Mehr als Leberkäs' und Brez'n – der Substanz Slam in München

Von Ulrike Schuster , 0 Kommentare
Sonntag, 19. September 2010
Bild vom Moderatorenduo des Substanz Slam
Das Moderatorenduo des Substanz Slam
Foto: Rebecca Rank

Nach drei langen Monaten Sommerpause fand am 12. September 2010 der legendäre Substanz Poetry Slam statt. Insgesamt 10 lokale, nationale und internationale Slammer bescherten den Zuschauern einen furiosen Saisonauftakt. Der Münchner Substanz Slam ist einer der größten Slams Europas und Ulrike Schuster berichtet vom Saisonstart.

Aufgewühlt, gefühlsduselig, inspiriert, beglückt, ausgelaugt, aktiv, überschwänglich, froh – und das alles gleichzeitig. So lässt sich mein Gemütszustand nach einer gelungenen Poetry Slam Veranstaltung am besten beschreiben. Auch meine sonntagabendliche Stimmung am 12. September 2010 lässt sich genau so in Worte fassen - nach dem Substanz Slam in München!

Das Line-up des Abends lässt auf ein Höchstmaß an Genialität in Wortform hoffen. Die sympathischen Moderatoren Ko Bylanzky und Rayl Patzak müssen sich nicht anstrengen um dem Publikum einzuheizen. Ausgehungert nach der langen Sommerpause, sitzen ohnehin schon alle auf heißen Kohlen und können es kaum erwarten den ersten Poeten euphorisch auf der Bühne begrüßen zu dürfen. Diese Ehre wird dann dem „poetischen Ingenieur“ und komödiantischen Lokalmatador Grög! zu Teil, der über die Vorzüge des Services des Kreisverwaltungsreferats München und dessen Beitrag zur Lebensqualität sinniert. Beeindruckend und mit viel Wortwitz stellt er die Daseinsberechtigung des Dokumentenjungels der deutschen Bürokratie in Frage. Weiter geht’s mit dem erfolgreichen Tübinger Poeten Harry Kienzler dessen tighter „Tape-Text“ den Zeitgeist unserer Generation gut auf den Punkt bringt. (Ja, das kann man so stehen lassen.) Für die folgende erste Dame des Abends Doris Henning dürfte es nach diesen zwei amüsanten Hammertexten schwierig werden noch Einen drauf zu setzen. Mit ihrer etwas beklemmenden, masochistisch angehauchten „Liebesgeschichte“ über ein Gefühl, das dem Biss eines Skorpions ähnelt, gelingt es ihr jedoch dem verwöhnten Publikum einen zufriedenstellenden Applaus abzugewinnen. Geballte Frauenpower folgt mit Deanna Rogers, die mit beeindruckender Stimmgewalt ein Stück Londoner Performance Poesie nach München bringt. Last but not least in dieser Runde ist Frauenschwarm Moritz Kienemann. Er sorgt nicht nur für Ohnmachtsanfälle bei den Frauen in der ersten Reihe, sondern auch für inbrünstige Jubelschreie von Fans authentischer Performance Poesie und landet letztlich mit seinem emotionsgeladenen Text über seine kindlichen Enttäuschungen und Schicksalsschläge als kleiner Bruder einer pubertären Schwester im Finale. Nach dieser furiosen ersten Runde haben die Zuschauer sich eine Pause redlich verdient und die Massen strömen aus dem stickigen Substanz hinaus an die frische Luft.

Wer jetzt denkt, es gäbe keine Steigerung mehr, der irrt sich – und zwar gewaltig, wie sich schon nach dem ersten Poeten der zweiten Runder herausstellt: Moritz Neumeier, seines Zeichens Schleswig-Holsteinischer Landesmeister, überzeugt nicht nur mit schauspielerischer Meisterleistung als betrunkener Sohn Gottes, sondern auch mit seinem wirklich animalischen Kulttext „Eiiiich...hörnchen“ mit dem er das Publikum zur Interaktion bewegt und zeigt „wie einfach das doch damals war“. Noch gepusht von Moritz' energetischem Auftritt geht es sofort weiter mit Philipp „Scharri“ Scharrenberg. Er leitet seinen Auftritt mit einer Art schmerzverzerrtem Lautgedicht ein, gefolgt von der Projektion einer Sandwich-Bestellung auf unsere zwanghaft individualisierte Gesellschaft. Der nächste Poet auf der Bühne ist der fränkische Slampapst Michael Jakob, der mit der Beschreibung einer Stigmatisation mit anschließender Jesuswerdung für Lachkrämpfe sorgt. Wesentlich ruhiger wird es mit Leonie Mühlens Kitsch überfrachteter aber wunderschönen Liebeserklärung, die bei dem ein oder anderen (jedenfalls bei mir) ein wehmütiges Raunen hervorbringt. Zur Abrundung malt uns die feengleiche Theresa Hahl aus Marburg die Welt noch ein wenig bunter. Sie schafft es immer wieder die Welt für wenige Minuten aus den Angeln zu heben und das Publikum mit ihren unverwechselbar fantasievollen Texten zum Innehalten zu bringen. Lyrik, die unter die Haut geht, auch ohne große Bühnenaction. Tja, spannender kann diese Runde kaum zu Ende gehen: Ganz ganz knapp setzt sich Scharri gegen Theresa und Moritz durch und das Finale entscheidet sich zwischen dem amtierenden deutschsprachigen Meister und dem lokalen Vertreter Moritz Kienemann!  

Am Ende reichten die hysterischen Schreie aus Reihe eins nicht für den „gescheiterten Künstler“ Moritz Kienemann aus München, welcher seinen Text nach eigenen Aussagen „all seinen Liebschaften“ widmet. Er setzt sich darin mit dem ständigen Drang nach menschlicher Nähe auseinander und präsentiert sich gewohnt geräusch- und gehaltvoll. Als Sieger des Abends geht Scharri nach Hause. Den ersten Platz brachte ihm letztlich sein nigelnagelneuer Text „Die Kinder vom Boulevard“ ein, eine Neuauflage von Astrid Lindgrens „Wir Kinder aus Bullerbü“. Mit dieser episodenartigen Geschichte über die marken- und konsumorientierte Jugend trifft er wie so oft den berühmten Nagel auf den Kopf und grobskizziert somit die Missstände unserer kranken Gesellschaft. Wie beim Poetry Slam üblich geht jedoch nicht nur Scharri als Gewinner von der Bühne, sondern alle Poeten.

Dass München mehr zu bieten hat als Leberkäs'semmel und Butterbrez'n wusste ich – mein erster Slam in der bayrischen Landeshauptstadt hat mich jedoch mehr als positiv überrascht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich selbst zu lang auf keinem Slam war. Ich war in jedem Fall überwältig von der Begeisterungsfähigkeit, der sonst ziemlich unterkühlt anmutenden Münchner. Okay, okay. Spätestens nach diesem Slam sind meine letzten Vorurteile gegenüber des bayrischen Volkes (ich verallgemeinere bewusst) endgültig aus meinem Kopf verbannt.

Danke für diesen wundervollen Abend.

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