Springe zum Inhalt

Tauschen und verbeugen - Poetry Slam in Japan

, Schlagworte: Peh, Tilman Birr, Über den Tellerrand

Im Mai 2009 flogen die Berliner Slampoeten Tilman Birr und Peh auf Einladung des Goethe-Instituts nach Osaka, um dort an einem Slam teilzunehmen. Tilman als Moderator, Peh im Wettbewerb.

Tilman Birr berichtet auf Slammin' Poetry über Mundschutz, Sprachengewirr und einen wahnsinnigen Co-Moderator - in Wort, Bild und Ton.

It’s easy when you’re big in Japan

Was haben mir nicht alle möglichen Leute alles Mögliche erzählt, bevor ich nach Japan flog! „Im Japanischen gibt es kein Wort für Nein. Wenn man Nein sagen will, wartet man ein paar Sekunden länger, bevor man Ja sagt.“ „Ohne Visitenkarte bist du in Japan ein Niemand. Und die Karte immer mit beiden Händen überreichen und verbeugen dabei!“ „In Japan spricht keine Sau Englisch. Wenn du in einer Gegend bist, wo die U-Bahnstationen keine lateinische Beschriftungen haben, bist du echt aufgeschmissen.“ „Geh mal in Japan Kondome kaufen. Die sind echt kleiner als die europäischen.“ „Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt. Tritt ihnen in die Kniekehlen und sie entschuldigen sich.“ „In Japan ist es eine Beleidigung, Kindern über den Kopf zu streichen.“ „Die Japaner lassen sich nicht fotografieren, weil sie glauben, man würde ihnen damit ihre Seele klauen.“
Zumindest die letzte Behauptung kann jeder Europäer, der schon einmal an einer europäischen Sehenswürdigkeit vorbeigelaufen ist, ins Reich der Irrtümer verbannen. „Die Japaner sind zu höflich zu sagen, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann nicken sie nur und machen Geräusche.“ Das kannte ich. Wenn man am Brandenburger Tor steht und einem Japaner den Weg zum Potsdamer Platz erklärt, dann nickt er, macht „Haaaah“ und „Hooooh“ und man weiß: der versteht gar nichts.

Und was habe ich mir vorher nicht für Gedanken gemacht! Einen Slam soll ich da moderieren und das noch auf Englisch. Hoffentlich quatsche ich da keinen Stuss, ich Horst! Und wie soll das Abstimmungssystem sein? Per Jurywertung am Ende? Ich kann doch so schlecht kopfrechnen. Und wer wird mein Co-Moderator sein? Ein schüchterner und überhöflicher Japaner, dem es nicht gelingen wird, die Masse anzuheizen? Wer tritt da überhaupt auf? Werden die übersetzt? Und wer kommt da überhaupt hin? Die verstehen doch keinen Ton und machen immer nur „Haaah!“ und „Hooh!“. Wenigstens hat mir die Frage „Was gibt’s da wohl zu essen?“ keine Sorgen gemacht. Mit Sushi kann ich ganz gut.

Ich fliege mit Peh von Tegel über Paris nach Osaka. Schon am Flughafen Charles de Gaulle sehen wir die ersten Japaner mit Mundschutz. „Schweinegrippe“, sagt Peh. „Na, na! Jetzt nicht rassistisch werden“, sage ich. In Osaka tragen alle Einwanderungsbeamten Mundschutz. „Die halten uns Europäer wohl für schmutzig“, flüstere ich Peh zu. „Rassisten“, sagt Peh.
Wir müssen einzeln vortreten, in eine Kamera grinsen und unsere Zeigefinger auf ein Fingerabdrucklesegerät legen. Wir werden gefragt, ob wir in Mexiko waren, ob wir jemanden kennen, der im letzten Monat in Mexiko war, ob wir uns gesund fühlen. Peh verschweigt ihre Erkältung, um nicht ins Quarantänelager nach Hokkaido abgeschoben zu werden. Katja, die Praktikantin vom Goethe-Institut, holt uns und den Deutsche-Welle-Journalisten Alex Freund vom Kansai Airport ab. Alex ist Japanologe und erklärt uns gleich noch mehr von Japan:
„Als Ausländer kannst du dir hier fast alles erlauben. Sobald deine Nase länger ist als eine japanische, finden die dich toll. Die Japaner sind das höflichste Volk der Welt. Du darfst nur niemals kleinen Kindern über den Kopf streichen.“
Aha.

Wir checken im Hotel ein. Die Toilette hat eine Bedienkonsole mit zehn Knöpfen. Muss man sich hier erst einloggen? „Sind Sie schon registriert? Haben Sie Ihr Toilettenpasswort vergessen? Ihr ganz persönliches Exkrementeprofil wird für Sie erstellt. Benutzer, die diese Art von Exkrementen abgegeben haben, mochten auch: ... “
Ich drücke irgendwo drauf. Ein Wasserstrahl spritzt mir an den Anus. Erschrocken springe ich auf, das Klo speit den Strahl an die Wand. Ich drücke irgendwelche Knöpfe wild durcheinander. Jetzt bläst es Luft, dann wieder Wasser, dann Wasser im breiteren Strahl. Wo kann man hier den Stecker ziehen? Ich drücke weitere Knöpfe, bis das Wassergesprühe aufhört. In Zukunft wohl besser nur die Spülung betätigen, denke ich.

Abends gibt es ein Kennenlernessen mit allen Slammern und Veranstaltern. Es werden Hände geschüttelt, kleine Schweinereien gegessen, Biere getrunken, über Szenen und Projekte geredet. Das Goethe-Institut nimmt mich beseite: „Birr-san, wir haben da ein kleines Problem mit deinem Co-Moderator.“ Ich erfahre, dass mein Co-Moderator über eine falsche Ankündigung im Flyer sehr erbost war und üble Drohungen per Email und Telefon ausgesprochen hat. Eigentlich habe man ihn rausschmeißen wollen, habe sich aber nunmehr doch dazu entschlossen, ihn zu integrieren, weil man befürchte, dass er sonst mit seinen Jungs beim Slam auftaucht, und den Laden auseinandernimmt.
„Ich dachte, die Japaner sind das höflichste Volk der Welt!“
„Nee, nee. Der ist Halbkoreaner.“
Ach so!

Bild von Christiane LemkeBild von Christiane Lemke

Respekt

Hochachtung fuer den Mut zu dieser Abenteuerreise und vielen Dank fuer den Bericht - hab gut gelacht Smile.

( ... kommt ihr jetzt bitte nach England? Smile )

Bild von Kay BeißertBild von Kay Beißert

Super Magazinbeitrag ...

... Tilmann, der Beitrag liest sich richtig gut, aber die Videoreportage ist das "Tüpfelchen auf dem i". Da möchte man mehr von sehen.

PS: Toller Soundtrack, der rockt (Da gabs doch mal so`n südhessisches Metalbandcasting Wink

Kommentar hinzufügen 

CAPTCHA
Diese Frage dient zur Verhinderung automatisierter SPAM-Beiträge.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.