Von alten Hasen und jungem Gemüse

Von Matthias Niklas , 0 Kommentare
Montag, 20. Juli 2009
Poetry Slam im Prater

Es gibt Slams, deren Ergebnis schon festzustehen scheint, wenn man nur das Line-Up sieht – und dann gibt es Slams, auf denen man merkt, daß auch der Nachwuchs nicht zu unterschätzen ist. Der seit langer Zeit erste Slam im Prater am 29. Juni gehörte zur letzten Kategorie.

Die neue Veranstaltung von Wolf Hogekamp und Lino Ziegel, dem gut eingespielten Team des Bastardslams, war selbst für jemanden wie mich, der mit der Zeit erstens ein wenig slammüde wird und zweitens langsam jeden Text auswendig kennt, einer der schönsten Großraumslams seit langem. Trotz der Größe des Saals fühlte man sich wohl im Prater, und die Stimmung unter den knapp 200 Zuschauern war außergewöhnlich gut.

Mit Bas Böttcher, Julius Fischer, Julian Heun, Frank Kloetgen, Felix Römer und Sebastian23 war vom ersten Deutschlandmeister bis zum  stellvertretenden Weltmeister alles dabei, also stand zudem schon eimmal nicht fest, wer von den Großen denn gewinnen würde.

Runde Eins

Ungewohnt und gerade deshalb erfrischend war die Tatsache, daß es keinen featured poet gab und der Abend stattdessen mit einem Poetryclip aus der Schmiede des Gastgebers Wolf eingeleitet wurde – zu Lino Ziegels furioser und wortgewaltiger Text „Schlachtzeug“.

Als erste Wettbewerberin fand sich im Anschluß daran Mona Jean Cedar aus Los Angeles auf die Bühne ein. Mona ist in der amerikanischen Slamszene eine der Wegbereiterinnen dafür, Slam auch für Gehörlose zum Erlebnis zu machen – dementsprechend begleitete sie auch an diesem Abend ihren Text mit American Sign Language. Die Tatsache, dass sie ein Kehlkopfmikro benutzen durfte, hat ihr sicher die Sache erleichtert, und es war interessant zu sehen, wie anders und direkter man die Performance von Künstlern wahrnimmt, wenn der Mikrofonständer fehlt.

Auf Mona folgte Kolja Reichert vom Kreuzbergslam, der einen routiniert humorigen Text über seine zufällige, aus einem Fahrradunfall resultierende Begegnung mit seinem entfremdeten Vater darbot. Hier war nichts überraschend, aber alles gute Handwerksarbeit.

Da mir bei der nächsten Poetin, Sarah Brockhausen, der frischgebackenen Ärztin und Moderatorin des DICHT.IT-Slams in Neukölln, die nötige Objektivität fehlt, mein Chefredakteur Lars aber gerne ihren Text „Vielleicht“ in den Artikel einbinden möchte, können wir ihn ja bei dieser Gelegenheit fragen, warum. Lars?

Lars: Sarahs Auftritte als Poetin gefallen mir gut, weil sie auf mich immer ehrlich und authentisch wirken. Für „Vielleicht“ gilt dies besonders. Der Text dreht sich um eine Frage, die auch ich mir – wie wahrscheinlich fast jeder – von Zeit zu Zeit stelle: „Bist du zufrieden mit deinem Leben, so wie es jetzt ist?“. Eine wichtige Frage. Am Ende ihres Textes präsentiert Sarah ihre ganz eigene Antwort. Für „Vielleicht“ hätte ich Sarah gern im Finale gesehen.

Die erste Runde wurde beendet von Bas Böttcher, und liebes Publikum, schon wieder schreibe ich über einen Slam, auf dem Bas aufgetreten ist, und jedes Mal denke ich – was soll ich bitte über den ersten deutschsprachigen Meister sagen? Emotional lassen mich seine Texte manchmal ein wenig kalt, aber die lyrische Qualität, die sich durch jedes seiner Gedichte zieht, ist und bleibt ein wahrer Genuss, insbesondere, wenn sie ironisch und in klassischer Form über die klassische Form herziehen. Und da anscheinend nicht nur ich mich leicht von dieser Sprachgewandtheit beeindrucken lasse, gewann Bas verdient die erste Runde.

Zweite Runde

Die zweite Runde begann mit einem Ausflug in die surreale Welt Peter Janickis. Der Marburger, der in fast jedem seiner Texte die Zwänge des gesunden Menschenverstandes verläßt und der Absurdität Raum verschafft, versuchte diesmal, mit einem Zeppelin Raumentfeuchter nach Polen zu schmuggeln. Keine Fragen nach dem Grund, bitte! Wenn man Sätze wie „Hackfleisch ist nichts anderes als ein anspruchsvolles Puzzle“ geboten bekommt, sind Gründe nebensächlich.

Julian Heun – zu dem Zeitpunkt viertbester Poetryslammer der Welt –, und seine Freakizität gingen ein wenig unter in dieser Runde, die von zwei der größten komischen Talente der deutschen Slamszene fortgeführt wurde. Julius Fischer aus Leipzig, der gnadenlos überzog, ohne dass es jemand merkte, klärte endlich die Frage, an wen er mich erinnert (Gerard Depardieu). Sein Versuch, alles mit allem in Verbindung zu bringen, war ein wenig konfus und sehr weitschweifend, sorgte aber für herzliche Lacher im Publikum.

Allerdings für nicht annähernd so viele wie Sebastian23 und sein Text über die Welt, die durch eine rosarote Brille betrachtet viel schöner, aber sehr realitätsfern ist – Sebastian ist und bleibt ein geborener Comedian, dessen spontane Reaktionen auf das Publikum alleine schon hohen Unterhaltungswert haben. Sein verschüchtert-panisches „Mutter?“ auf ein leicht, ähem, hysterisches Lachen im Publikum ist mir auf jeden Fall in die Notizen und mein Gedächtnis gebrannt.

Und so gewann der Nationalchampion auch diese Runde – keine großen Überraschungen bis jetzt.

Pause. Und Runde drei

Die Pause war von der Frage geprägt, ob man sein Bier mit in den Saal nehmen durfte – bis heute weiß ich es nicht und schweige mich an dieser Stelle dazu aus, ob ich es getan habe – und wurde mit einem weiteren Poetryclip beendet, Sebastian23 mit „Meine Generation“.

Klassisch wurde der Abend dann mit Frank Kloetgens „35 Klassikern im Schnelldurchlauf“, mein – handwerklich betrachtet – Lieblingstext des Abends, der Goethe, Celan, Fried und 32 andere Größen am Kottbusser Tor vereint.

Felix Römer brachte mit „Für Gerlinde“ einen seiner Klassiker, in Lyrik verpackte Bindungsangst und Sinnsuche. Das nachdenkliche und schlichte, aber tiefsinnige Gedicht litt ein wenig darunter, dass es in der Zusammenfassung von Wolf auf einen eher platten Teil seines Inhalts reduziert wurde, was mich in Anbetracht seiner ansonsten außergewöhnlichen guten kurzen Wiedergaben des Inhalts vor der Abstimmung ein wenig verblüffte.

Auch Gauner, der dritte in der Runde, trug eines seiner Standardwerke vor, Babylon 2.0, der konsum- und gesellschaftskritische Vergleich zwischen dem Turmbau zu Babel und der Alexa-Eröffnung vor zwei Jahren.

Abgeschlossen wurde die Runde von zwei Poeten, die sich erst in letzter und sehr kurzer Zeit in Berlin einen Namen gemacht haben. Der erste war Daniel Hoth, den man auf fast jedem Slam der Stadt in diesen Tagen findet, und der es dabei schafft, erstens fast immer einen neuen Text mitzubringen und zweitens dafür zu sorgen, dass der neue besser ist als der letzte. So war auch sein Liebesgedicht „Vier mal Sieben“ ein extra für den Anlass verfasstes Werk, und wie in vielen seiner Texte schaffte er auch hier die Gratwanderung zwischen eigenem Stil und studierter Slamtechnik, Persönlichem und Künstlerischem.

Ihm folgte als Letzte in der Runde Paula Varjack mit „Never Date a Kuenstler“, die es als englischsprachige Poetin auf den großen Berliner Slambühnen leider immer etwas schwer hat, obwohl ihre direkte, schonungslose Art der Ehrlichkeit sich vor keinem der großen Namen verstecken muss. Aber der bei großem Publikum manchmal vorhandene Hang zu leicht verständlicher Unterhaltung macht sich eben doch manchmal bemerkbar.

Wer nicht da war und die Einleitung dieses Artikels vergessen hat, denkt jetzt vielleicht, alles klar, Frank Kloetgen hat die Runde gewonnen – hat er auch. Allerdings war Daniel bei der Abstimmung vergessen worden, und es musste neu applaudiert werden – was auch nach einem Stechen kein Ergebnis hervorbrachte und zu der „Hippiescheiße“ (O-Ton Wolf) eines gemeinsamen Finaleinzugs von Frank und Daniel führte.

Das Finale

Bas Böttcher, das Universum und der Vorteil des Malers. Sebastian23 und wie er wäre, wenn er sich mit 60 vorstellte, wieder sechzehn zu sein. Frank Kloetgen als Sachbuchautor aufgrund der Wirtschaftskrise. Daniel Hoth im Meer voll Nimmermehr der Erinnerungen.

Alles gute Texte. Alles gute Poeten. Und am Ende belohnte das Publikum das junge, unverbrauchte Gesicht – Daniel Hoth. Das mag überraschend klingen, aber unter den guten Künstlern sticht oft der hervor, der gleichzeitig gut und neu ist. Und das ist Daniel mit seinem unverwechselbaren Stil auf jeden Fall.

Ich hatte einen kurzweiligen und dabei qualitativ hochwertigen Abend – danke den Veranstaltern, und vor allem den Poetinnen und Poeten dafür.

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