Science-Slam – What’s that?
Theorie und Praxis
Science-Slam – Das ist ein junges Format, das dem Prinzip des Wettstreits eines Poetry-Slams folgt, doch geht es hier weniger poetisch zu. Es sind Nachwuchswissenschaftler, die ihre aktuellen Forschungsthemen und Ergebnisse populärwissenschaftlich und möglichst unterhaltsam auf die Bühne bringen. Dabei sind die Verständlichkeit des Vortrages und der Vortragsstil für den Erfolg ausschlaggebend. Einheitliche Regeln, was die Hilfsmittel betrifft, gibt es für die in verschiedenen deutschen Städten stattfindenden Wettbewerbe jedoch nicht. So darf beispielsweise in Braunschweig fast alles eingesetzt werden, was dem Vortrag dienlich ist. Angefangen von Filmen und Bildern bis zu allen möglichen Requisiten und Verkleidungen ist alles erlaubt. Im Gegensatz dazu müssen die Bayreuther Nachwuchswissenschaftler sogar auf Powerpoint-Präsentationen verzichten.
Entstanden ist die Idee als neue Form von Wissenschaftskommunikation an der TU in Darmstadt. Der erste deutsche Science-Slam fand im Juni 2008 im Braunschweiger Haus der Wissenschaft statt. Weitere Städte folgten. Regelmäßige Slams gibt es mittlerweile auch in Bayreuth, Bremerhaven, Frankfurt, Hamburg, Ilmenau, Kiel und natürlich Berlin. Hier finden seit Anfang des Jahres regelmäßig Science-Slams im Kreuzberger „Edelweiß“ statt.
Science-Slam – Das ist „die Möglichkeit, für Leute an Wissen zu kommen, von denen sie bisher keine Ahnung hatten oder nicht auf die Idee gekommen wären, sich damit zu beschäftigen“. – Das ist die Intention des Veranstalters Gregor Büning, der den monatlichen Berliner Science Slam organisiert. Neben einer grafisch sehr ansprechenden Webseite wartet das neue Format unter seiner Obhut mit einem für Slam-Verhältnisse voluminösen Medien-Echo als Ergebnis einer guten PR auf. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass die Luft in der beliebten Berliner Location „Edelweiß“ schnell stickig wird und von seinem Publikum, das sich aus verschiedensten Altersklassen und Typen zusammensetzt, sehr schnell sehr voll bis überfüllt ist, sodass eine ganze Besucherschar wieder nach Hause geschickt werden muss.
Doch was hat es hier auf sich mit der angestrebten Wissensvermittlung auf der Bühne? Gelingt die Verbindung zwischen Wissenschaft mit ihren komplizierten Diskursen und Performance? Ist der Slam wirklich informativ genug, oder werden Fakten zur Unterhaltung verarbeitet, wobei das Publikum am Ende nicht mehr weiß, ob diese auch stimmen?
An dieser Art Wettbewerb nehmen am 3. Mai im „Edelweiß“ vier Science Slammer teil. Den Einstieg macht Dr. Elmar Diederich mit seinem Vortrag „Empathie im Spiegel“ über „gespiegelte neuronale Aktivität“, der wohl den Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und der anatomischen Ausstattung des Menschen im Gehirn offen legen soll. Doch der Referent ist kaum zu verstehen – und so tappe ich auch nach seinem Vortrag weiterhin im Dunkeln. Ihm folgt ein weitaus interessanterer Vortrag von Younouss Wadjinny aus Marokko, der einen Bogen zwischen „Sex und Mathematik“ wagt. Dieser gelingt durchaus, indem er neue interessante und amüsante Bezüge zu den Themen herstellt und die beiden scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze sogar miteinander vereint. Jonas von der Heyden greift anschließend auf „Die Entstehung der Philosophie im antiken Griechenland“ zurück und sieht die „Sinnkrise als Chance“, was durchaus unterhaltsam ist, aber doch Zweifel offen lässt, da er dies selbst tut: Zweifeln. Den Abschluss bestreitet der Astrophysiker Andreas Müller aus München mit seiner sexuell anmutenden „Spagettisierung“ in seinem Text über „schwarze Löcher“, mit dem er diesen Slam gewinnt.
Und nun – alles nur der Fakten wegen?
Das Prinzip des Dichterwettstreits eines Poetry-Slams wird zwar formal auf diese Vortragsreihe in Schummeratmosphäre übertragen. Aber eben auch nicht viel mehr. Denn Respekt wie ihn die Poeten kennen, gibt es wenig. So kann sich beispielweise Dr. Elmar Diederich einfach nicht beherrschen: unterhält sich immer wieder laut, während seine Kollegen auf der Bühne referieren und buht seinen Konkurrenten Jonas sogar fast aus. – Von Empathie keine Spur! Auch vermisse ich bei dem Sieger des Abends die persönliche Intention. Allzu sehr auf Erfolg ausgerichtet wirkt er mit seinem Text über „schwarze Löcher“, der ihm von Vornherein den Sieg zu garantieren scheint. Dabei ist die sexuelle Assoziation wenig überraschend und ohne jedes Risiko, wie sein Referent, wenn dieser mehr inszeniert wirkt und seinen Text nicht wirklich erfreut ambitioniert, sondern eher kalkuliert verkopft vorträgt, ohne zu stimulieren oder etwas bei mir zu hinterlassen.
Fazit:
Science-Slam – Das ist also ein Format, bei dem Wissen, das in der Uni mitunter
trocken vermittelt wird oder in so manchem Hörsaal als Narkosemittel dient, lebhaft und humorvoll, kurzweilig und unterhaltsam vorgetragen werden soll. Ob das gelingt, hängt vom jeweiligen Interpreten ab: ob dieser eher geltungsbedacht referiert oder gekonnt Bezüge herstellt, die überraschen, wie es Younouss Wadjinny mit „Mathematik und Sex“ gelungen ist, und der deshalb mein persönlicher Sieger am erwähnten Abend war.
Das „Edelweiß“ zieht mit dieser Veranstaltung ein eher heterogenes Publikum an. Die Powerpoint-Vorträge haben zwar oft mehr Biss, als jene, die man aus mancher Vorlesung kennt, aber sie sind eben auch kein bisschen poetisch. Das mag nicht weiter überraschen. So kann es das richtige Format sein für Leute, die Lust haben, wissenschaftliche Themen unterhaltsam dargeboten zu bekommen. Aber ich vermisse neben der eigenen Intention in den Texten und Performances mitunter einfach eine kleine Portion Fairness der Slammer untereinander, wie man sie von den Poetry-Slams nach deren Motto kennt: Respect the poets!
Für echte Fans von Poetry-Slams stehen diese Nachwuchswissenschaftler demnach im intuitivem Verständnis außer Konkurrenz zu einem echten Dichterwettstreit mit seinen Poeten, wie wir sie kennen und lieben gelernt haben.
Text: Katrin Rösler, Foto: inuit (www.pixelio.de)












Gibt auch nen Sciecen Slam im Lido in Berlin!
Der Vollständigkeit halber möchte ich mal darauf hinweisen, dass es auch im Lido einen Science Slam gibt. Infos gibts unter scienceslam.de
Deutschlandslam am 19. Juni in Braunschweig
Hallo,
am 19. Juni gibt´s das erste deutsche Science Slam-Finale im Haus der Wissenschaft in Braunschweig! Um 19 Uhr geht`s los und die Gewinner aus Berlin, hamburg, Bremerhaven, Frankfurt usw. slammen um das schwarz-rot-goldenene Hirn!
Mehr Infos unter www.hausderwissenschaft.org und www.scienceslam.org
Grüße
Markus
Super Idee
Sehr interessanter Artikel, danke dafuer! Ich finde das Konzept gut, ist sicher auch eine wertvolle Erfahrung fuer Wissenschaftler (wie mich
) und wuerde mir das sehr gerne mal anschauen. Inwieweit man die kreative Praesentation eines Forschungsthemas noch als Poesie bezeichnen kann, ist natuerlich fraglich.
Kommentar hinzufügen