Slampoeten im Interview: Peh
Und in der Szene selbst? Nicht unbedingt Vorbilder, aber –
Vorbilder würde ich nur sagen – Lyriker. Ganz am Anfang habe gesagt, wenn du irgendwann Slam machst, dann Lyrik. Was witzig ist, denn zu meiner eigenen Lyrik hatte ich damals keinen richtigen Zugang. Und da war ganz, ganz groß Frank Kloetgen. Klar, Bas auch, sowieso, aber Frank Kloetgen – da war klar, dass ich Lyrik performen will. Und da sind ja auch Felix, Gauner, Bas, Frank, das sind so die Großen, zu denen ich aufschaue. Und Scharri. Klar, Scharri ist es einfach im letzten Jahr geworden, wo ich sage, er ist mein absoluter Favorit für jeglichen Wettbewerb. Was ich bei ihm vor allem bewundere, ist dass er kaum persönlich wird – naja, jeder Text von mir muss ja irgendwie aus meinem Erleben stammen, ich weiß nicht warum, das ist halt so. Und er kann so wunderbar – er dichtet einfach so großartig. Das ist Dichtkunst, es muss nicht aus dem wahren, eigenen Leben stammen, es ist wahrscheinlich irgendwo da wie alles inspiriert, aber so wunderbar übersetzt, in Bilder und ein Wortgeflecht, es ist unglaublich. Und ja, ähnlich Frank Kloetgen. Scharri ist halt auch wunderbar philosophisch dabei. Und er hat einen wunderschönen Humor.
Du hast gerade gesagt, Du schreibst aus dem Leben. Würdest du sagen, du verarbeitest, oder du bearbeitest?
Teils, teils. Meistens ist es zuerst eine Verarbeitung. Gerade wenn es um die Liebe geht. (lacht) Und die Texte, die sich weniger um die Liebe drehen, die sind eher eine Bearbeitung – oder eine Weiterverarbeitung.
Ich war ja auf der Labelnacht beeindruckt von deinem Beitrag, weil du deine Texte nicht nur einfach auf CD presst, sondern neu einkleidest. Warum?
In erster Linie will ich niemanden langweilen. Weder das Publikum noch mich selbst. Das ist ja ein großer Teil des Bühnendaseins, dass man sein Programm hat und es kennt und sich langweilt, aber man Profi genug ist, es trotzdem durchzuziehen. Und das will ich nicht. Ich muss die Texte einfach neu einkleiden, manchmal auch, weil sich die Stimmung oder das Gefühl des Textes verändert hat. Dann braucht er ein neues Kleid, den Mut zu zeigen, yeah, es hat sich nicht viel verändert, aber ein bisschen was. Und es ist auch eine Herausforderung. Ich sage ja selbst über mich, dass ich nie ganz ausgelastet und nie ganz zufrieden bin und das ist natürlich auch ein großer Anreiz, sich selbst und seine eigenen Grenzen zu entdecken.
Gehört eine gewisse Unzufriedenheit über sich selbst dazu, wenn man Künstlerin sein will?
Ich bin nicht unzufrieden mit mir. Je mehr man gemacht hat, desto mehr Anspruch hat man aber an sich selbst. Das hat glaube ich nichts mit Unzufriedenheit zu tun, Anspruch ist eine andere Sache. Man sieht seine Aufgaben und denkt, hier könntest du noch. Und manchmal kommen einem ja so komische Ideen in den Kopf. Es ist einfach ein Wagnis eingehen und sich selber mehr und noch weiter entdecken, weiter zu gehen, vielleicht manchmal zu weit zu gehen. Okay, zu weit vielleicht nicht.
Ich gehöre zu den regelmäßigen Lesern deines Blogs –
Wooh! (lacht) Okay.
– und es hat immer einen Hauch von himmelhochjauchzend – zutodebetrübt, was Slam angeht.
Ja. Es ist wunderbar, aber es ist auch so. Wahrscheinlich stimmt es, was jemand mal am Anfang gesagt hat – „Peh, du bist Performancepoet“. Und ich habe gesagt, nee, es ist ein Hobby. Inzwischen kann ich nicht mehr sagen, dass es ein Hobby ist. Es ist Passion. Und Leidenschaft heißt dann manchmal halt auch arg leiden. Und so viel Spaß es macht und so schön es ist, es hat immer eine Schattenseite.
Was machst du dann, wenn du es manchmal einfach sein lassen willst?
Das, was man macht, wenn man eine schlaflose Nacht hat – man verlässt das Bett.
Das lasse ich nicht gelten, das steht so wortwörtlich in deinem Blog.
Ich weiß, aber es ist einfach eine so treffende Antwort. Manchmal muss man einfach raus. Das Problem ist, dafür muss man sein Ego weit zurückstellen können. Und auf der Bühne stehen hat immer viel mit Ego zu tun, das weiß jeder, der es tut, entweder mit einem kleinen Ego, das sich hoch pushen will, oder einem großen, das sich zeigen will. Aber man muss auch genug Kraft und Mut haben, zu sagen, hey, stopp, machst du das jetzt einfach nur, um irgendwem irgendwas zu beweisen? Also nicht mal mehr dir, sondern irgendjemandem da draußen? Dafür sind wir, glaube ich, nicht unbedingt hier. Darum sollte es nicht gehen. Es sollte immer noch darum gehen, dass man irgendjemanden berührt, dass man etwas zu sagen hat und jemanden treffen kann, etwas teilen kann und sich mitteilen kann. Das ist das Wichtige, das ist das Schöne, und wenn es darum nicht mehr geht, dann ist es Zeit, einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, was man eigentlich zu sagen hat. Und darüber rede ich sehr oft mit Kollegen. Wir setzen uns natürlich auch immer sehr viel selbst unter Druck. Wenn man einen erfolgreichen Text hatte, will man daran anknüpfen. Aber da muss man manchmal den Mut haben zu sagen, stopp, ich schreibe jetzt wieder einen Text, der echt ist und kein Reißer. Einfach nur ein kleiner Text, aber er ist sehr ehrlich. Oder einfach mal komplett Abstand nehmen für ein paar Tage und – weg. Mal nix machen, was damit zu tun hat. Einfach nur zu Hause sein, nicht herumreisen. Man kann sich sehr leicht verlieren, wenn man zu viel unterwegs ist.
Eine Standardfrage zwischendurch. Was war dein schönstes Slamerlebnis?
Schwierige Frage. Schön ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt viele schöne Erlebnisse. Die ersten Slams waren toll, wo es um nichts ging. Einfach nur auf der Bühne zu stehen. Immer wieder hinzugehen und auf die Bühne zu steigen und das Publikum zu sehen und zu merken, du kannst es bannen, irgendwie. Das war sehr schön. Das tollste Slamerlebnis war definitiv Brechtslam. Das war einfach – ohne Worte. Aber wirklich, die schönsten Slams sind die, bei denen es um nichts geht, wo du einfach einen tollen Abend hast und nach Hause gehst wie nach einer guten Party und denkst – yeah, nice one.
Eine weitere Standardfrage – das schlimmste Erlebnis?
Saalbau. Und ein bisschen der National letztes Jahr. Nicht unbedingt, dass ich raus geflogen bin. Aber Wolf hatte mich geschickt, und ich durfte für Berlin antreten. Und ich hatte das Gefühl, ich habe ihn einfach enttäuscht. Aber vor allem Saalbau. Ich hatte schon abgesagt. Das schlimmste Slamerlebnis war wirklich, auf der Bühne zu stehen, und noch bevor ich angefangen habe, dachte ich, ich habe einfach keinen Bock mehr, ich habe keinen Bock mehr, auf egal welchen Text. Ich hatte an diesem Abend einfach nichts zu sagen und hab es dann trotzdem runter gerissen. Ich hab diese fünf Minuten auf der Bühne einfach nur darauf gewartet, dass es vorbei ist. Und das sind Momente, die will man nicht haben. Das ist wie ganz schlechter Sex.
Du warst für das Goethe-Institut in Japan – wie fühlt sich das an, eine „Botschafterin der deutschen Kultur“ zu sein?
Als ich diese Mail bekam, dachte ich, wo kommt das denn her? Und letztlich war es – überwältigend, es war wunder-, wunder-, wunderschön. Es hat total Spaß gemacht, auch mit den ganzen internationalen Leuten. Es ging nicht darum – weil niemand was verstanden hat –, wer den besten Text hat, sondern darum, einfach da zu sein. Und wirklich schön waren die Workshops mit Japanern. Das war unglaublich. Ich hatte mich auf das Thema Frauen und Slams spezialisiert, und ich hatte dann einen Jungen im Kurs, der ein bisschen deutsch konnte, und ich habe ihn letztlich dazu gebracht – klar, ich habe alle dazu gebracht, was zu schreiben. Aber er hat auf Deutsch geschrieben und das war unglaublich, da kam das erste Mal rüber, Botschafterin der deutschen Sprache sein, zu sehen, wow, es gibt Leute, die sind davon so angetan, wie man selber davon angetan ist. Und er konnte halt wirklich nur ein paar Schlagworte – Freunde, Arbeit, Geld, Liebe, aber er hat es tatsächlich geschafft, einen eigenen Text zu schreiben, der einen Sinn ergab, aus diesen Worten und den zwei Sätzen, die er konnte. Das war schön, da hat man gesehen, man kann irgendwas bewegen. Anstoßen.












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