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Von Gestern und Heute - Teil 1

, Schlagworte: Dead or Alive, Tot oder Lebendig

Der Tot oder Lebendig Slam im Deutschen Theater

Dead or Alive, Tot oder Lebendig – der Januar bescherte Berlin gleich zwei Veranstaltungen, die ein und dieselbe Frage stellten: Können sich Poetry Slam und klassische Dichtung miteinander messen? Sowohl im Deutschen Theater als auch an der Schaubühne ging man dieser Frage auf den Grund, und Slammin' Poetry war beide Male vor Ort mit dabei, um die Antwort zu erfahren. In Teil 1 berichtet Sascha Delitzscher über das erste Aufeinandertreffen von Gestern und Heute.

Zu einem Poetry Slam ganz anderer Art luden am 16. Januar Wolf Hogekamp, das Deutsche Theater und der Fernsehsender Arte in die Kammerspiele ein. Beim Tot oder Lebendig-Slam treten abwechselnd lebende Poeten gegen bereits Verstorbene an, letztere an diesem Abend verkörpert durch Mitglieder des Ensembles des Deutschen Theaters Berlin. So sollten Schiller (dargestellt von Ingo Hülsmann), Moliere (Katrin Wichmann), Gottfried Benn (Christoph Franken) und Allan Ginsberg (Felix Goeser) gemeinsam mit Frank Klötgen, Julius Fischer, Anke Fuchs und dem zweimaligen deutschen Meister Marc-Uwe Kling um die Gunst des Publikums und der Jury streiten.

Schon vor Beginn der Veranstaltung war hinsichtlich Letzterem die Wahl auf fünf Gäste gefallen, die mit den Schildern der Zahlen von 1 (sehr schlecht) bis 10 (Spitze) ausgestattet wurden. Das Dichter-Team mit der höchsten Gesamtpunktzahl gewinnt am Ende. Die jeweils Punktbesten ihres Teams sollten dann noch einmal in einem Finale gegeneinander antreten, dessen Sieger durch den Publikumsapplaus bestimmt werden sollte. Eröffnet wurde das Event auf der Leinwand mit einem Poetry-Clip von Lino Ziegel, wie regelmäßig beim Bastard Slam auch an diesem Abend als rechte Hand von Moderator Hogekamp anwesend. Das machte Lust auf mehr, nach der Auslosung der Reihenfolge fand das Mikrofon seine Bestimmung und landete in der Hand des ersten Poeten, Friedrich Schiller.

Doch Ingo Hülsmann, bühnenerfahren in der Rolle des Faust, hätte lieber bei Goethe bleiben sollen. Nicht nur, dass er "Das Lied von der Glocke" nicht auswendig vorzutragen im Stande war, der gebürtige Stuttgarter verlieh seiner Inkarnation von Schiller genuine schwäbische Mundart, was eine Minute lang unterhaltsam war, auch wegen der routinierten schauspielerischen Präsentation, dann aber wegen der Schwerverständlichkeit zermürbend wie ein Verkaufsgespräch auf einer Kaffeefahrt wurde. Die Jury sah das ähnlich und verlieh 34 Punkte (Einzelnoten 7,7,7,7,6), in einem derart hochklassigen Teilnehmerfeld eine klare Wertung für die hinteren Ränge.

Frank Klötgen, danach als erster lebender Poet am Mikro, konterte mit einer Neuauflage von Schillers Ballade "Der Taucher" und zeigte - natürlich ohne Zettel in der Hand - gleich wie man es richtig macht. In "Der Täucher" beschrieb er pointiert das Monster eines Sees, das gerne Hunde frisst. Mit seiner Performance, von der sich manch gestandener Schauspieler eine Scheibe hätte abschneiden können, zog er das Publikum auf seine Seite als der bessere Schiller des Abends. Zum Beweis gab es tosenden Beifall und 43 Punkte (9,9,9,8,Cool von der Jury.

Als nächstes durfte Moliere vortragen, gespielt von der 2007 mit dem Boy-Gobert-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin auf Hamburger Bühnen ausgezeichneten Katrin Wichmann. Sie präsentierte einen ebenfalls abgelesenen Text aus "Der Menschenfeind", in dem ein Nachwuchsdichter einem Verleger ein Sonett vorträgt und auf ehrliche Kritik besteht, dann mit den erst subtilen, später offenen Frotzeleien des Verlegers nicht umgehen kann. Ein amüsanter Text von einem wahren Meister, solide vorgetragen, doch für das Publikum überraschenderweise von der Jury mit nur 39 Punkten (8,8,8,8,7) beurteilt. Die ersten Zuschauer taten mit einzelnen Buhrufen ihren Unmut kund, befeuert von Moderator Hogekamp, der nach dem Urteil explizit darauf hinwies, dass das Verurteilen der Jury durch Buhrufe erlaubt und erwünscht sei.

Die Aufgabe, die Lage zu entspannen und die Harmonie zwischen Jury und Publikum mit einem Text wieder herzustellen, fiel anschließend Anke Fuchs zu. Sie trug die erste reine Prosa des Abends vor, in der sie lakonisch von der lästigen Pflicht erzählte, sich für Menschen interessieren zu müssen. Die Jury blieb jedoch weiter hart in ihrem Urteil und hatte sich nicht beirren lassen: 38 Punkte (8,8,8,7,7) waren im Vergleich zu Moliere angemessen, wie zuvor aber zu wenig.

Ein kleines Highlight im Hinblick auf die den Schauspielern erlaubten Kostüme setzte danach Christoph Franken, dessen Gottfried Benn standesgemäß in einen Arztkittel gehüllt war, mit schlecht gebundener Krawatte um den Kragen eines Rollkragenpullis und ins Gesicht gekämmten Haaren. "Medizyniker" Benn hatte immer eine Vorliebe für Täuschung, das wird besonders im von Franken vorgetragenen Gedicht "Schöne Jugend" klar, das für zarte Gemüter leicht irritierend dem Leben einer Ratte den Wert eines Menschenleben zuspricht. Nicht nur leicht irritiert waren die Zuschauer jedoch, als das Juryurteil mit 38 Punkten (8,8,8,7,7) erneut viel zu niedrig ausfiel, lautes Buhen für die unverständlichen Bewertungen der Jury war die Folge.

Da kam Julius Fischer gerade recht, schon bei der stand-up-artigen Anmoderation versprühte er beste Laune. Er präsentierte zunächst zwei Gedichte aus seiner Reihe "Blockiert", das erste davon ("Blockade") völlig wortlos, danach setzte er noch einen drauf mit dem Prosa-Text "Ich bin ein Gewinner", in dem er die reißerischen Aufschriften von Postwurfsendungen wörtlich nimmt und sich damit das gute Gefühl verschafft, dass die Welt sich nur um ihn dreht. Der bis dahin erheiterndste Text des Abends bekam dementsprechend 45 Punkte (10,10,9,8,Cool, darunter die ersten beiden Zehner. Es roch ein wenig nach Konzessionsentscheidung, vor allem wegen der großen Streuung der Punktzahlen. Nicht weil die Punkte für Fischer unverdient gewesen wären, sondern wegen der Unangemessenheit im Vergleich zu den vorherigen Poeten.

Als letzter “toter Poet“ durfte dann Allen Ginsberg seine Kunst und sein Können zeigen. Felix Goeser, in der Kritiker-Umfrage der Zeitschrift Theater Heute zum 'Schauspieler des Jahres 2006' gewählt, konnte aufgrund seiner von Hause aus intellektuellen Erscheinung, mit spärlichem kurzem Haar, Hornbrille und unscheinbarer Kleidung, auf ein Kostüm verzichten, und wirkte so wie Ginsberg, der sich mal wieder eine Rasur verpasst hatte. Mit "Howl" präsentierte er einen düsteren Streifzug durch das New York der 50er Jahre, voller Sex, Jazz und Wahnsinn, der Konsum von Marihuana zog sich - Achtung Kalauer - wie ein grüner Faden durch den Text. Nicht umsonst wurde Ginsberg zum Helden der Beatniks. Goesers sonst stoische Performance wurde durch betont lässiges Wegwerfen seiner Zettel etwas aufgelockert, summa summarum ein guter Auftritt, dem die Jury eine weitere Zehn und insgesamt 40 Punkte (10,8,8,7,7) verlieh. Das machte Ginsberg/Goeser zum Sieger in der internen Wertung der toten Dichter und somit zum Finalteilnehmer.

Gleichzeitig bedeutete das aber auch den Sieg des Teams der lebenden Poeten, 35 Punkte fehlten den lebenden Dichtern noch zum Gesamtsieg und es war mehr als zweifelhaft, dass Marc-Uwe Kling, zweimaliger deutscher Meister im Poetry Slam und Träger des Silbernen Stuttgarter Besens, dies nicht erreichen würde. Kling bespaßte dann das Publikum mit Geschichten aus seinen "Känguruh-Chroniken", was ihm wie schon so oft die meisten Lacher und die mit Abstand höchste Punktzahl des Abends, 48 an der Zahl (10,10,10,9,9), einbrachte. Somit stand der zweite Finalteilnehmer fest und die Hauptrunde endete mit einem erdrutschartigen Sieg für die lebenden Poeten, 174:150 nach Gesamtpunkten.

Dass die lebenden Poeten den toten bei diesem Format überlegen sind, weil es ihnen naturgemäß leichter fällt, sich in ihre Texte hineinzuversetzen und eine angemessene intensive Performance zu liefern, ist sicher eine Erklärung für den Sieg. Es ist aber nicht der einzige Grund für ihre Überlegenheit. Die Schauspieler lasen allesamt vom Textblatt ab und kosteten nicht die Möglichkeit aus, sich zu kostümieren. Das wirkte nicht engagiert oder ehrgeizig genug, diesen Slam zu gewinnen. Der Wettbewerb, um den es primär natürlich nicht ging, wurde so zu einer Farce, des Formats unwürdig und überflüssig. Dann doch lieber einen Alive or Alive-Slam ohne Teilnehmer, die im Auftritt mehr eine lästige Pflicht sehen als eine Gelegenheit, eine Legende wieder auferstehen zu lassen.

Das Finale war dementsprechend eine klare Angelegenheit. Goesers Ginsberg las uninspiriert und gefühllos einen verstörenden Text, den der Author dieser Zeilen nicht fähig ist zusammenzufassen, Kling brillierte hingegen mit seinem drolligen Gedicht "Die Hydra", in dem er Herakles sich an den Mühlen der Bürokratie zerreiben lässt. Das Publikum bestätigte den an diesem Abend herrschenden Klassenunterschied mit gewaltigem Klatschen für Kling, der sich einen weiteren Siegespokal in seinen bereits gut bestückten Trophäenschrank stellen durfte.

Insgesamt ein gelungener und unterhaltsamer Slam, auch wenn die toten Poeten weit hinter ihren Möglichkeiten blieben. Moderator Hogekamp führte souverän durch das Programm, seine Ansagen waren informativ und stimmten gut auf den folgenden Poeten ein. So erfuhr man unter anderem, dass Gynäkologe Gottfried Benn Prostituierte auch mal kostenfrei behandelt hat, oder dass der Verleger von Ginsbergs "Howl" sogar verhaftet wurde nachdem er das Gedicht herausgegeben hatte.

Bei weiteren Slams dieses Formats sollte man darüber nachdenken die Jury sorgfältiger auszuwählen oder ganz abzuschaffen. Wenn es schon einen Wettbewerb gibt, sollte dieser nicht durch unbedarfte Gelegenheitsbesucher von Poetry Slams, die ein paar Schilder in die Hand gedrückt bekommen und mit diesen über Sieg und Niederlage entscheiden, verzerrt werden. Oder man sollte darüber nachdenken, den bei dieser üblicherweise hochkarätig besetzten Veranstaltung überflüssigen Wettbewerb abzuschaffen um einfach die hohe Kunst der Poeten zu genießen - so ganz ohne Slam.

Text: Sasche Delitzscher

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