Mit dem Känguru in Richtung Sonnenuntergang

Von Sergej A. , 0 Kommentare
Sonntag, 13. Februar 2011
Bild vom Fuck Hornisschen Orchestra auf der Bühne
Das Fuck Hornisschen Orchestra auf der Bühne

Schon in der Bibel steht geschrieben: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei." Aber das ist kein Trost bei dem Gedanken daran, dass Marc-Uwe Kling dem Kreuzberg Slam als Moderator den Rücken kehrt und samt Känguru weiterzieht.

Daher wurder kurzerhand links und rechts Slamprominenz aus dem Ärmel geschüttelt, das ganze oben und unten mit Musik verschnürt, und fertig war das Abschiedsgeschenk an das prall gefüllte Lido - der Kreuzberg Slam im Dezember.

Das Line-Up hatte natürlich die Runde gemacht und für zahlreiche Gäste gesorgt. Bereits um 19:30h stand die Schlange vor dem Lido ein gutes Stück um die Ecke - so waren die hinten wenigstens direkt am Späti zum Frustsaufen in der Kälte. Um halb neun kuschelte man sich hier ein bisschen mehr, dort ein bisschen weniger beisammen und Marc-Uwe erklärte den Neuen und den Demenzpatienten die Regeln und den richtigen Einsatz der Hände bei solch einer Veranstaltung. Letzteres durfte rasch am zweiköpfigen Soundtrack des Abends, dem Fuck Hornisschen Orchestra, erprobt werden. Dieses besteht aus Julius Fischer und Christian Meyer und wurde an jenem Abend noch durch einen Rucksack unterstützt. "Verpasste Gelegenheit" und "Lightnings letzte Hoffnung" bereiteten den Weg für die Slammer der ersten Runde.

Den Anfang machte das Team LSD (Liebe statt Drogen) mit Micha Ebeling samt Volker Strübing und ihrem durch Eminem und Rammstein geförderten Märchen über ihre Vergangenheit als tapfere Recken.

Julian Heun folgte solo mit einem Text der alte und neue deutsche Romantiker gekonnt zusammengeführt hat. Dem Connaisseur deutscher Dichtkunst sind die Parallelen zwischen Eichendorff und Bushido, Saad, als auch Bass Sultan Hengzt bereits bekannt - schön, dass Heun es aber auch uns einfachen Menschen vor Augen geführt hat. Als nächste kam Peh auf die Bühne und traf in "Was hast du das letzte Jahr so gemacht?" eine Freundin aus alten Zeiten, welche mitten in der Familienplanung steckte. Doch Peh vertrat unter anderem eher "das Glück zu zweit, zur richtigen Zeit, statt für die Ewigkeit". Die zwei Glücklichen waren nach Runde 1 jedoch das Team LSD und Julian Heun, da der Lautstärkepegel nahezu identisch war und das hohe Gericht die letzte Instanz anrufen musste: die flowerpowerumwobene Hippie-Scheiße.

Um der Baumdrückerstimmung entgegen zu wirken musste das Fuck Hornisschen Orchestra erstmal in der Trickkiste die Ecken auskratzen. Da konnte nur noch der "Bahndammbrandmann" helfen und Fischer verlieh der Menge wieder das Prädikat "Partypeoples".

Die zweite Runde wurde von dem Team Agrar Berlin mit "Kebab" eröffnet. Sie nahmen einigen Zuschauern die Erinnerung aus den Köpfen, denn "was ist nach dem Feiern schöner zu reiern, als Döner mit Ayran"? Nach dem "Dönerwetter" betraten Bo Wimmer und Lars Ruppel, alias Team Rocket die Bühne. "An den Sommer" war für die Jahreszeit optimal. Es wurden prompt Pläne für den nächsten Sommer geschmiedet. Der Satz "If you don´t understand the feeling - poem!" griff einen Spruch auf, den jeder Neuling in umgewandelter Form in der Slam-Szene früher oder später zu hören bekommt - JEDER. Victoria-Louise Seifried beschieb in "Sprachrealität" die Kraft der unscheinbaren Worte. Unscheinbar bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie von einem besonderen Menschen ausgesprochen werden. Sebastian23 schloß die Runde mit den "Umwege(n) des Interessiert-Mich-Ponys" ab und schilderte seine Therapie gegen schlechte Laune, wenn man gerade mal nicht im eigenen "Haus in der Toskana" entspannt oder "seinen Namen auf die Überholspur kackt". Team Rocket und Sebastian23 slammten sich eine Runde weiter. Ja, Hippie-Scheiße reloaed, aber es wurde ja auch Abschied gefeiert, also wollte sich niemand so anstellen.

Die Masse wurde für eine Viertelstunde in die Pause entlassen und das Ausmaß der Besucherzahl wurde nicht nur im Raucherbereich, sondern erst recht auf den Toiletten bemerkbar. Der Bereich für Mitglieder wurde von einer Reihe Ohnegliedern bevölkert. Aber gut, immerhin waren so die Pissoirs wenigstens frei, da keiner neben "den Mädchen" machen wollte. Frisch entleert und verqualmt konnte der Abend weitergehen.

Zuvor ließ Marc-Uwe Kling aber noch das Känguru Marx zitieren: "Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet." Vielleicht sogar an dem Zitat orientiert, folgte Jan Koch, samt imposanten Bartes und Gitarre, mit "Wieso Berlin?". Gewidmet an den einen besonderen Fan im Publikum, machte seine getarnte Liebeserklärung das Publikum mundgerecht für die dritte Runde. Mischa Sarim-Verollet verarbeitete seine Kindheitstraumata in "Karton". Wie sein Therapeut die angeratene Auseinandersetzung mit den Lügen der Erzeuger bewertet wäre sicherlich interessant. Es folgte Xóchil Schütz mit "Segeln". Die Probleme einer Frau, als Mann natürlich ebenfalls nicht zu bewältigen. Dem "Leinenzwang" in einer Beziehung entgeht man nur als Segler, doch die hohe See hält keinen ewig. Das Team Totale Zerstörung - bürgerlich: André Herrmann und Julius Fischer - befasste sich mit dem intergeschlechtlichen Durcheinander auf ihre Art und Weise. "Girls, Girls Girls" als Loblied an die Damenwelt, oder teilweise als Hasstirade an "Malte".... der ganze Saal hasste Malte und sein Sixpack. Wenn die beiden nach der Nummer nicht jedes Mal mindestens zwei Frauen und einen Ladyboy abschleppen, dann verstehe ich die Frauen wieder ein Stück weniger. Die Ladyboys auch. Ob es nun die Antipathie gegenüber Malte und seinen tollen Augen war oder nicht, das Team Totale Zerstörung wurde in das Finale gejubelt. Ohne Hippie-Scheiße - es gibt also mindestens einen Gott.

Im Anschluss trat die Lesedüne, bestehend aus Kolja Reichert, Sebastian Lehmann, Maik Martschinkowsky und Marc-Uwe Kling, auf. Als Copymonster beschrieben sie in "Kopieren statt Kapieren" die Copy&Paste-Attitude verschiedener Berufszweige und rundeten das ganze mit einer Darbietung der darwinschen Entstehungstheorie im Copy&Paste-Universum ab.

Das Finale liess nicht lange auf sich warten und Sebastian23 durfte schon als erster Geloster an das Mikrofon treten. Er widmete "Da (Ich bin der Fragen voll und überdrüßig)" Marc-Uwe, als Mitleidender, als Philosophiestudent a.D. "Nach 2500 Jahren Philosophie darf man zugeben keine Antwort zu haben - wir sind womöglich einfach so." Das könnte so einigen Studieninteressierten viel Zeit sparen. Team Rocket folgten mit "Wenn man seine Augen öffnet...". Eine Aussicht auf eine dystopische Zukunft in der zwar Österreich in einem Loch versunken ist, der Planet jedoch durch menschliches Zutun "eiskalt und blutleer auf begradigten Bahnen" seinen Lauf nimmt.

Die Frauenversteher vom Team Totale Zerstörung waren nun an der Reihe und widmeten ihren Auftritt Andy Strauß. In "Egal" sagen sich beide gegenseitig ihre Meinung und verdeutlichen, dass Botschaften nur was für Länder seien. Wie wichtig das Wort egal mir seit dem doch scheint. Der zweite Solist des Finales, Julian Heun, zeigte "Belinda" in "Warum ick keine Liebeslyrik schreibe, bäibäh", dass er mit dem Nichts eine schönere Zeit verbringt als mit ihr. So still wie die Füllung des Lidos war, erinnerten sich viele nur zu gut an ihre persönliche Belinda. Mit dem Team LSD starteten die letzten Teilnehmer des Finales. Ihr Text machte klar, dass es durchaus Vorteile an hässlichen Dingen gibt. So vermisst man Oldenburg beim Verlassen nicht. Nicht mal das "Intimchen". Ob der Text eine Anspielung auf Klings Abschied war sei in diesen Zeilen dahingestellt.

Nach Beifall-O-Meter standen sich das Team Totale Zerstörung und das Team Rocket gegenüber. Ein Gewinner musste her! Durch eine zu gute Kindheit beflügelt, ernannte ein Gast aus der Menge lautstark die Poesie zum Gewinner des Abends... Weichei. Kling hingegen wusste wie echte Männer solch eine Situation regeln: Schnick Schnack Schnuck und das Gewinner-Megafon ging an das Team Rocket!

Selbstredent wurde Marc-Uwe Kling noch für seine Leistungen im Kreuzberg Slam seit 2007 gelobt und gebührend von der Bühne gejubelt. Das Fuck Hornisschen Orchestra durfte den Abend noch musikalisch abrunden mit "Wir weinen am liebsten im sitzen". Optisch aufgewertet wurde Julius Fischer durch ein blinkendes Leuchtherzchen am Revers und eine ebenfalls blinkende Sonnenbrille. Der Mann hat einfach alles im Leben erreicht. Ich verlange blinkende Schulterpolster für beide zum nächsten Auftritt! Verwirrt durch die eigenartige Mischung aus Mitleid und Erregung wurde die atmende Dekoration abschließend auch noch von Marvin Gayes´ "Let´s get it on" beschallt und durfte den Saal offiziel verlassen. Bevor es zu heiß wurde habe ich es noch geschafft auf die Straße zu gelangen, da der Männeranteil subjektiv betrachtet zu hoch war - d.h. mehr als zwei. Und Marvin Gayes hat einfach zerstörerische Kräfte. Das war er also, der Kreuzberg Slam vom 07.12.2010.

Alles in allem hat das Line-Up die Erwartungshaltung vollkommen erfüllt, sogar der Wettstreit zwischen Teams und "Einzelkämpfern", hat meine anfänglichen Zweifel beseitigt. Besonders die musikalischen Knautschzonen waren eine bessere und gesündere Alternative zu weiteren Pausen. Nun muss der Weihnachtsmann sich seine Wurstfinger nach so einer Blinkebrille für mich wund suchen, sonst verrate ich Wikileaks seine dreckigen Geheimnisse.

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