Springe zum Inhalt

Neue Poetinnen hat das Land

, Schlagworte: Bastardslam, Jana Klar, Theresa Hahl, Thomas Jurisch

Über den Bastardslam am 23.10.2009

Gemütlich ist es hier im Festsaal Kreuzberg, der sich schnell mit seinem Insider-Publikum füllt, das hier normalerweise bekannte Gesichter erwartet. Doch die meisten der PoetInnen kenne ich (noch) nicht. Sollte es also die eine oder andere Überraschung heute Abend geben? Schon nach der ersten Ankündung durch den der Szene wohlbekannten Wolf Hogekamp, begleitet von dem am Mixgerät und Applausometer tätigen Lino Ziegel, fällt auf: Wow - es gibt sehr viele Frauen unter den Slammern heute.

Gleich die erste Runde eröffnen drei Poetinnen. Wie ihre Vorgängerin, die Gewinnerin des letzten Saalslams am 20. Oktober, Victoria-Louise Seifried mit "Rational is egal", arbeiten sich diese Berliner Autorinnen an dem Sujet der heutigen Rationalität in Alltag, Liebesleben oder sonstigen Leistungen ab: Von ihrem „Schlafentzug“ während der Prüfungszeit und anderen universitären Stressivitäten berichtet  Impi S. Koistinen. Ihr folgen: Annette Flemig mit „4 und 7“ über einen Abschied und Josefine , die vom „Zerbrechen der rosa Brillen“ im „Fahrtwind“ der Gefühle und anderer Einsichten berichtet.

Heißt das, es gibt eine neue Romantik in Berlin?

Die Berliner Autorinnen performen ihre neu-romantischen Texte rhythmenreich. Doch sie träumen nicht nur, sondern entwickeln Einsichten und Erkenntnisse, lassen ihre Rosabrillen fallen und tragen ihre Entwicklung, die sie nach dem Texten genommen haben zu scheinen, hier zur Show. So verwundert es kaum, dass es bereits nach der ersten Runde zu einem Stechen zwischen Annette Flemig und Josefine kommt, die nur zusammen im Finale landen können.

In der zweiten Runde begeistert uns Jana Klar mit ihrem Text über ein Leben auf dem Fahrrad. Es ist ihr Warm-Up, das sie für sich braucht. Denn sie ist aufgeregt - steht sie hier in Berlin zum ersten Mal auf der Bühne. Aber auch für ihren zweiten Text „Hand hoch“ erntet sie einen sehr akzeptablen Applaus. Mittendrin nun versuchen sich zwei bekannte Poeten, die unterschiedlicher nicht sein können, zu behaupten. Zum einen der Gewinner des letzten Slams im Prater Daniel Hoth, der die zweite Runde eröffnet. In seinem Kafka’schen Monolog belebt er diverse Vers-Schemata sprunghaft wieder und entwickelt dadurch eine Art neue moderne Klassik. Zum Zweiten ist da der mehrfache Gewinner Thomas Jurisch aus Dresden, ein Pollesch unter den Slammern, d.h. ein Provokateur feinster Sorte. „Im Nebel der Pharmaindustrie“ findet er so gar keine Ruhe mehr im Gewusel der Möglichkeiten, die ihn den Verstand rauben, weshalb er letztlich an einer der banalsten Alltagsaktivitäten (gekonnt) scheitern muss. Jedoch nicht an diesem Peotry-Slam. Denn er schafft es damit ins Finale. In diesem Moment steht für mich fest, dass er das Rennen machen wird heute Abend! Seine Story scheint realistisch und unrealistisch zugleich. Er slammt, was das Zeug hält, reimt im Rhythmus, sodass sein Körper immer mit muss, bebt mit jeder Silbe und nix bleibt ohne Poente. Hier gibt es einfach keine Steigerung mehr.

Aber etwas weniger kann manchmal mehr (sein). Denn als die junge Theresa Hahl als „Fuselflugfachfrau“ die dritte Runde eröffnet, ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Sie - eine kleine träumerische Harlekingestalt im Alternativlook - betritt leise die Bühne und greift entschlossen zum Mikro. Märchenhaft nimmt sie alle für sich ein mit ihrem Text über das Erwachsenwerden, Kindgeblieben-, Erwachsen- und doch Anderssein. Nie war sie normal in ihrem Leben, immer irgendwie anders. Und so bleibt nur eins: sich skurrile Maßnahmen für diesen ganz eigenen Alltag auszudenken, und zwar gegen jeglichen Perfektionismus in unserer rationalisierten Welt.

Mit gekonnter Alltagskomik erheitern uns zwei Slammerinnen.
Das ist zunächst Maria mit ihrer „Urin-Probe“. - Einer sehr lustigen Alltags-Anekdote aus dem Wartezimmer, den Gedankenwindungen eines Kreislaufes und darüber, was am Ende übrig bleib. Und über den Entschluss, sich einen neuen Arzt zu suchen. Sie steht damit im deutlichen Kontrast zu ihrer Vorgängerin.

Satire und Liebe vereint Annette Flemig in ihrem Poem auf das Muttersein: „Das rosige Babydasein“, das mit einer eher bescheidenen Wendung endet. Damit wird sie nicht nur dem Alltag einer gestressten alleinerziehenden Mutter gerecht, sondern auch ihrem Auftritt im Finale. – Und dies sei hiermit eröffnet. –  Ihr folgt Thomas Jurisch mit seinem „Traum“ von einer besseren (Medien)Welt, den er kraftvoll vor uns ausbreitet. Träumt er auch davon, heute Abend der Beste zu sein? Dann wird es beim Träumen bleiben.

Denn gewinnen kann nur EINE. Soviel ist klar! Und so überzeugt uns die poetische Großstadt-Fee und „Fuselflugfachfrau“ Theresa Hahl erneut im Finale mit ihrem zweiten Text: „Ich weiß nicht mehr“, einer Art Teil zwei über das Erwachsenwerden, nach dem alles erklärt werden kann und muss – über Rationalität im heutigen Alltag und den Preis, den sie dafür bezahlt hat. Ihren letzten Text liest Theresa nach der Abstimmung mit dem Publikum. Sie fragt, ob wir einen Text über Träume oder über Liebe hören wollen. Die Liebe siegt – wie romantisch. So dann: Lady first!

Text: Katrin Rösler

Ich weiss nicht mehr

Theresa Hahl gewinnt mit "Ich weiss nicht mehr" das Finale des Bastardslam am 23. Oktober 2009.

Ich habe einen Traum

Thomas Jurisch sagt "Ich habe einen Traum" im Finale des Bastardslam am 23. Oktober 2009.

Bild von thomasjurischBild von thomasjurisch

wow

so schön hat noch nie jemand über mich geschrieben Smile vielen Dank! und ihr könnt ruhig beide filme hochstellen Smile liebe grüße juri

Bild von GastBild von Gast

Sehr zutreffend,

dem kann ich nur zustimmen. Mehr davon!
Grüße aus dem Sprach-Dschungel
von miramare

Kommentar hinzufügen 

Mit dem Absenden dieses Formulars, akzeptieren Sie die Datenschutzrichtlinie von Mollom.