In your face, Valentinstag!
Der Anti-Slam in der SFE
Nun schreibe ich erneut über ein erstes Mal. Es entwickelt sich ein Fetisch. Diesmal hat der Anti-Slam in der Schule für Erwachsenenbildung mir zugezwinkert – es war Valentinstag, ich war alleine und willig. Anti Slam? Die Regeln sind simpel und daher schnell erklärt: es gelten die selben Richtlinien wie bei den „normalen“ Slams, nur diesmal gewinnt der schlechteste Text! So hört man eher peinliche Versprecher, nervige Pausen und tiefschwarze Blackouts, anstatt der üblichen Stilmittel eines Textes – wie gesagt: je schlechter, desto besser.
So sind die Regeln für die Zuhörer natürlich auch etwas alternativ. Buhen und reinrufen gehören zum guten Ton an einem solchen Abend. Paula Varjack führte als Moderatorin durch den bunten Abend. Dem Publikum wurde die Last des Richters von den Schultern genommen und übergeben an Maria Maddalena aus Cattolica, Tom25 und Daniel Hoth. Nichtsdestotrotz durften die Zuschauer natürlich durch lautstarke Vermittlung der eigenen Meinung der Jury helfen...
John Magiriba Lwanga, vielen besser bekannt als Johnny Strange von Culcha Candela, bedankte sich zu Beginn des Abends stellvertretend für Africa Rise e.V. bei allen Anwesenden, da die Einnahmen Hilfsprojekten in Uganda zugute kamen – 0,50€ für einen Shot Wodka und die Masse hilft gerne.
Wolf Hogekamp eröffnete den Slam und ließ die männlichen Zuschauer dahinschmelzen in mehrdeutige Fantasien über seinen Text „Ich bin die fesche Lola“. Ihm folgte Sandra Sarala, welche bei ihrer hoffentlich gespielten Darbietung einer zu betrunkenen Poetin durch zu laute Buhrufe unterbrochen wurde und von der Bühne musste. Sarah Bosetti teilte ihre Erinnerungen an einen Morgen nach einer geistig abwesenden Nacht in „Es“ mit – nicht alles was man nach Hause bringt, will man auch behalten. Kerri Mullen kam gar nicht wirklich dazu ihrem Text Gehör zu verleihen. Nun, sie hatte schon die Gelegenheit, brachte es aber erstmal fertig eine Packung Kaugummis in den Mund zu stopfen und wurde - nicht nur - mangels Verständnis von der Bühne gebeten. Wobei, eigentlich wurde sie von der Jury und dem Publikum mit Kronkorken beworfen, bis sie ging. Keineswegs ohne vorher einige Kronkorken zurückzuwerfen.
Und schon kam die Pause! Während die Bühne von Kronkorken und Kaugummi befreit wurde, konnten alle Anwesenden ein wenig Inspiration für ihren Auftritt, ihre Bewertung, ihre Zwischenrufe trinken und bei Liebesliedern entspannen - die alle aus kitschigen Filmen und von seelisch verwirrten Lebenspartnern der Vergangenheit kennen.
Jana leutete mit ihrem Text „An Kevin“ nicht nur die zweite Runde, sondern auch noch den Running-Gag des gesamten restlichen Abends ein. Nach ihrem Auftritt wurde der Name Kevin noch an gefühlt zwanzig Momenten aus dem Publikum gerufen. Meistens sobald ein männlicher Teilnehmer die Bühne betrat, oder ein weiblicher. Wenn es in einem Text um eine Figur mit oder ohne Namen ging übrigens auch. An jenem Abend hatten irgendwie alle einen kleinen Kevin in sich. Benjamin Knight bot einen Text auf Englisch dar und hat nebenbei noch alle potentielle Interessenten darüber informiert, dass sein Sperma einen Geschmack hat, der an KFC erinnert. Viel verschlossener und umwoben von Vermutungen über den Inhalt gab sich Sarah Brockhausen. Ihr Text war mutig, frech, womöglich auch zum Nachdenken, aber auf jeden Fall auf dänisch! Sebastian23 blieb mit seinem „Anti-fant“ schon eher auf dem Sprachniveau der Zuhörerschaft – sein Auftritt wurde jedoch nahezu gelöscht aus meinem Gedächtnis, da der ihm nachfolgende Buster in nur rund fünfzehn Sekunden so viele deutsche Bezeichnungen für das primäre weibliche Geschlechtsorgan präsentierte, wie das Publikum ihn ließ. Mit englischem Akzent hatte das sogar irgendwie Potential – Kunstbanausen im Publikum, mehr nicht.
Während die Punkte ausgezählt wurden, durfte ein spontaner Teilnehmer auf die Bühne: Roman bewieß im Sitzen Standhaftigkeit gegenüber seinem Leben als Nicht-Schwiegersohn, Hamstermörder und „Gollums ekliges Double“. Kaum durfte auch er unter Anti-Applaus von der Bühne wurde das Finale eingeleutet.
Kerri Mullen, Benjamin Knight, Buster und Jana betraten erneut die Bühne. Die Regeln: War dein erster Text auf Deutsch, musste dein nächster auf Englisch sein und umgedreht. Nach einer kurzen kreativen Pause für die Finalisten überschwemmten die spontanen Ergüsse auch schon das Publikum. Obschon Jana mit einem weiteren Gedicht an Kevin einiges an tief im Ich verwurzelten Problemen aufgezeigte, machte doch Benjamin Knight das Rennen in einem Text der Schweine, Ringelschwänze und Michael Jackson verbinden konnte. Auch die Jury meinte: die ultimative Kombination!
Alles in Allem war die Stimmung ausgelassen, es zählte wirklich der Spaß für jeden, auch wenn es recht chaotisch rüberkam und so manch eine Performance schnell beendet, oft von Zwischenrufen versüßt, oder in der Akkustik beschränkt wurde. Die verschiedenen Ansätze einer „schlechten Performance“ der einzelnen Teilnehmer deckten eine Bandbreite von einfach lustlos vorgetragen, über sehr, sehr verstörend geschrieben, bis hin zu einfach nur pöbelnd auf der Bühne stehend ab. Ein solcher Anti Slam ist auf jeden Fall einen Besuch wert – erst recht wenn es noch für einen guten Zweck ist und man dem Valentinstag aus dem Weg gehen kann!
Text: Sergej A.












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