Berichte aus dem Hinterland – Sträter in Berlin – Teil 1

Von Sträter , 0 Kommentare
Sonntag, 24. Januar 2010
Bild von Thorsten Sträter am Microfon

Wenn man im Ruhrgebiet auf Slams geht, also als Performing-Artist-Poet Wasauchimmer, bleibt es überschaubar, zumindest meistens. Du kennst die Gesichter, lächelst in sie hinein, kippst in dein eigenes ein Bier und dann geht’s los. Das Verhältnis Slammer-Zuschauer beträgt meistens so eins zu zehn, manchmal wird es voller, man kennt das.

Schöne Bühnen haben wir hier, Herrschaften. Besonders sexy: Die Heldenbar in Essen, Jules Papp in Krefeld, der legendäre Freibeuter zu Bochum oder mein geliebtes Subrosa im Dortmunder Hafen. Berlin ist ein anderes Kaliber. November 2009.

Deswegen traf mich der Anblick des Lido hart. Nicht, weil das ein häßlicher Bau wäre … Quark. Ich hatte einfach das Lampenfieber verloren, irgendwann zwischen den ganzen Auftritten auf Heimatboden und der reizüberflutenden NACHT DER TALENTE – aber während ich wie ein Satellit kreiste, um meinen Wagen abzuparken, sah ich es vier, fünfmal: das Lido, davor die unfassbare Schlange von Menschen, die artig anstanden, um sich kurze Texte zu geben. Ich hockte in meinem Auto und fackelte ab vor Nervosität. Das ging doch gar nicht. Schon wieder Lampenfieber?  War ich aus diesem Holz geschnitzt? Dafür, dass Kreuzberger Nächte dem Gerücht nach lang sind, konnte das hier für mich schnell zuende sein. Ich überlegte kurz, ob ich mich rasch für den Rest der Nacht irgendwo hinstelle, um meine Texte zu überarbeiten, weg von »Kommt ne Frau beim Arzt«, hin zu Kästner oder Baudelaire oder wenigstens irgendwas mit rotem Faden. Dann überschwemmte mich wieder dieses Gefühl, das mich oft genug in Schwierigkeiten gebracht hatte: Komm, ist egal jetzt. Diese spezielle Empfindung rangiert im Schwierigkeiten-Ranking momentan auf Platz zwei, direkt hinter der Allerweltsformulierung »Du siehst Scheiße aus, was ist dein Geheimnis?«, aber ich war mir sicher, »komm ist egal jetzt« würde mir nun den finalen Nagel in den Schädel treiben.

Haltstopp: Die Chronologie meines Aufenthaltes in der Hauptstadt muss anders angegangen werden. Denn an sich war ich ja zuvor woanders aufgetreten.
Weswegen war ich im Kern in Berlin?

1. Fritz Nacht der Talente,
Auch 1. Kreuzberg-Slam im Lido,
2. Pot-Slam,
3. Wegen Berlin eben. Die ganze Latte: 3D-Filme, »der frühe Vogel kann mich mal«-Frühstücksbrettchen, Hackesche Höfe, das ganze Feeling so, kennt man, Berlin halt, so Sträter in Berlin, Handy klingelt, »Ey, wo bistn grad?«, ich (gelangweilt): »Berlin, Alter«, »Was machstn da?«, ich (total abgeklärt): »Ach … (künstliches Zögern) … so Auftritte halt …«
4. Currywurst.

Aber zuerst … was kam vorm Kreuzberg-Slam? Die Fritz Nacht der Talente. Die geht so: Im ehrwürdigen Admiralspalast richtet Radio Fritz eine Show aus, die zugegebenerweise Ihresgleichen sucht. Große Bühne. Recht viele Stühle. Recht viele Menschen. So 1700. Wer mal wieder dringend das Gefühl braucht, von Zuschauermassen erschlagen zu werden, dem sei die Nacht der Talente ans Herz gelegt. Das Konzept lehnt sich lose an das der GONG-SHOW an, sieht man davon ab, dass bei der GONG-SHOW Leute auftraten, die zur Selbstüberschätzung neigten und »Tür an Tür mit Alice« mit einer Stimme sangen, mit der man gefrorenes Brot schneiden konnte. Die wurden dann quasi hingerichtet. Talentierte Messerwerfer hingegen, oder Großmütter, die »my heart will go on« sauber auf die Kette kriegten, wurden umjubelt. Fertig. Radio Fritz lädt keine schlechten Leute ein. Natürlich muß ich das sagen, aber es stimmt auch. So nervig die Abläufe der Nacht der Talente sind, so professionell sind sie organisiert. Der Berliner weiß es zwar, aber trotzdem: Es werden Bands und Einzelmusiker sowie Leute für die Rubrik »Wort« eingeladen; diese treten nach Kategorie gegeneinander an, der Applausometer bestimmt dann, wer gewinnt. Fertig. Showbeginn ist um 20:00 Uhr, aber das Erscheinen der Künstler war für 13: 00 Uhr angeordnet.

12:00 Uhr am Tag der Show
Ich wohne im Plaza. Im PLAZA!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Und ich habe ein Zimmer mit Wanne, Balkon, Doppelbett, W-LAN, Flachbildfernseher, Schrank und Arbeitsplatz. Alles auf 8 Quadratmetern. Das Flach-TV muß schon sein, weil ein Röhrenfernseher gar nicht gepaßt hätte, die Wanne hat Ausmaße, die es möglich machen, ein paar Socken der Länge nach hineinzulegen, sofern diese nicht größer sind als 42, und wenn ich meine Schuhe auf den Balkon stelle geht die Tür nicht zu. W-LAN geht auch nicht; mein Laptop lutscht stundenlang in der Luft herum, findet aber nichts. Ich überlege, den Raum komplett einzunebeln, vielleicht sieht man ja ein schillerndes Strählchen. Ich lasse es. Ich öffne stattdessen den Kleiderschrank und reiße mit der Tür das Nachttischchen um. Ich verfüge über 5 Paar Jeans und 5 schwarze Hemden; entscheide mich, Jeans und schwarzes Hemd zu tragen. Hier im Plaza wird echt auch nur mit Wasser gekocht, wie man so sagt, aber da ich ja selbst auch als »Künstler« bezeichnet werde, obwohl ich nur ein älterer Typ bin, der von zerknitterten Blättern abliest, bin ich versöhnlich drauf. Treffe am Potsdamer Platz Tobi Katze aus Dortmund, meinen Mitstreiter in »Wort«. Weiter zum Admiralspalast. Sieht tagsüber aus wie das Mausoleum eines DDR-Diktators, aber wie wir später feststellen, fehlt nur Kunst-Licht, und der Palast wird tatsächlich zu einem. An seinen Texten arbeitend und Kaffee schlürfend finden wir Andi Substanz aus Münster vor; ebenfalls ein guter Mann, den ich angeschleppt habe, wollte ich Tobi und Andi doch glücklich machen, von wegen TAUSENDE MENSCHEN! TEXTE! ROCK N ROLL! So richtig schlau war das nicht.

Drinnen: Bombast. Unfaßbarer Stuck-Gold-Samt-Bestuhlungs-Logen-Alarm, fein, ehrwürdig, gigantisch: wir schreiten die Bühne ab, machen Soundcheck, und schon beim Anblick der 2000 leeren Sessel gefriert mir das Wasser im Arsch. Für mich ist ein Soundcheck ohne schäbige Rückkopplungen ja kein Soundcheck, aber in Berlin kommt man ohne aus. Die Soundtechnik ist, und an sich hasse ich diese Phrase, »vom Feinsten«. Überall wuseln zudem helfende Damen, und mir wird klar: Attraktivität ist ein ergänzendes Einstellungskriterium bei Radio Fritz. Na gut. Da bin ich der letzte, der sich beschwert. Wir bekommen eine Garderobe zugewiesen, und dort treffen sich dann:

  • Tobi Katze, Dortmund
  • Daniel Hoth, Berlin
  • Andi Substanz, Münster
  • Der Gotti, Berlin

...und ich, der Sträter

Eine Dame von Radio Fritz weist uns ein, nein, sie nordet uns ein, stellt uns auf die Koordinaten des kommenden Abends, justiert uns bis in die Untiefen unserer Seelen. Das Ding ist so gut organisiert, dass ich nervös werde, da ist nichts von »Hömma, ist der Sträter da?«, »Nee, der parkt gerade irgendwo, kommt schon.«.
Von wegen, echt.

14:30 Uhr
Wir haben Freigang. Hoth, Katze, Substanz und ich bebummeln die nähere Umgebung, frequentieren ein Lokal am Eck, und zumindest ich bin 12 Minuten später voll wie ein Pisspott. Die anderen steuern systematisch gegen, entspannten sich recht kompakt, aber ich vertrag vieles nicht, und wenn ichs vertrage, dann nicht viel davon. Was? Nein. Der Satz bleibt so. Zwischendurch zwinge ich die Herren, mit mir in Boutiquen zu latschen. Das ist mein Mittel gegen Lampenfieber. Mögen andere doch Eimer rauchen, Ponys mit Panzerband einwickeln oder Absinth trinken: Mir hilft, wenn ich ein Oberhemd kaufe. Erfolglos. Das kann ja was werden.

16:00 Uhr
Zurück im Palast. Klingt wie aus einer Aladdin-Verfilmung, ist aber so.

17:00 Uhr
Die große Einweisung durch Ken Jebsen.
Er ist völlig entspannt und witzig, und ich hasse ihn mehr dafür, als ich je einen Menschen für irgendwas gehaßt habe. Nervosität ist ja gar nicht das Problem. Sie zu überspielen ist es. Man möchte schlotternd durch die Gänge taumeln oder mit in leerer Luft melkenden Händen vor sich hin jaulen, aber irgendwie kommt es besser, so zu tun, als sei man Clint Eastwood. Dat schlaucht.

19:00 Uhr
Man läßt die Menschen, nein, die Menschheit ein. Berlin, so sagt mein Ruhrgebietsverstand, muß leergefegt sein, diese I AM LEGEND-Kiste; ich bin sicher: gehe ich jetzt in die City, ist da keiner. Verwaiste Currywürste ruhen auf Warmhalteplatten, Ampeln durchspringen in der Stille ihre Phasen, leere Taxen mit offenen Türen stehen stumm auf Kreuzungen. Das ging doch gar nicht. Wie viele waren das? Zwei Milliarden? Alter, ist das voll im Palast.

19:30 Uhr
Bands und Wortleute lümmeln sich im Catering-Bereich, jetzt noch groß durchs Gebäude streunen ist verboten. Ken Jebsen hat von Kapuzenpulli zu Anzug gewechselt, Katze, Hoth, Substanz und ich von Lässigkeit zu Nervosität. Lokalmatador Gotti scheint völlig entspannt zu sein, ist aber auch nicht oft zu sehen.

20:00 Uhr
Showtime. Renato Kaisers »ich bin nicht da«-Clip läuft auf großer Leinwand, die Gewinnerband der letzten Veranstaltung, »My new Zoo« rocken das Haus, wir lesen derweil in den Eingeweiden des Gebäudes verborgen den Ablauf und kennen nun die Reihenfolge unserer Auftritte.
Na juhu.

20:01 Uhr
Wir werden herumkommandiert. Das ist für eine Live-Show dieser Dimension erforderlich, klar, aber mir geht es auf den altehrwürdigen Sack. Zumal wir von der Show nix mitkriegen. Zumal ich mal ein bis neun Bier bräuchte, aber das gibt’s erst um 22:00 Uhr, damit wir nicht lallend auf die Bühne krabbeln. Daniel Hoth beginnt, und wir halten hier zwei Ding fest:
1. Der Typ ist gut, bombig, und er nimmt seine Kunst ernst. 
2. Nach einer Rock'n'roll-Breitseite kommt Lyrik überhaupt nicht gut an.
Knapp 3 Minuten soll er performen, dann erscheint ein Fragezeichen hinter ihm auf der Leinwand, und dann kann »ach nö« oder »weiter!« gebrüllt werden, getobt, geklatscht, gebuht. Das Publikum scheints eilig zu haben und bremst Hoth aus. Das ist hart. Nach knapp zwei Minuten kommt er von der Bühne. Er ist gefaßt. Aber wir anderen nicht. Worauf haben wir uns denn jetzt schon wieder eingelassen? Wie doof kann man sein? Hühnerpisse. Der von mir hochgeschätzte Andi Substanz legt los, und es läuft nicht viel besser.

Hier also mein Tipp für virtuose Lyriker:
Du bist wortgewandt, kannst reimen, deine Texte frei performen? Gut!
Dein Anliegen sind geschmeidige und in Form geschliffene Gedanken, die nicht zuerst auf echte Brüller abzielen? Noch besser, aber NICHT bei der Nacht der Talente. Du gehst nicht mit ernsten Gedichten in den Quatsch Comedy Club, also tu das auch nicht bei der Nacht der Talente. Vielleicht wars der falsche Abend für anspruchsvolle Wortmontagen, und ich irre mich hier, aber nach meinem jetzigen Wissensstand und in Anbetracht überbordender Altersweisheit sag ich einfach mal: Ich habe recht.

Mein Freund Tobi Katze, Dortmund, legte dann stark los, und der Text, den er da vor 1700 Leuten raustat, ist fraglos witzig, hat aber im mittleren Drittel eine erzählende Komponente, und nicht viele hatten Lust, mal eben so 2 Minuten Zusammenhang zu hören, da ging wieder Buherei los. Astrein.

Ich trete auf. Geil: Hinter dem Vorhang stellt man mir das Mikro auf Mundhöhe ein. Ich bin nervös. Man muß bis zum Mikro mindestens noch 10 Meter latschen. Ken Jebsen moderiert mich an. Ich gehe los. Es läuft. Mein Text ist viel zu lang, ist eben so, und Clowns machen mich wahnsinnig, so überhaupt, nicht nur die. Ich sehe mich schon auf YouTube, wie ich völlig aufgelöst einen dieser geschminkten Derwische verwämse, aber es läuft weiterhin. Ich gehe ab, es fühlt sich gut an, wird aber nach wie vor vom Scheitern meiner Mitstreiter getrübt.

Musik, Musik, alles High Level, vor allem der Typ, der auf dem Wok Musik macht. Muss man gesehen und gehört haben. Gotti aus Berlin hat die Eier, einen Diavortrag zu halten. Der wird live im Radio übertragen. Tosender Applaus.
Letztlich gewinne ich in Wort, die furiosen LEYAN in Musik, es gibt einen schicken Glasstatuenpokal, ich esse ne Currywurst gegenüber dem Palast und bin müde. Zwischendurch gabs noch ein bißchen Heckmeck, den wir hier verschweigen wollen. Ok, denke ich, Sträter, alte Pottsau, du bist durch.

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Mit Marc-Uwe Kling, Pizza, John Lennon und dem schönsten Raucherzelt der Welt. Folgt in Kürze.

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