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Slampoeten im Interview: Peh

, Schlagworte: Interview, Peh, Slampoeten im Interview

Wie viele Slams machst du pro Jahr?
Oh Gott. Zu viele. In diesem Jahr waren es von Januar bis Juli ungefähr siebzig. Pro Monat zehn bis zwölf, manchmal mehr. Und wenn man einen Vollzeitjob daneben hat, dann ist das einfach zu viel. Ich war sehr beruhigt, als Frank Kloetgen gesagt hat, du, ich mache maximal zehn, und das als Selbständiger. Da dachte ich, cool, ich kann auch runter schrauben.

Das ist total schön, wenn einem die Interviewpartnerin die Folgefrage vorweg nimmt, die da lautete – du bist keine Vollzeitpoetin, sondern hast einen festen Job, wie lässt sich das vereinen?
Ich habe den besten Chef der Welt, seit sechs Jahren, und dadurch lässt sich das sehr gut vereinbaren. Die wissen, was ich mache und sind da auch sehr kulant, mein Chef stellt mich auch schon mal frei. Wenn man so einen Chef hat und dann noch Kollegen dazu, von denen man weiß, man kann sich die Arbeit teilen, oder sagen, kann ich heute früher arbeiten, ich habe abends einen Slam, oder am nächsten Tag später, weil man erst vormittags wieder nach Hause kommt – mit solchen Kollegen lässt sich das sehr gut vereinbaren. Hätte man einen anderen Chef, andere Kollegen, wäre es wahrscheinlich nicht soweit gekommen.

Ohne dich jetzt in die Frauenrolle drängen zu wollen –
Ha!

Du hast einmal zu mir gesagt, in der Slamszene sei es wie überall – Männer neigen dazu, sich zu überschätzen, Frauen dazu, sich zu unterschätzen.
Habe ich das wirklich so gesagt?

Das hast du wortwörtlich so gesagt.
Wortwörtlich? Okay. Ich glaube, was ich meine ist, Frauen zweifeln anders an sich. Frauen zweifeln meistens nicht an ihren Werkzeugen, sondern sofort an sich selbst, wenn sie versagen. Sehr oft zumindest. Und Männer zweifeln an ihren Werkzeugen und weniger an sich. Frauen stellen sich, glaube ich, mehr selber in Frage – zumindest nach außen. Ich habe viele Freunde, männliche Freunde, aber die reden weniger darüber, wenn sie sich in Frage stellen und wenn sie Selbstzweifel haben. Dann fällt es weniger auf. Vielleicht ist es nicht unbedingt eine Frage von überschätzen, aber auf jeden Fall trauen sie sich mehr zu, die Jungs. Frauen trauen sich zwar auch eine Menge zu, aber sie wägen, glaube ich, das Für und Wider und ihre Stärken und Schwächen anders ab. Meine Erfahrung, man kann es nicht pauschalisieren, aber das ist meine Erfahrung.

Wir wollen uns nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen, aber Felix hat uns im seinem Interview aufgefordert, kritischer zu sein. Wenn ich das an meine Interviewpartnerin weitergeben darf – was würdest Du an der deutschen Slamszene am ehesten kritisieren?
Lass mich zuerst einmal sagen, dass ich finde, Slammin' Poetry ist eine sehr tolle Sache. Gerade weil die ersten Sachen, die ich gelesen hatte, von Lars, kritisch waren. Er hat immer gesagt, was ihm nicht gefällt, oder wo er von der Performance enttäuscht war und solche Sachen. Das fand ich sehr gut. Finde ich auch immer noch sehr gut. Und an der deutschen Slamszene. Oh, Gott. Man darf es einfach nicht so ernst nehmen, dann braucht man auch nicht so viel zu kritisieren. Aber wenn man es wirklich sehr ernst nimmt, dann – Kommunikation, ein Kritikpunkt. Und es ist halt – es ist manchmal eine schöne heile Welt, die nicht so heil ist. Und wenn man ganz neu dazu kommt, kriegt man das irgendwie nicht so mit und es ist alles schön und es ist alles toll, es sind deine Kollegen, es sind deine Freunde, lalilala, aber es ist wie in allen Beziehungen, es gibt halt Leute, mit denen es funktioniert, und Leute, mit denen funktioniert es nicht. Aber das Wichtigste ist immer noch, und das kritisiere ich, wenn ich etwas kritisiere an Slamszene und an den Slammern – wenn sie nicht echt sind. Ich meine, klar ist es Performance, und Performance ist Kunst und hat immer was mit einem Bild zu tun, was man projiziert. Aber wenn es nur noch Show ist, dann verfehlt das meiner Meinung nach Poetry Slam. Da kann ich nur Dorothy Parker zitieren. „The purpose of a poet is to speak what he sees and feels.“ Und was ist dann Slam Poetry? Wenn es nicht darum geht, über das, was man erlebt, empfindet oder sieht, zu schreiben? Wenn es nur noch auf das Publikum zugeschnitten wird, dann ist man eine leere Hülle, dann verliert es die Poesie. Und Poetry Slam ohne Poesie – was ist das? Jedenfalls nicht meines. Und deshalb weiß ich, in welchen Kreisen ich mich bewege und in welchen nicht.

Man hat manchmal den Eindruck, dass es vielen Leuten schwer fällt, an der Szene und an den Poeten Kritik zu üben – als hätten sie dann Angst, nicht mehr in der Familie willkommen zu sein.
Ja. Aber es gibt schließlich produktive Kritik. Und ich bin dankbar dafür. Jedes Mal wieder. Und ich finde es sehr schön – es gibt eine gewisse Art von Kritik, die auf jeden Fall gewahrt werden muss. Und dann ist es okay, dann können sich Poeten und Veranstalter damit, naja, nicht arrangieren, aber dann können sie sagen, ja, das ist eine gute Sache. Es gibt sicher viel schlechte Kritik – in der Slamszene kritisiert immer irgendwer irgendwas –, die einfach nur aus „finde ich jetzt scheiße, weil subjektiv und Ego dahinter und pfuiäch“ besteht. Aber produktive und objektive Kritik ist immer wichtig, und immer gut. Gerade jungen Poeten kann Kritik viel mit auf den Weg geben, im Sinne von, „du bist auf dem richtigen Weg! Aber versuch doch das und das mal so oder so“.

Gerade auf den kleinen Berliner Slams tummelt sich ja viel Nachwuchs. Was würdest du angehenden Slammer mit auf den Weg geben wollen?
Das was ich allen immer mitgebe – bleibt euch selbst treu. Bleibt euch selbst treu. Ich saß Anfang des Jahres unterwegs mit einem Kollegen zusammen und er sagte, ich habe keinen Bock mehr auf diesen Text, und ich habe Bock, Lyrik zu machen, aber ich traue mich nicht. Und ich habe gesagt, weil er noch ziemlich am Anfang stand, wenn du auf die Bühne gehst und dich nicht traust, einen Text zu machen, nur weil du dich nicht traust, das ist der Anfang vom Ende. Dann bist nicht mehr du der Herr deiner Poesie, sondern, keine Ahnung -  Ego, Gewinnen, die Maschinerie. Whatever. Nicht du. Und es war schön, ihn eine Woche später in Berlin zu sehen, da hat er einen so schönen lyrischen Text gebracht. Wenn man das kann, mit Kritik umgehen, dann kann man mit Erfolg umgehen. Dann ist man auch zufrieden, und das ist das Wichtigste, dass man zufrieden ist mit seiner Performance an dem Abend, dass man das Beste gegeben hat, was man geben kann. Dann wird man nicht zerfressen.

Und das ist das Schlusswort. Peh, vielen Dank für das Interview.

Weitere Informationen:
Peh kann man kaufen: Auf der Poesie plus Drum'n'Bass-CD „Kennst Du Das“ und seit September auch in Buchform – „Angeschossen“, erschienen im kyrene-Verlag. Peh kann man auch buchen – unter www.peh-land.de.

Interview: Matthias Niklas, Fotos: Hendrik Schneller

Peh auf Sammin' Poetry:

Was hab ich die letzten Jahre eigentlich so getan?

Peh fragt sich "Was hab ich die letzten Jahre eigentlich so getan?" in der Vorrunde des Bastardslam am 20. Februar 2009.

Ich träume (dnb version)

Peh mit einer D'n'B Version ihres Texts "Ich träume" bei der Slam-Poetry Labelnacht im Festsaal Kreuzberg am 4. Mai 2009.

Kennst du das auch?

Peh und ihr Text "Kennst du das auch?"

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