Berichte aus dem Hinterland – Bochum, Freibeuter Slam, 06.09.2009

Von Sträter , 0 Kommentare
Montag, 21. September 2009
Torsten Sträter berichtet aus dem Berliner Hinterland

Ungeachtet dessen, dass Grönemeyer meint, »Bochum, ich komm aus dir - Bochum, ich häng an dir« würde sich reimen, ist Bochum vermutlich die Poetry Slam Hochburg im Ruhrgebiet. Das könnte daran liegen, dass Sebastian23 hier seine Wurzeln hat, die er, wie später noch aufs Tapet kommt, gerne mal als Plastik-Preis auslobt. Sebastian23 hat hier auch seine Wohnung, samt in den Freibeuter outgesourctem Wohnzimmer.

Den »Freibeuter« kennen vermutlich selbst die meisten Berliner Helden. Baulich überschaubar, gibt sich dieses Lokal mit seinen Bildern von im Sturme taumelnden Fregatten recht grimmig, sodass man erwarten muss, der Service ticke ähnlich – Bier bestellen, Stahlhaken in die Fresse, aber weit gefehlt. Tatsächlich taugt der Freibeuter zum Universal-Wohnzimmer für jedermann, und die Herrschaften hinter dem Tresen sind extrem freundlich. Nur dass mans mal erwähnt hat.

Und ich hatte Wohnzimmer nötig, nachdem ich mit Andy Strauß einen Auftritt auf dem Zeltfestival Ruhr hatte, und zwar 2 Stunden, bevor dort Patricia Kaas auftrat, was dazu führte, dass sich einige Zuhörer und Anhänger gepflegter Chansons über den in unseren Texten etwas inflationär benutzten Begriff »Penis« echauffierten. Das mag schon so in Ordnung sein, aber wenn es in einem Text um Penisse geht, wenn auch nur am Rande, dann ist Penis auch das korrekte Wort. Von »Rohr«, »Schwengel«, »Löres« und dem allseits geschätzten »Pimmel« war nie die Rede, und statt dem medizinisch korrekten »Penis« anbiederndes Wortkonfekt wie »Liebesknochen« oder »Lanze« zu benutzen, kam nicht in die Tüte, auch wenn es besser zum Chanson-Publikum gepasst hätte. Vielleicht. Ich weiß, dass »Liebesknochen« gern in einschlägigen Romanen Verwendung findet, aber hier im Ruhrpott kann man Liebesknochen, eine Schaumzuckernascherei, an jedem Kiosk kaufen.

Zurück zum Thema. Ich selbst hatte mich wegen Krankheit am Samstag vom Slam abgemeldet, und mit Wünschen zur guten Besserung befrachtet vor der Playstation 3 gehangen, in 30-sekündigen Abständen das Wundermittel MEDITONSIN gekippt und BATMAN-ARKHAM ASYLUM gespielt. Dieses Spiel ist ein Kunstwerk. Nicht nur, dass hier mit feiner Grafik und dufter Synchronisation geprotzt wird, auch schlägt die Storyline wilde Haken, aber eines gibt es doch zu monieren: Batman holt im Verlauf des Spiels Ausrüstungsgegenstände wie ein »Detonationsgelspray« aus dem Kofferraum des Batmobils, und nach gefühlten 40 Jahren BAT-Fan-Daseins frage ich mich: was für ein Kofferraum? Ein Astra hat einen Kofferraum, verdammt. Ein Golf. Was liegt in Batmans Scheißkofferraum? Ein Warndreieck und eine dieser orangefarbenen Westen? Was soll das denn?  Und was kommt als Nächstes? Hat der Joker so eine Herrenhandtasche mit Ec-Kartenfach vorne links und einem Schlitz für den Kamm?  Jedenfalls hatte ich nach 8 Stunden Schurken verwämsen nicht nur das Gefühl, Batman voll im Griff zu haben, ich verspürte auch die immer dominanter werdende Empfindung, dass BATMAN mich sehen konnte, irgendwie. Das konnte an dem Eimer Meditonsin liegen, aber irgendwie dachte ich, BATMAN wäre in der Lage, in mein Wohnzimmer zu sehen, in voller Kampfmontur, und dort einen fett werdenden Kerl in einer Gymnastikhose von Takko zu erblicken. Ich beschloss, wieder gesund zu sein und teilte 23 meine Genesung mit.

Sonntag, 20:12 Uhr. Wie immer zu spät. Vollgas. Jens Hinrich Hellmann war aus Bremen da, pünktlich. Mischa-Sarim Verollet aus Bielefeld. Pünktlich. Tobi Kunze aus Hannover … genau. Ich könnte die Distanz von Zuhause zum Freibeuter strullen und kam trotzdem zu spät. Nachdem ich an der Tür den Stempel erhalten hatte, der, wenn man die Hand flach hält, »FREIBEUTER« ergibt, wenn man sie allerdings zur Faust ballt, nur »EUTER«, sah ich, wen es hierher verschlagen hatte. Line-Up: Anke Fuchs, Laura Reichelt, Sara Kritzler, Sina aus Bochum, Leif aus Bochum, Mischa-SarimVerollet, Tobi Kunze, Jens Hinrich Hellmann, Harry Kienzler  … und ich. Herr 23, der ja den Freibeuter-Slam veranstaltet, hatte beschlossen, dass diesmal keine Regeln gelten würden. Anlass war der tragische Tod von »Meister Propper« Günther Kahrs, dessen legendäre Poetry Slams in Bremen sehr oft nur nach seinem Gusto verliefen, und so wurde auch in Bochum jedes Regelwerk lustvoll ausgehebelt. Ich finde, es gibt wenig schönere Ideen, einen Verstorbenen zu würdigen, als zu tun, was er vielleicht getan hätte. Viel schöner als eine Schweigeminute, denn geschwiegen wird zu viel. Ich hörte an diesem Abend manche Anekdote von aus dem Handgelenk aufgewerteten oder gestrichenen Punkten, denn Günther Kahrs hatte zumeist das letzte Wort, wenn es um die Vergabe einer Wertung ging, von der Länge der Beiträge ganz zu schweigen.

Und so lief es im Freibeuter: Leif begann, und Startplatz eins ist, Regelbruch hin oder her, allzu oft der Schleudersitz unter den Platzierungen. Er brachte einen Text über Äpfel, den ich nur als entwaffnend bezeichnen kann, aber das Publikum verhielt sich wartend und zückte laue Zahlen. Sara Kritzler dann mit Lyrik und einem ähnlichen Ergebnis. (Ich stelle hier mal kühn die Behauptung auf, dass das Freibeuter-Publikum es gern witzig hat, gern so witzig es geht, und vor allem universellen Humor würdigt und entsprechend bewertet.)  Da kam natürlich direkt Tobi Kunze ins Spiel, der in seinem Text gleich 3 (!) Variationen schilderte, wie das letzte Jahr zu verbringen sei, falls man danach sterbe. Sein Regelbruch fußte darauf, sich nicht um die Länge seines Textes zu scheren, aber der war auch so geil, dass er auch beim konservativsten Slam nicht gebremst worden wäre. Mischa-Sarim Verollet danach: charmant ekeliges Ding, sein Text, handelte er doch vom zehrenden Wunsch, sich dauernd zu kratzen. Dem voran ging jedoch die Rezitation eines Gedichtes von Brecht, und Mischa wies das Publikum an, ihn gefälligst während seiner Rezitation nach allen Regeln der Kunst zusammenzuscheißen und vollzubuhen. Im späteren Verlauf des Abends wurden auch alle anderen mittels des von Kunze mitgebrachten Megafons angepupt. Für mich war das Highlight des Abends klar Jens Hinrich, der auf die Bühne kletterte, den gusseisernen Mikroständer abbrach, dann Freihand seine Reminiszenz an Günther Kahrs BRÜLLTE, zu einem soeben erst geschriebenen Text umschwenkte und ganz allgemein wirkte wie eine Kettensäge auf Wanderschaft. Hut ab!

Zwischendurch konnte es passieren, dass Sebastian 23 einem Punkte abzog oder schlechte Zensuren schrieb, wenn man gerade den falschen Gesichtsausdruck in Benutzung hatte oder am verkehrten Ende der Bar herum stand; auch bekam Jens Hinrich keine klare 10 als Wertung, sondern das Motiv des beliebten ASTRA-Bieres gezeichnet, und ein ums andere Mal zückte das Publikum Fantasiezahlen. Dann der Auftritt der freisprecheingerichteten Damen Anke Fuchs, Sina und Laura. Virtuos, alle drei, Anke natürlich am virtuosesten, weil sie eben Anke Fuchs ist und alles Mögliche kann, und zwar ganz leger und ohne diese Betonung, die oftmals beim Vortragen von Lyrik die Reihen der Poetry-Damen durchwirkt. Zwar lag die Gewichtung des Abends auf Humor, klare Sache, ist eben so, ich zucke mit den Schultern, aber ohne die Damen wäre dieser Slam nicht diese gemischte Wundertüte geworden, die er nun mal war. Harry Kienzler dann, ein ruhiger Geselle, aber was für ein Derwisch, wenn erstmal Strom im Mikro ist. Er sorgte mit seinen beiden Texten für faszinierte Ratlosigkeit, denn das hatte nun niemand erwartet. Ich dachte auch, er würde artig was vom Blatt lesen, aber am Arsch!

So kamen ins Finale Mischa, Tobi Kunze, Harry Kienzler und ich.
Meinem Sieg sei folgende Erklärung angeheftet: Ich habe wirklich den übelsten HAURUCK-Text rausgeorgelt, den ich auf der Tasche hatte, ein Feuerwerk an Blödsinnigkeiten, null Konzept, stoisch gelesen, aber zur Feststellung führend, dass das Bochumer Publikum und ich prima zusammenpassen, wenn nicht gerade Patricia Kaas vor Ort ist. Der Gewinn bestand an diesem Abend aus einer Tüte Plastikobst und einem Sack Murmeln, und Sebastian erklärte mir lächelnd, wie froh er sei, »den Scheiß los zu sein«. Ehrlich gesagt, und das ist keine falsche Bescheidenheit, passte das prima, denn meine Texte entsprachen ziemlich genau eben jenem Sack Murmeln. Eben »schön bunt, aber irgendwie gerade so sinnlos«. Ich kann keine Aufzählungstexte. Ich mach sie zwar trotzdem, aber gut darin bin ich nicht. Was bleibt zu sagen? Ich bin uncool genug, die mir unbekannten Kollegen eines Slams vorab zu googlen und auf YouTube zu betrachten, was ja an sich nicht schlimm ist … aber ich sag das dann immer auch noch jedem. Und ich kann nicht gegensteuern, wenn die lustiger sind als ich, also was soll das? Keine Ahnung, echt. Ich habe keinen Schimmer, wie ich es anders anstellen soll. Ich kann vielleicht nur Sachen, die ich für lustig halte, spüre heute wieder den Drang, mich dafür zu entschuldigen, weiß aber, dass das Unsinn ist: Wenn ein Milliardär sich nachts als Fledermaus verkleiden kann, oder ein 30-Jähriger sich 23 nennt und damit nicht nur durch-, sondern überall hinkommt, wenn junge Damen ein paar Wochen nach ihrem ersten Workshop einen großen Slam gewinnen, wenn Verstorbene so geehrt werden, dass man trotzdem lachen muss … dann wird ja wohl auch ein Typ Mitte vierzig einen Beutel Murmeln gewinnen dürfen, nicht wahr?

Ich bin ein bisschen pathetisch, jaja. Aber das sind viele im Ruhrgebiet. Wenn ich eine Faust voller Wünsche frei hätte, dann würde ich mir folgendes wünschen: Mischa Verollets Haare, Kienzlers Ruhe, Jens Hinrichs unbändige Kraft in den Händen, Sebastian 23`s Bekanntheitsgrad, Kunzes Textgedächtnis, die Jugend der Damen dieses Abends, das Wissen darüber, wie man auf Myspace einen Hintergrund designt und dass Felix Römer im nächsten Teil von ARKHAM den Batman synchronisiert, hart und düster und klar. Der Sprecher im jetzigen Teil ist mir manchmal zu leise, und wenn ich im Moment irgendwas NICHT brauche, ist das Murmeln.

Ich muss jetzt Schluss machen. Um die Ecke gibt’s einen kleinen Outletstore mit sehr sonderbaren Öffnungszeiten. Die haben Baseballkappen von Levis fürn Zehner. Ich hab mir neulich den Kopf kahl rasiert, und da kams mir wie eine gute Idee vor, aber ich hab mich dann fotografiert und mit Photoshop experimentiert, und Tatsache: Wenn ich einen blauen Filter benutze, sehe ich aus wie Fantomas. Ich benötige eine dieser Kappen. Es pressiert.

Ich brauche sie aber vor allem, um sie zu ziehen: vor den Freunden und Kollegen der kleinen und großen Bühnen – und vor Meister Propper Günther Kahrs, der vorangegangen ist, um zu sehen, was sich hinter dem letzten Vorhang verbirgt.

Jetzt geht Schweigen in Ordnung, glaube ich.

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