Slampoeten im Interview: Felix Römer
„Ein bisschen ehrlicher“
Zum Auftakt der neuen Rubrik „Slampoeten im Interview“ haben wir uns mit Felix Römer getroffen, als er gerade einmal ein Stündchen Zeit zwischen Berlin und Marburg, Workshop und Auftritt hatte. Felix ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Slampoeten, seit fast zehn Jahren in der Szene aktiv und Mitglied der Poetryslam-Boygroup SMAAT.
Felix – wo kommst du her?
Jetzt gerade?
Nein, von Haus aus.
Ich bin in einem Dorf bei Marburg aufgewachsen und habe dann in der elften Klasse die Schule abgebrochen und bin nach Freiburg abgehauen.
Abgehauen?
Naja, was heißt abgehauen. Es war schon ein offizieller Weg, den ich gegangen bin – ich habe in Freiburg Zivildienst gemacht. Aber es fühlte sich an wie eine Flucht aus meiner Umgebung. Ich habe mich gefragt – bin ich so, wie ich bin, oder bin ich nur ein Abbild dessen, was die Leute in mir sehen. Und ich dachte mir, das kann ich nur herausfinden, wenn ich irgendwo anders hingehe, wo ich niemanden kenne und dann schaue, was übrigbleibt.
Wie bist Du in der Slamszene gelandet?
Auch in Freiburg. Ich war dort regelmäßig als Zuschauer beim Poetryslam. Und nach dem dritten oder vierten Mal dachte ich, ich trete mal auf. Gedichte habe ich sowieso schon geschrieben, seit ich zwölf war. Und ich hatte ein Gedicht von etwa 1:20 Minuten in der Schublade – ein ziemlich bescheuertes mit dem Titel „Das Kamel“. Das habe ich vorgetragen und bin dritter geworden. Im Monat drauf hat der Veranstalter angerufen und gesagt, es war cool, ich solle doch wiederkommen. Ich hatte noch keinen neuen Text, aber er meinte, das wäre egal, also habe ich das Kamel wieder gemacht – und das Publikum war leicht irritiert, aber ich bin wieder dritter geworden. In Freiburg war es so, dass man als dritter eine Flasche Whisky gewonnen hat, als erster irgendwas anderes. Also habe ich sieben Monate lang ein und dasselbe Gedicht vorgetragen, in der Hoffnung, immer dritter zu werden. Und dann habe ich bekanntere Slammer kennengelernt, die mich dann soweit inspiriert haben, dass ich dachte, okay – man kann auch noch mehr schreiben als Gedichte über Kamele.
Hast du grob im Kopf, auf wie vielen Slams Du aufgetreten bist?
800 bis 1000, genau kann ich es nicht sagen. Aber mittlerweile trete ich kürzer und bin auf ca. 5 im Monat.
Wer hat dich in deinem Schreiben besonders beeinflusst?
Niemand, eigentlich. Es gibt Leute, die ich phantastisch finde – Thomsen, Tobi Hoffmann aus Ravensburg, Etta Streicher aus Wiesbaden, aber auch Timo Brunke waren Leute, die mich in der Anfangszeit sehr beeindruckt haben, aber ich glaube nicht, dass sie mich beeinflusst haben. Wie auch Ringelnatz, Kästner - und Michael Ende (lacht). Und im Moment beeinflusst mich leider Paul Celan ein bisschen.
Leider?
Er ist so ein Jammerlappen. Nicht in seinen Gedichte, die finde ich gut, aber ich bin bei einem Dead or Alive Slam mit einer Slamkollegin zusammen als Ingeborg Bachmann und Paul Celan aufgetreten, und wir haben einen Briefwechsel dieses, naja Liebespaares kann man nicht sagen, verzweifelt sich liebenden Paares vorgetragen. Und während ich mich da reingelesen habe, bin ich fast durchgedreht.
Schönste Kompliment für einen Slamtext?
Das schönste Kompliment sind direkte Reaktionen während des Textes. Wenn ich sehe, dass jemand vor Freude oder Trauer oder Entrüstung im Publikum sitzt und weint. Was auch immer schön ist, ist nach Schülerworkshops im Internet Kommentare von den Teilnehmern zu lesen. Im Anschluss an einen Workshop in Kassel stand unter einem youtube-Video, „er war bei mir an der Schule, und es waren die schönsten Schulstunden meines Lebens. Er ist ein Vorbild für mich.“
Schlimmste Kritik?
„Betroffenheitsscheiße“.
Mehr als ein Slammer verdient seinen Lebensunterhalt mittlerweile mit Slam. Die meisten machen das mit eigenen Veranstaltungen oder vielen Veröffentlichungen, du gibst hauptsächlich Workshops.
Das stimmt. Schon vor fünf, sechs Jahren gab es häufiger die Situation, dass nach Slams oder Auftritten vor allem Lehrer zu uns kamen und fragten, ob es Wege gibt, so etwas im Unterricht umzusetzen. Daraufhin habe ich mit Sebastian23 und später dann auch mit Lars Ruppel überlegt, wie kann man das machen? Wir haben uns dann verschieden Übungen ausgedacht, mit Einflüssen aus Kursen für kreatives Schreiben und dem Improtheater, und haben dann ausprobiert, was funktioniert. Wie bekomme ich Schüler dazu, einen Eindruck von der Slamszene zu bekommen, wie bringe ich sie dazu, einen eigenen Text zu schreiben und zu performen? Das schöne war, dass wir gefragt wurden, statt uns anbieten zu müssen. Mittlerweile ist das Konzept ausgereift und anpassungsfähig – man kann es für Achtjährige, aber auch für Achtzigjährige benutzen, im Gefängnis oder mit Abiturienten.
Was ist die dankbarste Zielgruppe?
Tatsächlich die Menschen mit niedrigem Bildungsstand. Ich hatte einmal zehn Jugendliche, alle mit Drogen- oder krimineller Karriere hinter sich, die ihren Hauptschulabschluss nachholten. Der Spitzenreiter war von vier Schulen und drei Lehrstellen geflogen. Das sind auch die Schwierigsten, weil sie erst einmal Angst haben, aber wenn sie dann schreiben und vortragen, hat man ihnen eine komplett neue Welt eröffnet. Wenn so jemand sagt, ich habe ein Gedicht geschrieben – wow. Und ich ändere mein Konzept gerade soweit, dass ich hauptsächlich mit solchen Teilnehmern arbeite. Problemkindern, Leuten in Gefängnissen. Es geht mir nicht darum, gute Poeten auszubilden – zwei von hundert trauen sich dann vielleicht irgendwann mal auf richtige Slams – aber man gibt ihnen allen etwas mit. Ein Stück weit Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Und genau das brauchen sie.
Du bist ungefähr 250 Tage im Jahr unterwegs, vielleicht sogar mehr.
Das ist Fluch und Segen zugleich. Früher war es total spannend und aufregend, aber jetzt, wo ich älter werde und oft 2000 Kilometer in einer Woche fahre, merke ich schon, dass es sehr zehrt. Gerade mit Kamikazeaktionen wie abends ein Auftritt in Freiburg, am nächsten Mittag Workshop in Fulda und abends eine Moderation in Berlin. Jetzt freue ich mich, wenn ich irgendwo eine Woche lang am selben Ort einen Workshop geben kann. Ich hoffe, dass es wieder ruhiger wird – aber das hoffe ich seit drei Jahren. Natürlich ist es schön, und natürlich trifft man auch überall Leute, die man lange nicht gesehen hat und mit denen man feiern will, aber die haben einmal im Monat ihren Slam in – äh – irgendwo und wollen danach Party machen. Dabei verlieren sie gerne aus dem Auge, dass man selbst schon eine Woche unterwegs ist und es jeden Abend so war.












wunderbar...
wie felix' ton im interview erhalten bleibt, schön, dass das durchkommt, hat man glatt seine stimme im ohr und seinen unverkennbaren klang, der ihn nicht umsonst zu einem meiner lieblingspoeten macht. mag das ehrliche und bedachte. lyrik eben
lg
peh
würde der Name nicht drüber stehen ...
... könnte man denken in Video 1 und 2 steht ein anderer Felix als im letzten (wahrscheinlich ältesten) Video. Krasse Veränderung - in allem.
Find ich schön, dass er das
Find ich schön, dass er das mit dem Mangel an Kritik anspricht, da ist nämlich was dran. Über Geschmack lässt sich natürlich immer streiten, aber gerade dem Tatbestand des Plagiats, den Felix hier so offen anspricht, könnte man begegnen, wenn man Poeten direkt damit konfrontierte. Oft passiert das glaube ich einfach zufällig, unbewusst, unfreiwillig (wie man das auch immer nennen mag), gerade blutige Anfänger (wie ich) kennen die vermeintlichen Originale ja nicht einmal. Dabei ist Originalität so wichtig, es wäre einfach eine nette Hilfe wenn man den ein oder anderen Poeten darauf hinweisen würde "Was du da gemacht hast gibts schon, und zwar auch genauso!", dann könnte der dazulernen und sich in Ruhe weiterentwickeln statt mit seiner Kopie auf der Stelle zu treten. Ich würde so einen Satz sogar als Kompliment auffassen, nicht als Beleidigung
So setzen sich die Naturtalente durch (ist das evtl. gewollt?), viele gute "Handwerker" kommen nicht von der Stelle, wissen nicht einmal, was sie eigentlich falsch machen und geben frustriert auf.
Übrigens würde ich gerne mal so einen Workshop besuchen. Wieviel kostet sowas und wann ist der nächste in Berlin?
Grüße, Sascha
Tolle neue Kategorie!
Und mit dem Herrn Römer habt Ihr auch gleich nen interessanten ersten Kandidaten ausgewählt! Ich finds spannend was die Slammer neben Ihren Texten noch so zu sagen haben. ich hatte mich immer gewundert, wie sich so ein "Vollzeit-Slammer" finanziert, weil große Gagen wirds ja sicher nicht geben. Workshops sind natürlich eine gute Idee. Gibts es demnächst mehr Interviews? Kann man sich Interviewpartner wünschen?
Demnächst mehr...
Ja, es werden weitere Interviews folgen - aber ich mache lieber keine Aussage, wann das nächste erscheinen wird.
Vorschläge werden natürlich entgegengenommen.
es grüßt
Matthias
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