Das Leben und Leiden einer jungen Dichterin oder Poetry Slam erweckt die Nation

Von Saskia Kirchner , 0 Kommentare
Montag, 6. Mai 2019
Illustration zu Gedanken einer Dichterin
Leben und Leiden einer jungen Dichterin

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal auf einer Bühne stand. Es war in der Aula meines ehemaligen Gymnasiums; viele bekannte und unbekannte Gesichter blickten müde zu mir hoch. Aufgeregt hielt ich mein Schriftstück in Händen und hoffte inständig, dass bei meinem Vortrag auch niemand einschlafen würde.

Doch der Vortrag lief erfreulicherweise ziemlich gut! Es war so belebend, den geschriebenen Worten mit der eigenen Stimme Leben einzuhauchen. Ich sah die Lyrik durch den Raum flattern und einigen Menschen sanft ins Ohr zwitschern.

Schön waren sie, diese kleinen, feinen Vorträge am Gymnasium. Damals kam ich mir etwas sonderbar vor, mit so etwas „eigenwilligem“ wie Gedichten auf die Leute loszugehen. Aber die Zeiten sollten sich bald ändern.

Gedichte sind Kunst

Man hört und sieht so viel von Kunst. Ganz hoch im Kurs steht natürlich die Musik, am besten unterstützt von heißen Tänzen und gottesgleichem Schauspiel. Aber Gedichte? Doch dann kam der Aufschwung, dann kam POETRY SLAM! Eine neue Kunstform, etwas Frisches natürlich mit englischer Bezeichnung, denn wer möchte sich schon eine „Dichterschlacht“ ansehen?

Doch ob Schlacht oder Slam, ich bin erstaunt, wie sehr die Leute Lyrik zu lieben scheinen. Das Angebot ist groß, denn bei den Poetry Slams hauen sich junge, kluge Leute ihre philosophischen und poetischen Meisterleistungen um die Ohren. Und das Publikum wird pro Vortragenden für fünf Minuten in fremde Welten entführt. Ob man rührig wird, da eine Ode an die verflossene Liebe getextet wurde oder ein Strom von Lachtränen die Schminke verwischt. Die Poesie schafft vieles. Wunderbar und immer wieder erstaunlich!

Poesie ist Zauberei

Und was kann die Dichterin dazu sagen? Ich kann hierbei nur für mich und aus meinen eigenen Beobachtungen heraus sprechen. Ich finde es ist einfach berauschend, wenn mich der „Blitz“ durchfährt und mit einem Mal die Worte aus mir herausfließen. Meine Poesie ist wie ein starker Fluss, der von müden Steinen des Alltags zugeschüttet wurde. Wenn die Muse, diese gute Fee, angeflattert kommt, werden mit einem Wedeln ihres Zauberstabes alle Brocken aus dem Weg geräumt. Bling! – und mit einem Mal ist der Text da. Mal lustig, mal traurig, mal wütend, aber auf jeden Fall authentisch.

Zeiten des Wettkampfs

Etwas Sorge bereitet mir der große Wettbewerb, oder die „Competition“, wenn wir bei frischen und englischen Begriffen bleiben wollen. Klar, in einer Welt voller Leistung wollen wir Gewinner sehen. Doch gerade beim Poetry Slam kann dies tückisch werden. Denn bei welchem Künstler klatscht das Publikum am lautesten? Bewertet die Jury so objektiv wie möglich? Und wie authentisch kann ich als Künstler mit meinem Wesen und meinen Texten wirklich bleiben, wenn ich das Publikum doch unbedingt erreichen und die Beste sein will?

Klein gegen GROSS

Ich denke, für Menschen, die gerne mit ihren Texten munter in die Welt hinaus stapfen wollen, sind auch kleine, feine Slams eine gute Adresse, um sich das Herz auszuschütten. Letztens bin ich über einen Würfelslam gestolpert. Ich erschien dort zunächst etwas skeptisch über das geplante Prozedere. Doch letztlich war er wunderschön organisiert, in kleinem Rahmen, jeder Poet auf seine Weise talentiert. Neben einer Jury aus dem Publikum wurde ein wichtiger Anteil von Zusatzpunkten ausgewürfelt. Ja, gewürfelt! Sicher unkonventionell, aber auf eine etwas verdrehte Weise fair, wie ich fand. Hier kam einfach jeder zu Wort und jeder hatte seine Geschichte zu erzählen – seien es Texte zu Liebeskummer, Zombieapokalypsen oder Gott und Teufel, die Schach spielen. Am Ende gewann die Kunst. Und in der Kunst ist alles möglich.

Aber auch die großen Schlachten sind mitreißend – tausende von Zuhörern, buntes Bühnenprogramm und beinahe schauspielerische Meisterleistungen. Stimmen, die die Wahrheit sprechen.

Doch ob klein oder groß – Poetry Slams bleiben famos. Ein Trend, dem ich nach wie vor staunend entgegensehe, der mich gefangen nimmt und an den ich mich als Dichterin noch gewöhnen muss. Denn ich kenne sie eben noch aus Gymi-Zeiten, die Literaturwettbewerbe, Tiefschlaf garantiert!

Aber diese Zeiten sind vorbei. Ohren auf und genießen! Der Poetry Slam hat uns wieder aufgeweckt.

Saskia Kirchner
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