Slampoeten im Interview: Philipp Scharrenberg
„Viel Spass und Selbstironie“
Philipp Scharrenberg, genannt Scharri, slammt erst seit drei Jahren – aber er ist der deutschsprachige Poetry-Slam-Meister 2009. Und das nicht nur alleine, sondern zusammen mit seinen Kollegen Heiner Lange und Bumillo, gemeinsam „Poesie aus Leidenschaft“ oder kurz „PauL“, auch im Teamwettbewerb. Wir haben ihn am 20. November in Berlin getroffen, kurz bevor er im Rahmen des Bastardslams die Bühne stürmte.
Scharri, willst du uns ein bisschen erzählen, wo du herkommst?
Wo ich herkomme? Meinst du jetzt rein biologisch?
Ja, rein biologisch. Von Eltern?
So ist es mir berichtet worden. Ich habe das gutmütig auch geglaubt. Das letzte Mal, als ich geguckt habe, kam ich aus Bonn, am Rhein. Damals war es sogar noch Hauptstadt. Irgendwann dann nicht mehr, aber das ist gar nicht so schlimm, eigentlich. Ja, da komme ich her. Also Bonn, richtig Bonn, nicht irgend so ein Dorf drumherum. Hab dort auch fast dreißig Jahre meines Lebens verbracht und bin jetzt in Stuttgart, seit viereinhalb Jahren.
Und was hast du in Stuttgart gemacht, wenn du nicht geslammt hast?
Ich bin dahingegangen zum Studium, ich hatte in Bonn Germanistik und Philo studiert – klassischer Magister auf Arbeitslosigkeit, quasi, oder auf Taxi – aber dann wollte ich noch einen Medienstudiengang drauflegen. Und in Stuttgart gab es einen, der nannte sich „Medienautor“, das fand ich spannend, weil ich eigentlich immer in die Medien wollte. Irgendwas mit Medien eben, aber nicht ausschließlich für den Film oder fürs Radio.
Da hätte ich mich auch beinahe beworben.
An der Hochschule für Medien?
Ja.
Es war ein schönes Studium, aber es ist ein bisschen hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Das lag auch daran, dass das ein Testlauf war, ein Versuch der Hochschule, die einen sehr technischen Schwerpunkt hat, sich einen Redaktionskader heranzuziehen. Der Vorteil davon war, dass das Studium nicht sehr hart durchformatiert war und man sehr viele Freiheiten hatte. Der Nachteil war, dass, wenn man irgendwas haben wollte, man auch wirklich selber dafür sorgen musste. Dadurch habe ich viel gelernt. Nicht unbedingt inhaltlich, aber was die Soft Skills angeht. Und deswegen möchte ich die Zeit auch nicht missen. Als das Studium vorbei war, bin ich irgendwie in Stuttgart hängen geblieben und hab komischerweise auch erst nach dem Studium mit dem Slammen begonnen. Das hat eins dem andern die Klinke in die Hand gegeben, da war – eine Lebenszäsur.
Das war – wenn ich mich richtig informiert habe – 2006?
Ja, das war 2006. Oder? Jetzt muss ich selber noch mal nachdenken. Ich bin total verwirrt gerade. Ich dachte, ich hätte erst meinen Abschluss gemacht. Jetzt habe ich meine eigene Bio nicht mehr im Kopf.
Tut mir leid. Ich wollte eigentlich keinen Enthüllungsjournalismus betreiben.
„Poetry-Slam-Meister hat Alzheimer“. Nee, das hat sich tatsächlich überschnitten, es ist nur so, dass ich im ersten Jahr noch nicht so viel geslammt habe. Man geht halt mal hin und denkt, oh, das läuft aber gut, fährst du mal in die Nachbarstadt und so. Und ich weiß noch genau, ich habe mich bei meinem ersten Auswärtsslam in Frankfurt saukomisch gefühlt, weil ich dort kein Schwein kannte – ich bin einfach so hingefahren und dachte noch auf der Fahrt, was machst du da eigentlich? Du fährst irgendwo hin, wo dich keiner kennt, wie blöd eigentlich? Jedenfalls habe das Slammen noch während des letzten Semesters angefangen. Dann war ich noch ein paar Wochen in Berlin für ein Praktikum, habe die Masterarbeit geschrieben, und dann ging das Slammen eigentlich erst richtig los.
Ich höre das ja immer „...dann habe ich so mit dem Slammen angefangen“. Ich habe ja noch nie mit dem Slammen angefangen, wie funktioniert das?
Also, bei mir war das so – jetzt muss ich mich sehr vorsichtig ausdrücken. Ich wusste schon sehr lange, dass es so etwas wie Poetry Slams gibt. Jahrelang. Ich habe nur immer gedacht, okay, das sind bestimmt irgendwelche selbstverliebten Jungliteraten, die sich da hinstellen und sich produzieren à la Stuckrad-Barre. Daran hatte ich kein Interesse. Bei mir hat sich das Lyrische auf die Formebene beschränkt, ich habe immer gern mit Sprache gespielt, mit Reimen, mit Gedichtformen. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, das bei einem Poetry Slam vorzutragen. Ich wusste nicht, dass damit so viel Spaß und auch Selbstironie verbunden sein kann, dass man sich dort ein bisschen auf den Arm nehmen kann, dass es zwar auch ernster zugehen kann, aber dann eben auch heiter. Ich wollte schon eher mit was Lustigem auf die Bühne und hatte gehört, dass es in Stuttgart eine Open Stage gibt, in der Rosenau. Eigentlich wollte ich dorthin, aber wie der Zufall spielte, fand der Poetry Slam vorher statt. Also bin statt zur Open Stage zum Poetry Slam gegangen und hatte das Glück, dass es ein sehr hochkarätig besetzter Abend war. Ich weiß noch, das Finale bestand aus Harry Kienzler, Lars Ruppel, der in der Vorrunde den Brottext gelesen hatte, und dem damals amtierenden Meister Volker Strübing. Das war ein Rockkonzert, das mich völlig umgehauen hat, das war unvorstellbar. Ich bin nach Hause gegangen und habe gedacht, das will ich auch, das kann ich auch. Also bin ich beim nächsten Mal auf die Bühne und hab das Ding auch gewonnen. Da dachte ich, na also, das mach ich weiter. So fängt man an.
Es ging dann relativ schnell bei dir. Ich habe dich irgendwann mal in Frankfurt gesehen, dachte, wow, der ist gut, und das nächste Mal war Ende 2007 – beim National, hier in Berlin.
Genau. Das war so ein Überraschungsding. Es lief alles ganz gut, ich konnte für die Rosenau antreten. Für mich war das mehr so ein Reinschnuppern. Ich hatte den National 2006 nicht erlebt. Ich hätte theoretisch hingehen können, aber ich wusste nicht, was das für ein großes Ding ist. Deswegen bin ich völlig blauäugig nach Berlin gekommen, ohne zu wissen, was das für ein Event ist und wie die Chancen stehen mit meinen Texten. Und auf einmal stand ich im Finale. Krass. Mein erster Gedanke war: Jetzt bleib aber mal auf dem Teppich, Junge. Das ist weit genug, alles Weitere wäre damals auch ein zu großer Schuh gewesen. Und danach sind die Anfragen richtig losgegangen.
Peh sagte einmal, deine Texte sind unpersönlich, philosophisch und unglaublich.
Ich hoffe, nicht unglaubwürdig.
Nein, unglaublich im Sinne von „unglaublich gut“. Und unpersönlich im Sinne von „du verarbeitest nicht, wenn du schreibst.“
Stimmt, obwohl sich das inzwischen schon ein bisschen geändert hat. Am Anfang nicht, ganz bewusst nicht. Ich habe es nicht bewusst vermieden, ich hatte nur kein Bedürfnis dazu, über Persönliches zu schreiben. Das war schon früher so, ich hatte nie das Bedürfnis, mein Gefühlsleben zu verarbeiten, sondern ich wollte Geschichten erzählen. Das versuche ich auch in meinen Gedichten.













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Glückwunsch Knudel,
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