Taktvoll in Friedrichshain
Der Rosi’Slam am 2. April
Der Dreißigste ist immer etwas Besonderes – und dies ist er auch heute für mich. Denn ich bin zum ersten Mal bei einem Rosi’Slam, der heute aber bereits zum dreißigsten Mal stattfindet. Dieses Jubiläum hier in der Friedrichshainer Kult-Location trägt nun dazu dabei, dass ich die Atmosphäre und den Raum bewusster wahrnehme. Ich erfreue mich an der baufälligen Fassade und dem Club, der – wie für den Bezirk typisch – notdürftig instandgesetzt ist, um hier Kultur preiswert erlebbar zu machen.
Ich habe einen der wenigen Sitzplätze in dem eher kleinen, aber feinen Bühnenraum, der mich an den Ackerkeller erinnert, ergattert und registriere, dass sich der Raum schnell mit Stammgästen füllt, die sich gewohnheitsmäßig auf ihren Jacken auf dem Boden platzieren. Ich dagegen niste mich wohlig ein und entspanne mich in der wenig beleuchteten, kleinen Halle.
Dann tritt Szeneliebling Wehwalt Koslovsky, der auch selbst ein bekannter Slammer ist, als Moderator auf die Bühne. Er wird sein Publikum über zwei Stunden bei Laune und in Atem halten, wenn er jeden Poeten drei Runden hindurch enthusiastisch ankündigt. Selbst seine kleinen Versprecher wird ihm hier niemand übel nehmen. Charlotte Rieber vom Sprechstation Verlag und Mitveranstalterin des Rosi’Slams assistiert ihm hier heute an der Musikstation. Sie wird den Abend mit cooler, unaufdringlicher Jazzmusik unterlegen und so die Atmo in den Pausen immer wieder leise ebnen. Doch zuerst stellt Wehwalt eine kleine Jury zusammen, die sich durchaus als publikumsrepräsentativ erweisen wird. Fünf Juroren werden mithilfe von Punktekarten abstimmen, welchen Poeten der jeweiligen Runde wir noch einmal im Finale erleben werden. Im Finale selbst wird dann das Publikum entscheiden, wer gewinnt.
Den Auftakt übernimmt Special Guest Jaromir Konecny mit seinen teilweise surrealistischen Geschichten. Das Publikum erfreuen sie – und zugleich bilden sie doch den geeigneten Gegenpart zu den folgenden verschiedenen Texten. In seinem aus der Schaubühne bekannten „Hamster“-Text stellt er die durchaus interessante Frage: „Wer ist hier der Schriftsteller?“, die hier gleichfalls die Meta-Ebene der Veranstaltung bildet. Denn, was die nun folgenden neun Poeten, darunter nur eine Frau aus der U20-Fraktion, betrifft, ist das eine gute Frage und könnte besser diesen Dichterwettstreit nicht einläuten. Dabei wird ein Thema des Abends das Dichten selbst sein, was sogar teilweise in Frage gestellt wird. Doch zuvor greift Jaromir noch einmal in seine „süße Tüte des Vergessens“ und amüsiert auch den letzten, wenn er mit seinem tschechischen Akzent spielt.
Im Kontrast dazu eröffnet Stefankai die erste Runde mit seinem Text „Wut“, dem er einige kleine Texte mit schönen Wortklaubereien folgen lässt: „Die Ode an – Diode aus“ – Damit sei der Abend mit all seinen Hochs und Tiefs von der lyrischen Wertschätzung bis hin zum eigenen Lampenfieber eingeläutet, das Gehör wortreich angewärmt und eine lyrisch-intelligente Stimmung verbreitet. Er erntet 28 Punkte und einen frischen Applaus.
Kai Nesau aus Hannover zieht anschließend Vergleiche zwischen Friedrichshain und seiner Heimatstadt, die vom Publikum bemängelt, aber mit immerhin beachtlichen 37 Punkten belohnt werden.
Dritter in dieser Runde ist der hier sehr bekannte Pansen, der sich in seinem Text „Torschlusspanik“ über sein „derzeitiges Seelenleben“ auslässt. Er frustet dem Single-Dasein und vor allem der Meinung, die seine Freunde und Nicht-Singles ihm gegenüber deshalb haben. Auch wenn er damit im Allgemeinen einen Nerv der Zeit mit seinen referierten 35 Jahren treffen mag, den Nerv der Jury hingegen trifft er nicht tief. Mitleidslos gegenüber seiner „männlichen biologischen Uhr“ gönnt sie ihm nur 29 Punkte.
Schnell sind diese von Kultsprecher Wehwalt zusammengezählt, bevor er die zweite als Championrunde ankündigt. Inmitten des Slams scheint er so das Ergebnis ein wenig vorwegzunehmen. Doch die Spannung steigt, als diese umgehend durch den vielversprechenden Till Reiners, den ich schon öfter für seine bissige Ironie und seinen Scharfsinn bewundert habe, eröffnet wird. Er führt einen Dialog mit dem Erfolg, an dem er gerne scheitert. Damit erntet er nicht nur einen Sympathiebonus des Publikums, sondern kann außerdem die bisher höchste Punktzahl von satten 41 für sich einheimsen.
Ihm folgt ein ebenbürtiger Rivale, Temye Tesfu, den ich heute zum dritten Mal erlebe. In seinem Text über den Zwiespalt zwischen banaler Alltagskommunikation und ihrer gleichzeitigen Notwendigkeit verknüpft er gekonnt mehrere Ebenen rhetorisch und darstellerisch miteinander. Er spricht zudem das Publikum direkt an und macht die Alltagssituationen dadurch erlebbar. Temye ist kurzweilig und rhetorisch ausgesprochen gut und ein wahrer Konkurrent für Till. Er stellt indiskrete Fragen über „die peinlichsten Sexunfälle in deinem Leben“ und referiert wie kein anderer auf der Metaebene, wenn er die entscheidende Frage: „Wozu denn noch sprechen?“ stellt. Diese beantwortet er abrupt mit: „Es lebe die Nonverbalität!“. Denn über Sein und Schein oder Scheinen und Scheinen – und dass das auch okay so ist in unserer Welt - ergibt er sich dem Spiel mit dem Verbalen. Dem schließt er einen rhythmusreichen Sprech-Gesang an und resümiert: „Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht“. Dies tut er aber keineswegs pessimistisch, denn zusammen Kaffee-Trinken-Gehen geht immer. Dass er damit Till in keinem Punkt nachsteht, wird ebenfalls mit 41 Punkten bewiesen.
Jeder, der ihm ins Finale folgen will, hat es nun schwer – und jede, die noch unter 20 Jahren ist, erst recht, finde ich. Die einzige Teilnehmerin des Abends, Josefine Berkholz, hat sich auch ihre Gedanken über verschiedene Bewusstseinsprozesse gemacht. In „Übermorgen wird auch noch ein Tag sein“, ihrem Text für alle „Weltverbesserer“, entlarvt sie das egoistisch motivierte Helfersyndrom, das in einem wohnen kann. Schnell wird klar, wie schwer es ist, wirklich etwas zu verändern – und zwar auch im Kleinen. Auch wenn sie vom wohlgesonnen Kollegen und Slammoderator als mehrfache Gewinnerin angekündigt wurde, entscheidet sich die Jury nicht für sie, sondern für nur 37 Punkte. Damit bleibt sie hinter ihren Vorgängern dieser Runde zurück.












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