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Von Gestern und Heute - Teil 2

, Schlagworte: Dead or Alive, Tot oder Lebendig

Der Dead or Alive-Slam an der Berliner Schaubühne

Dead or Alive, Tot oder Lebendig – der Januar bescherte Berlin gleich zwei Veranstaltungen, die ein und dieselbe Frage stellten: Können sich Poetry Slam und klassische Dichtung miteinander messen? Sowohl im Deutschen Theater als auch an der Schaubühne ging man dieser Frage auf den Grund, und Slammin' Poetry war beide Male vor Ort mit dabei, um die Antwort zu erfahren. In Teil 2 berichtet Katrin Rösler über das erneute Aufeinandertreffen von Gestern und Heute.

„Dead or Alive“ - das ist hier keine Frage. Ähnlich wie beim vorangegangenen Dichterwettstreit „Tot oder Lebendig“ geht es am 30. Januar überwiegend lebendig zu. Slammer und Schauspieler treten per K.O. System direkt gegeneinander an und die Zuschauer entscheiden, wer in die nächste Runde einzieht. Zu Beginn lässt Moderator Felix Römer, selbst Slampoet, die Reihenfolge durch das Publikum auslosen. Er gibt sich publikumsmotivierend, indem er den gesamten Abend über spezielle Biersorten aus seinem Kühlschrank von der Bühne in die Menge gibt.

Die Startnummer eins ist unterdessen schnell gefunden – und so läutet Laurin Buser aus Basel die erste Runde ein, mit seinem Plädoyer für Abwechslung und gegen jegliche Langeweile, die trotz aller Möglichkeiten, die wir heute haben, einkehren kann. Mit „Die selben Lieder“ bewegt er sich durch die Alltags- und Netzwelt, einfach durch alle Lebensbereiche gleichermaßen, hindurch wie mit dem Zug. Im Background gibt es dazu die Musik vom derzeit an der Hauptbühne des Hauses Schaubühne aufgeführten „Sommernachtstraum“.

Mit ihm sehr gut mithalten kann Clemens Brentano, dargeboten durch Franz Hartwig, der sich in Mimik und Gestik wirklich stark verausgabt, wenn er in seinem braunen Anzug wild über weibliche Gelüste gestikuliert, denen er schließlich erliegt. Das gelbe Reclam-Heft landet auf dem Boden und wird sogleich wieder aufgehoben, um die Heidelberger Romantik zu präsentieren. Dies geschieht jedoch leider nur in ihr, sie kommt nicht in der Gegenwart an. Und so ist es Laurin, der Jüngste hier heute Abend, der es ins Halbfinale schafft.

Moderator Felix beugt der Dehydrierung des Publikums vorLaurin eröffnet den WettbewerbFranz Hartwig als Clemens Brentano

Den zweiten Wettstreit eröffnet dann die Frankfurter Antagon-Schauspielerin und Slammerin Etta Streicher, die uns unsere Neuzeit mit all ihren Überwachungsmechanismen vor Augen führt. Dass Vater Staat „Big Brother is watching you“ spielt und uns mit Kameras überall beschattet, prangert sie wiederholt mit ihren schönen Wortspielen in gebrochenen Rhythmen an: „Kameras überall, übernacht, Übermacht“. Ihre sauberen Reime über „echte Gewalt“ trägt sie so energisch, wenn auch langsam, vor. Diese Langsamkeit bedient dann ein Echtheitsgefühl, dem wir trotz aller Fremdbestimmung durch die Medien und dem persönlichen Geltungsdrang unterliegen. Dadurch macht sie klar, dass diese gekünstelte Authentizität nur noch ausgeschlachtet wird und mit allen medialen Möglichkeiten die Privatsphäre gänzlich schwindet. Einen Versuch, doch noch in unser Bewusstsein vorzudringen, unternimmt sie dann mit dem fast in Zeitlupe gesprochenem „DU bist DU“ und dem Resümee: „Der Krieg ist aus“ – wer hätte das noch gedacht? Doch für diesen zeitgemäßen Text wird sie vom Publikum leider nicht belohnt.

Denn toppen wird sie der 1832 in England geborene Lewis Carroll, der seinerzeit „Alice im Wunderland“ verfasste. Und wundern darf man sich hier sofort, welch Wesen in Gestalt der Schauspielerin Cathlen Gawlich hier zum Mikro greift. Das hat es noch auf keiner Slambühne gegeben! Mit ihrer roten Riesenschleife im blonden Haar, den weißen Kniestrümpfen und dem rosa Kleidchen begibt sie sich in den Vordergrund dieser modernen Bühne, die kein Bühnenbild, sondern nur grelle Scheinwerfer hat, und liest diesen Prosatext mit einer besonderen Leistung: nämlich gekonnt in verteilten Rollen. Doch mit einer Länge von 12 Minuten wird es ein wenig anstrengend, ihr zuzuhören. Schließlich kriegt sie die Kurve, wenn sie mit dem Satz schließt: „Was für ein Unsinn ich schwatze“. Und mit dieser Einsicht ist sie es, die vom Publikum belohnt wird und ins Halbfinale kommt.

Etta spricht vom Großen BruderCathlen Gawlich liest und ist "Alice"Micha zapped durch die Welt von "Youtext"

Für die Warteleistung unsererseits werden wir belohnt, wenn uns der Berliner Lesebühnen-Autor Micha Ebeling im Turbotempo durch seinen Text schleift. Der wortgewandte Felsen, aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt stammend, ist unter seinen Sachen nackt, behauptet er. „Am Anfang war das Wort“, so beginnt er seinen „Youtext“, der mit Geschwindigkeit protzt. Unsere heutige Welt, in der es keine Antworten mehr gibt und stattdessen Orientierungslosigkeit herrscht und die von einer neuen Netzkultur dominiert wird, lässt nur noch Platz für ein Resümee: „Das Ziel ist weg“.

Sein toter Kollege, der 1994 an einer Alkoholvergiftung verstorbene Österreicher Werner Schwab, will ihm nun den Rang ablaufen. Mit einer Geschichte über Mutter und Sohn, die Verena Unbehaun für ihn hier zum Besten gibt, kann sie aber nicht wirklich überzeugen. Einzig die Metapher von Frau Wurm ist lustig, aber ihr Auftritt wirkt nicht lange nach. So fällt die Entscheidung eindeutig aus, und zwar für den gewaltigen Berliner Micha Ebeling.

Das letzte Vorrundenduell eröffnet dann der in München lebende, aber aus Tschechien stammende Autor Jaromir Konecny, der sich als einer vorstellt, der den Toten am nächsten ist. Damit erntet er natürlich Sympathie und Aufmerksamkeit. Seine Weisheit: „Das Leben ist unglaubwürdig“ trägt er hier mit Schweizerischer Intonation vor und amüsiert den Großteil des Publikums mit der Geschichte eines fallschirmspringenden Hamsters, die für ihn unterhaltsamer ist als „Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Bei mir halten sie sich die Waage.

Ins Wanken bringt diese dann sein Rivale Hans Carl Artmann, eher vertreten als verkörpert durch Schauspieler Urs Jucker, der mit seiner Weisheit protzt: „Man kann Dichter sein, ohne jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“ Damit gewinnt er meine Sympathie sofort, denn hier wird das Pendant zu unserer Leistungsgesellschaft, in der man für alles, was Arbeit ist und war, Nachweise zu erbringen hat, komplett gekippt. Doch meine Stimmung ist es sogleich auch, die kippt, als er von nun an die Gedichte auf wienerisch vorzutragen beginnt. Wohl in dem Wissen, dass es vermutlich niemand wirklich versteht, fährt er fort und genießt die Aufmerksamkeit des Publikums, das an diesem Abend scheinbar leicht zu unterhalten ist. Es folgt ein Auszug aus einem Dramentext in Deutsch, der jedoch ohne Spuren an mir vorbeizieht. Dieses Duell bleibt trotz mehrfacher einfallsreicher Versuche des Moderators Felix Römer, der uns gemütlich durch den Abend führt, unentschieden und so ziehen beide Kontrahenten in die nächste Runde ein.

Verena Unbehaun präsentiert einen Text von Werner SchwabJaromir über fallschirmspringende HamsterUrs Jucker liest Texte von Hans Carl Artmann

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