Vom Tellerrand bis Waterkant
Schon seit einiger Zeit berichtet Torsten Sträter, der Mann aus dem Ruhrpott, über seine Erlebnisse beim Poetry Slam, oft auch aus Berlin. Till Reiners ist Slammer aus Berlin und will genau umgekehrt den Blick über die Berliner Szene hinaus wagen – "Vom Tellerrand bis Waterkant" - bis zur Küste, also. Unter dieser Rubrik möchte er in unregelmäßigen Abständen von Slams außerhalb von Berlin berichten. Zum Einstieg widmet er sich dem Koblenzer Reimstein, dem Poetryslam in Koblenz, der am 20. April stattgefunden hat.
Warum Koblenz einen Reimstein bei mir im Brett hat.
Der Tag davor, 19 April. Eigentlich wollte ich ja so anfangen: „In der Literatur...“ - Zack, schon klickt die Hälfte auf „Termine“ oder checkt die neuesten gmx-News. Anfänge müssen knallen, flashen, fesseln, hungrig machen. Okay, wissen wir, kennen wir. Aber wie geht's? Klar – ich guck einfach bei Sträter – wenn es einer kann, dann der. Was schreibt der? „Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen." - Shakespeare. Shakespeare? Sträter, Du glaubst auch Du kannst Dir alles erlauben, oder? Was kommt als Nächstes? Vielleicht mal zu Beginn 'n Sudoku? Eins von den schweren, so um mal richtig warm zu werden? So von wegen umgekehrte Psychologie, „wenn ich das Sudoku erstmal hab', liest sich der Rest bestimmt wie Butter?“
(Kontrovers, geil, das flasht so dermaßen, da kann ich denen ruhig mit dem Literaturanfang kommen.)
In der Literatur gibt es den Begriff des „Locus amoenus“. Dieser Begriff bezeichnet einen schönen Ort. Und der ist dann immer der gleiche: Bäume, Vogelgezwitscher, Fluss – Literaturklischee. Ein weiteres Klischee: Ein junger Mann öffnet den Briefkasten, Inhalt ausschließlich Mahnungen. So werden in Büchern oder Filmen Leute eingeführt und alle wissen sofort: „Ah, nett aber lebensunfähig.“
Der Typ mit den Mahnungen bin ich. Kurz durchzucken mich Selbstzweifel. Nett, aber lebensunfähig? Ich blicke an mir runter: Schuhe sind gebunden, die Jacke ist zu. Bin ich geduscht? Erst gestern gemacht. Alle Zweifel sind wie weggeblasen – läuft doch mit dem Leben! Jetzt sitze ich am Küchentisch und vergleiche die Mahnung von Vattenfall mit der von meinem Vermieter. Lustig: Auf der Mahnung vom Vermieter (es ist die erste) lautet der Anfangssatz: „Sicher ist es Ihnen entgangen, dass Sie den Betrag XY noch nicht überweisen haben.“ Auf der von Vattenfall (es ist die zweite): „Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass Sie den Betrag XY noch nicht überwiesen haben.“ Sie unterstellen mir also böse Absicht. Recht so. Denn ich werde es so handhaben wie mit Mahnung Nummer Drei von der BVG, die sich ganz schön wichtig nimmt: „Inkassounternehmen, rechtliche Schritte“ - Schlagwort-Gepose. Wenn man nicht wüsste, dass das alles Vordrucke sind, könnte man sich glatt vorstellen, wie ein dicker Verwaltungsfachangestellter mit hochrotem Kopf vor seinem Rechner sitzt und wütend offiziöse Wörter im Zwei-Finger-System in die Fettfilmtastatur hackt.
Aber dieser Copy-Paste-Mist macht niemandem Angst. Vor allem wegen des folgenden Satzes: „Sollten Sie den Betrag bereits in der Zwischenzeit überwiesen haben, betrachten Sie dieses Schreiben bitte als hinfällig.“ HA! Genau das habe ich gemacht. Und so werde ich es immer wieder tun! Die Rache des kleinen Mannes: Zwei Tage vor der dritten Mahnung das Geld überweisen. Die dritte Mahnung bedeutet dann: Das Unternehmen hat 55 Cent zum Fenster rausgeschmissen. Klar, der Kapitalismus ist so auf Dauer nicht vollständig zu besiegen. Aber man tut was man kann. Vor allem aber sollte das den letzten Zweifel zerstreuen, ob ich mein Leben auf die Reihe kriege: Wer das System so sehr durchschaut, dass er dieses mit den eigenen Waffen schlagen kann, hat das Leben nicht nur im Griff, nein, geradezu im Würgegriff seiner straffen Selbstorganisation.
All das denke ich, während ich am Küchentisch sitze und diesen Text schreibe. Es ist 20 Uhr. Morgen ist der Slam in Koblenz. Ja, das ist schön, eigentlich. Aber: Ich habe keinen Text.
Es gibt ja drei Verhaltensweisen bei Tieren, wenn sie angegriffen werden: Flucht, Angriff oder Schockstarre. Bei mir ist es immer Schockstarre. Kann man nichts machen: Gene. Das ist natürlich die bescheuertste Reaktion und auch diesmal schlägt sie voll auf mein Text-Problem durch: Statt nochmal vier Stunden zu schreiben bzw. Textfragmente ineinander zu schieben, stelle ich mich tot – gehe also schlafen.
Der Reimstein
Heute gilt's. Bei mir galt es schon besonders früh: Um sieben bin ich aufgestanden, dann zur Arbeit, jetzt ist es 14 Uhr. Ich muss im Zug von Berlin nach Koblenz etwas Brauchbares schreiben. Gar nicht so leicht, denn der ICE ist überfüllt mit Vulkanasche-Flüchtlingen und Steckdosen sind rar. Ich drängele mich rücksichtslos zu einem Steckdosenplatz und beginne zu schreiben. Als ich um Sieben endlich in Koblenz ankomme, haste ich in ein Internetcafé um noch einige Sätze zu ergänzen und auszudrucken. Es funktioniert. Um halb acht bin ich fertig. Zehn Minuten später bin ich beim Slam.
Der Koblenzer Reimstein ist mein persönlicher Locus amoenus. Die Moderatoren Nadja Schlüter und Lars Weisbrod haben einen der schönsten Slams Deutschlands organisiert, das kann ich mittlerweile sagen. Es gibt unbegrenzt Freigetränke, einen komfortablen Schlafplatz, Geld und eine Trophäe zu gewinnen (den Reimstein, einen kleiner Backstein mit Goldplakette, sehr schick). Und nachher gibt es für alle Tapas. Herrlich!
Und, das Schönste ist: Der Circus Maximus (der Veranstaltungsort) ist entweder voll oder zu voll. Etwas anderes habe ich bisher noch nicht erlebt. Und erlebt habe ich in Koblenz schon viel: Zum fünften Mal bin ich heute hier, stelle ich verblüfft fest.
Insgesamt sind wir zu neunt, drei Gesichter kenne ich: Marvin Ruppert, Goldschläger und ja, Freunde, da wird’s schon schwierig – jetzt, so spät danach. Ich glaube, dass ich Ina Helter schon mal gesehen habe, aber vielleicht war's auch Elena Anais. Auf jeden Fall sind beide aufgetreten. Ihr merkt, es wird dünn. Aber sind wir mal ehrlich: Wisst ihr noch, was ihr in der Abiprüfung gesagt habt? Oder in der 7. Klasse geschrieben habt zum „Hauptmann von Köpenick“? Könnt ihr noch alle Leute aufzählen, mit denen ihr in der Klasse ein halbes Leben verbracht habt? Eben. Aber ihr könntet unter Hunderten die heisere Stimme eures Mathelehrers erkennen, könntet heute noch beschreiben, wie der Klassennerd linkisch zum Schulklo gewatschelt ist, immer mit diesem einem Riemen seines „Ledertornisters“ über der Schulter. Und wenn etwas auch nur entfernt an das Geruchsgemisch von Deckweiß und Lehrerschweiß erinnert, fühlt ihr euch wieder in den Kunstunterricht versetzt. Also, wer noch aufgetreten ist, sag ich noch, aber dann weg mit diesem Listendenken: Christof Wahner war dabei, außerdem Jonas Meyer, Daniel Ableev und Martin Sieper. Mit mir also neun Leute.
Es gab drei Runden und am Ende stehen Marvin Rupert und ich im Finale. Marvin Ruperts Texte handeln unter anderem von Liebe und Heuschnupfen und Zimmer aufräumen und Beziehungen aufräumen und man kann sagen, dass die Koblenzer alle Slammer mochten – aber Marvin sehr.
Im Finale muss Marvin einen ganz neuen Text machen (weil er alle anderen schon mal vorgetragen hat). Das hilft mir, denn ich mache einen ganz alten und darf einen Reimstein nach Hause nehmen.
Über meinen Text in der zweiten Runde muss ich aber noch ein Wort verlieren, denn das ist, ja, das ist schon funky, finde ich. Also für alle, die nichts mit dem Wort „funky“ anfangen können, ich sage das immer so: „Fankiii“ mit viel „i“ und ein bisschen überdreht, Jim Carrey als „die Maske“ kann es so aussprechen wie ich es meine.
Warum funky? Ich mache einen Text über drei Personen, die nach dem Erfolg suchen. Meine dritte Person ließ ich kurzerhand einen Auszug aus dieser Kolumne sprechen, von „In der Literatur...“ bis „...Selbstorganisation“. Ich habe nämlich auf der Zugfahrt festgestellt, dass das ja auch irgendwie passt. Prokrastinationsglück.
Damit ist diese Kolumne über den Slam auch gleichzeitig Teil des Slams - ich finde das funky.
Dann gibt es Tapas! Unter hunderten von Tapas könnte ich die Koblenzer herausschmecken. Es gibt immer auch Fischtapas, die nie jemand mag – außer mir. So auch dieses Mal. Glücklich sitzen alle um den runden Tisch und essen. So könnte ein Kinderroman enden. Jetzt muss nur noch jemand einen halblustigen Witz machen und bei der Hörspielversion würden dann nach und nach alle prustend miteinstimmen, bis das Dudeljingle kommt.
Unsere Runde ist wirklich Bullerbü mit Schuss, so vom Rock'n'Roll-Faktor her: Als wir unsere Unterkunft erreichen, gehen alle sofort schlafen - es ist gerade mal Ein Uhr. Aber um ehrlich zu sein, bin ich ganz froh: Das letzte Mal war Andy Strauß da und dann kommt man sich immer so spießig vor, wenn man um vier nicht mehr Musik, Drogen und Sex haben möchte.
Am nächsten Morgen bin ich tatsächlich ausgeschlafen und nicht verkatert. Das passt gut – ich muss dringend Geld überweisen.












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