Releases: Patrick Salmen - "Distanzen"
Patrick Salmen, Foto: Dennis ScharlauSpätestens seit den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam 2010 wissen wir, dass sich hinter dem charismatischen Bartträger aus Wuppertal alles andere als ein bäriger Holzfäller verbirgt. Patrick Salmen hat im März seinen ersten Lyrik- und Kurzgeschichtenband veröffentlicht. Ulrike Schuster hat ihn gelesen und berichtet.
Der Mann mit der sonoren Stimme und dem Holzfällerhemd geht vielleicht in den Wald um Gedichte zu schreiben, aber nicht um Holz zu hacken. In seinem Buch „Distanzen“ entpuppt er sich als begnadeter Lyriker und Geschichtenschreiber. Patrick Salmen überzeugt mit viel Feingefühl für die Kleinigkeiten unserer Umgebung und schenkt uns damit ein Stück Poesie, das unsere Welt braucht. Sowohl Szenarien aus der Kneipe nebenan als auch Kindheitserinnerungen finden ihren Platz auf den 117 ausgewogenen Seiten Lyrik und Prosa. Seite für Seite erschafft der Autor atmosphärische Bildwelten in verschiedensten Formen und Farben (größtenteils jedoch in Graunuancen). Die Geschichten spinnen sich um grüne Gießkannen, Lastschiffe, Strommasten, Herzkranzgefäße oder Jazz.
Wie im Klappentext angekündigt, trifft man in „Distanzen“ „weder auf die großen Helden der Geschichte noch auf die Geschichten großer Helden“. Dennoch begegnet der Leser den kleinen Helden unseres Alltags: Beispielsweise dem verstorbenen Uhrenmacher und Urgroßvater des Erzählers in „Papierblütenstaub“. In einem Brief an seinen toten Vorfahren formuliert der Ich-Erzähler ein Plädoyer für das Geschichtenerzählen. „Ich werde niemals Geschichten schreiben, die in den Menschen keine Bilder und Vorstellungen erwecken können, niemals Geschichten schreiben, um Geschichten zu schreiben.“ Inwieweit die Figuren eine autobiografische Rolle einnehmen, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Ebenso wie die Antwort auf die abstrakte Frage, was nach dem Schreiben bleibt. “...Uhren riechen nach Öl und Leder, Gießkannen nach Plastik, nach Lack oder einfach nur nach abgestandenem Wasser.(...) An Uhren liest man die Zeit ab und mit Gießkannen bewässert man die Blumen. Und was sind meine Wörter? Papierblütenstaub. Sie haben keine definierte Funktion, keine Bestimmung, weder haptische noch greifbare Eigenschaften. Ihr Wesen erfasst sich erst in ihrer Vorstellung.“
Das Buch ist für alle die, die Suchen und Finden und für alle, denen es oft zu schnell geht. Genau wie den Protagonisten in „Der Leuchtturm“: „Die Menschen brauchen Antrieb, Motoren, Beschleunigung. Erst wenn die Landschaft um sie herum komplett verschwimmt und zu einem monotonen, verzerrten Bild wird, wenn sie die Geschwindigkeit nicht mehr sehen können, dann ist es gerade schnell genug.“ Der alte Schiffe zeichnende Seebär mit dem pinselspitzengleichen Schnurrbart trifft die Folgen der Ruhelosigkeit auf den Punkt: „Die Blicke der Menschen werden trüb. Sie verschwinden hinter Linsen und Fernrohren.“
Salmen gibt dem Leser die Möglichkeit Innezuhalten, die Augen zu schließen und unserer getriebenen Gesellschaft zu entfliehen. Wenn man die Augen wieder öffnet, bewundert man plötzlich die traurig schönen Details unserer verqueren Welt. Mal sind es Erinnerungsfragmente, mal Sinnbilder, die den Leser auf kleine Gedankenreisen mitnehmen. Mal ist es sogar abstrakte Kunst – schwarz auf weiß: In seinen Gedichten „Obscura“ und „Obscura II“ schafft es Salmen beispielsweise eine Art zeitgenössische Performance-Kunst zu Papier zu bringen. Er schickt den Leser durch eine imaginären Galerie voller grotesker audio-visueller Reize, die letztendlich zum eigenen Spiegelbild führen. „Denn die Kunst sind wir und Bilder nur Spiegel unserer Vorstellung von Wirklichkeit“
Es geht oft um das Zurückkehren und das Verschwinden, um das Sichtbare und das Unsichtbare, um Nähe und Entfernung, um Konstanten und Veränderungen. Gegensätze sind zentrale Eckpunkte dieser Texte. Auch wenn oft Melancholie mitschwingt oder sie uns sogar als Personifizierung begegnet („Das Mädchen im karminroten Kleid“), bleibt am Ende ein mildes, zuversichtliches Lächeln und irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Ähnlich wie es dem Erzähler aus „Papierblütenstaub“ geht: „Die Menschen sagen oft, meine Geschichten wären sehr traurig. Keiner kann sich vorstellen, wie sehr ich gelächelt habe, als ich diese Worte schrieb.“
Wer ein kleines Stückchen Weltpoesie im Schrank stehen haben will, kann sich „Distanzen“ für 9,90 € direkt beim Lektora Verlag oder beispielsweise bei Amazon bestellen.
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