimal auf der Bühne sehen und hoffe daher, dass sie Berlin in 2010 weitere Besuche abstatten wird.

„Warum Samstag mein Lieblingstag ist“ von Torsten Sträter

Meine Sträter Premiere war der Kreuzberg Slam im März, bei dem der mir noch unbekannte Torsten als dreitagebärtiger, schwarz gekleideter Mann Anfang 40 beim Betreten der Bühne einen leicht verstörten und verstörenden Eindruck machte. Innerhalb von sechs Minuten hatte er mit seinem „Text über Poesie“ das Publikum für sich eingenommen und im Finale mit „Warum Samstag mein Lieblingstag ist“ den Sack zu gemacht. Die Auswahl eines speziellen Textes für die Top7 fiel mir bei Torsten besonders schwer, weil der Mann sich ganz besonders auf eine Sache versteht: mit zahlreichen kurzweiligen und verdammt witzigen Texten sein Publikum zu begeistern. Letztlich ist es dann doch der „Lieblingstag“ geworden, weil mir die langwierig aufgebaute Pointe im dritten Teil des Textes besonders gut gefällt. Dass Sträter im Laufe des Jahres von mir genötigt wurde Slammin’ Poetry mit seinen „Berichten aus dem Hinterland“ zu bereichern, war seiner Aufnahme in die Top7 zwar nicht abträglich. Ausschlaggebend war aber ausschließlich die Qualität seiner Auftritte.

„Das Lied vom Gesetz / Inspiration im Bett“ von Michael Feindler

Michael hatte ich ebenfalls im März zum ersten Mal im Rahmen des Kreuzberg Slams gesehen. Besonders auffällig an ihm scheint mir, dass er seine Texte manchmal so vorträgt, dass dem Publikum nicht sofort auffällt, wann diese zu Ende sind. Dadurch bleibt ihm nicht selten der angemessene Applaus verwehrt. Im März nutze Michael diese Reaktion nach seinem politik- und gesellschaftskritischen Text „Das Lied vom Gesetz“ gezielt aus, um im Zusammenspiel mit dem Folgetext „Inspiration im Bett“ eine köstliche Schlusspointe zu platzieren. Einige seiner Texte wirken auf mich eine Prise zu pathetisch, die besagte Kombination empfand ich aber als sehr gelungen.

„Wirst du mich leiden“ von Jan Koch

Erstmalig aufgefallen ist mir Jan als Teilnehmer im Wettbewerb bei der Berliner Stadtmeisterschaft 2008. In erster Linie ist er passionierter Liedermacher, der bereits auf einige musikalische Veröffentlichungen verweisen kann. Dennoch kann man Jan auch regelmäßig auf deutschsprachigen Poetry Slam Bühnen sehen, wo er seine Liedtexte gesprochen vorträgt. Schon nach wenigen Auftritten hatte ich seine gefühlvollen und präzisen Texte und seine ruhige, sympathische Art lieb gewonnen. „Wirst du mich leiden“ ist mein aktuelles Lieblingsstück von Jan und beschreibt unvergleichlich treffend die Sehnsucht nach Loyalität – hier in der gesungenen Version.

„Supermarktspion“ von Philipp Scharrenberg

Dass Scharri aus meiner Sicht geradezu virtuos dichtet, habe ich bereits in meinem Top7 Bericht aus dem letzten Jahr kundgetan, in welchem er mit zweien seiner Texte vertreten war. In „Supermarktspion“ zeigte Scharri Anfang des Jahres, dass seine Reime nicht nur auf Poetry Slam Bühnen funktionieren. 2009 gelangten vermehrt Skandale diverser Discounter an die Öffentlichkeit, das Spektrum reichte vom Datenmissbrauch bis zur Mitarbeiterentledigung. Während die Schicksale der Betroffenen schnell aus dem Fokus der Medien verschwanden, hat Scharri diese im „Supermarktspion“ in einer bissigen, gesungenen Satire verarbeitet. Dieses Stück hätte so mancher Kabarett Sendung gut zu Gesicht gestanden.

„Ein Meer voll Nimmermehr“ von Daniel Hoth

Daniel ist ganz sicher der Slampoet, der in diesem Jahr an den meisten Berliner Poetry Slams teilgenommen hat. Ende 2008 sah ich seine ersten Auftritte im Rahmen des Rosislam, die das Publikum nur mäßig honorierte. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich ihn regelmäßig bei den verschiedensten Veranstaltungen beobachten und war beeindruckt, wie schnell sich die Qualität seiner Texte und seiner Vortragsweise entwickelte. Nach dem Gewinn einiger kleiner Slams konnte sich Daniel im Juli, beim Poetry Slam im Prater, gegen eine illustre Riege deutscher Slam Prominenz durchsetzen und den Wettbewerb für sich entscheiden. Daniels Repertoire beinhaltet überwiegend Lyrik, die mal direkt und mal metaphorisch formuliert, aber immer persönlich ist. Und so ist auch „Ein Meer voll Nimmermehr“ ein sehr emotionaler Text und verhalf ihm zu Recht zum bereits erwähnten Sieg im Prater.

„Ich weiss nicht mehr“ von Theresa Hahl

Während des Bastardslam im Oktober stand für mich schon nach Abschluss der zweiten Runde fest, dass der Slam bereits entschieden sei und an den Gewinner des zweiten Durchgangs gehen würde. Als ich nach der Pause wieder in den Saal kam, hatte die dritte Runde bereits begonnen und es stand eine, mir bislang nicht bekannte, junge Frau auf der Bühne, die das Publikum in ihren Bann zog. Zwar hatte ich nur noch die zweite Hälfte von Theresas Text mitbekommen, war von ihrer Bühnenpräsenz aber dennoch beeindruckt. Das Finale konnte sie durch ihre sympathische Vortragsweise und mit dem Text „Ich weiss nicht mehr“ souverän für sich entscheiden. Die anschließend von Theresa gegebene, für den Bastardslam eher untypische Zugabe war ein würdiger Schlusspunkt für den überraschenden Verlauf des Wettbewerbs.

2009 war für mich ein Poetry Slam Jahr voll von guter Unterhaltung, überraschenden Wendungen, neuen Eindrücken und Bekanntschaften, unerwarteten Einsichten und schönen Veranstaltungen. Ich möchte mich auf diesem Weg bei allen Slammern und den Organisatoren für ihr Engagement, ihren Enthusiasmus und nicht zuletzt für die geleistete Arbeit bedanken, die Berlin zu dieser lebendigen Slam Szene machen. Ich freue mich auf das neue Jahr!

Lars Beißert

Im Januar 2008 erstmals auf das Thema Poetry Slam aufmerksam geworden, begann Lars im gleichen Jahr mit der Veröffentlichung einer unregelmäßig erscheinende Kolumne in einem Webmagazin, in der er die eigenen Slamerlebnisse verarbeitete. Ende 2008 reichte ihm dieser Rahmen nicht mehr aus und die Idee zu Slammin' Poetry war geboren. Wenn Lars nicht im Umfeld von Slammin' Poetry aktiv ist, arbeitet er freiberuflich im IT Sektor, quält seine Gitarre und liest gerne – vorzugsweise historische Romane und Fantasyliteratur.

Lars Beißert
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