Wo der Hammer hängt
Respect the Poets! am 19.11.2009
„Zeig mir, wo der Hammer hängt!“ könnte das Motto dieser Veranstaltung, die kein Slam ist, sondern eher einer bunten Show gleicht, lauten. Denn ruhig wird dieser Abend nicht, soviel ist klar. Bereits die Ankündigung von „Respect the Poets!“ verspricht Aufregung. Denn alle Poeten samt sind von Rang und Namen. Wird es da einen Sieger geben können? Nein. Slam-Organisator Wolf Hogekamp verrät mir backstage, was es denn auf sich hat mit diesem neuen Format.
Wie der Claim „Respect the Poets!“ unschwer erahnen lässt, ist dies eine Veranstaltung für die Poeten. Das heißt: während auf den Slams die Poeten ihre Texte vielleicht danach aussuchen, wie sie im Publikum ankommen, geht es hier um die „ganz persönliche Note“. Dabei erleben wir jedoch nicht etwa eine Art Promotion, sondern vielmehr ein ausgefeiltes Programm. In nur zwei Runden, in denen die Poeten ihren Platz wählen können, treten sie nicht gegeneinander an, sondern mitunter auch miteinander auf.
Erlaubt wäre so ziemlich alles: das Austoben, Sich-Ausprobieren, ohne Rücksicht auf das Voting im Publikum. Denn das gibt es heute nicht. Auch gibt es keine zeitliche Begrenzung. Vielmehr richtet sich das Augenmerk auf Slammer, die mühelos 20 bis 30 Minuten „gut rocken können“, damit es möglichst unterhaltsam fürs Publikum wird. So wäre selbst der Einsatz von Instrumenten statthaft, die diese Entertainer jedoch nicht nötig haben werden. Denn sie produzieren sich und ihre Texte aus ihren Körpern heraus, aus Überzeugung und dem Anspruch, diese Bühne zu nutzen, um zu zeigen, was sie drauf haben, jenseits der Macht des Applausometers.
Und wer jetzt, wie ich, eine Plattform für Selbstbezügliches und Autobiographisches erwartet, liegt zwar irgendwie richtig. Jedoch gehen Blick und Verse weit über den Tellerrand dieser Art von Poesie hinaus. Wir begegnen hier nämlich einem Ensemble, das sich an aktuellen Problemen unserer Zeit abreibt. Besonders beliebt und von daher stets präsent ist unsere medienüberfrachtete Welt. Dem entsprechend wird bereits die erste Runde hammerhart eingeläutet von dem süddeutschen Meister-Trio PauL, das sich uns mit „Poesie aus Leidenschaft“ vorstellt. PauL, das sind der Stuttgarter Philipp Scharrenberg und die beiden Münchener Heiner Lange und Bumillo. Leidenschaftlich rücken sie uns mit ihrem Text über Reiz- und Informationsüberflutung in einer Art Netzwelt-Theater zu Leibe. Und leidenschaftlich wird es diesen Abend über bleiben. Mit immer wechselnden Rollen und Charakteren präsentieren sich die Herren von PauL vom Trio bis zum jeweiligen Solo.
Aber auch die anderen Poeten-Größen können ihnen hier Schweiß und Wasser reichen.
Der Kabarettist Tilman Birr widmet sich mit seiner „Jacke auf der Stuhllehne“ eher skurril dem Hartz-IV-Dasein oder schafft eine sehr eigene, subjektive Sicht in seinem Shakespeare-Sonett. In seinem Text „Die Werbung lügt nicht“ zieht auch er besonders hart mit der Medienwelt ins Gericht, wenn er diese erbarmungslos auf die menschlichen und vor allem männlichen Urinstinkte herunterreduziert. Sex in seiner zerschmetterten Illusion, wie wir sie aus Altmans Episodenfilm „Short Cuts“ kennen, wird hier hemmungslos enthüllt.
Philipp Scharrenberg folgt ihm sogleich in einem Solo und rockt hier als moderner
Wilhelm Busch hypochondrisch auf die Wohlstandsgesellschaft und die Medienmache der Schweinegrippe.
Und alles nur Medien und Werbung, oder war da noch was?
Ja, denn dass Serien, insbesondere Soaps, gewaltig ihren Reiz verlieren, wird uns durch den Text und die Performance von Bumillo in seinem Solopart bestätigt. Mit seinem zunächst sexuell abartig anmutenden Titel „Blaues Sperma“ schafft er es zum einen, die Abgedroschenheit der Erzählmuster, die nur noch mit Inzest zu schockieren vermögen, sichtbar zu machen. Zum anderen gelingt ihm ein Stück Autopoesie, wenn er auf die inhaltslose Rolle des Schauspielers, der dem Drehbuchautoren hilflos ausgeliefert ist und sich so selbst prostituiert, referiert. Dass Charaktere und Dramaturgie zunehmend absacken, wird das Trio am Ende noch einmal in seiner Gangsterparodie zur Schau stellen.
Doch zunächst überrascht Heiner Lange in seinem Solo mit seinem parodistisch überspitzen und vor allem unschlagbar schnellzüngigem Physikertext. Mit Hungersnot, Krieg und der Verantwortung für die Dritte Welt bleibt er absichtlich in seinem autistischen Mikrokosmos gefangen, im Krieg mit sich selbst und den nicht nachvollziehbaren Rechnereien, die ein normaler Mensch nicht einmal aussprechen könnte. Und mit diesem Turbo-Tempo beendet er diese aufregende erste Runde.


















Apropos Bilder
die sind hier nämlich auch toll, die Pics! Ich werde mir das nächste Event vormerken und hoffe, es so zu erleben, wie hier so schön beschrieben. Da könnt Ihr echt mit diversen Tageszeitungen mithalten, wenn nicht sogar diese überbieten. Was haltet Ihr von Verlinkungen dorthin oder ähnlichem, um Euch noch populärer zu machen. Das wär es echt wert, finde ich
))))
Lebendige Bilder
entstehen in meinem Kopf, dank dieses Textes! Als wäre ich an dabei gewesen. Ein schöne Einladung zu einem der nächsten Slams ist das.
achja, das ist ein schöner
achja, das ist ein schöner Text! Mir hat der Abend auch sehr gefallen. Aber das man da noch soviel Bezüge herstellen kann, ist einfach super für den besseren Durchblick
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