More than words!
Der Soundtrack Slam am 8. Juni
Wer von konventionellen Slams gelangweilt ist oder einfach nur gern etwas Neues erlebt, sollte den Veranstaltungen von Paula Varjack auf seinen Slam-Feldzügen durch die Hauptstadt einen Besuch abstatten. Neben ihren eigenen Auftritten und Projekten wie „Me & Marty“ machte sich Miss Varjack als Veranstalterin des Anti-Slams einen Namen. Dieser berechtigte mit positiven Reaktionen seitens des Publikums zu einem weiteren Slam-Versuch: Der Soundtrack Slam fand damit seinen Weg über Polen nach Berlin mit Paula als Gastgeberin.
Beim Soundtrack Slam dürfen die Teilnehmer endlich zu Musik auftreten, beziehungsweise: Sie müssen. Ein unabhängiger DJ sorgt für eine bunte Auswahl an unterschiedlichen Musikrichtungen während der Performance und kann die Stimmung eines Textes innerhalb weniger Sekunden um 180 Grad drehen. Eine dreiköpfige Jury, zufällig aus dem Publikum gewählt, vergibt nach jedem Auftritt Punkte von 1 bis maximal 10 und bringt die zwei besten Slammer in das Finale.
Nachdem ein gastfreundliches Eintrittsgeld von drei Euro die Möglichkeit gab, Sitze zu wärmen oder mit Getränken Kehlen zu kühlen, fiel das Innere des Neuköllner Damensalons in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Alles wirkte recht spärlich, aber gemütlich, mit circa 15 Sitzplätzen und einer Sofaecke. Die Bühne war eine Sperrholzplatte auf acht Bierkästen vor den Gerätschaften des DJs Lino (bevor schlaue Kommentare folgen: die Bierkästen waren eine Fläche, KEIN Turm!). Blaue Neonlichtröhren ließen manch einen Gast (schuldig... ) die Wartezeit bis zum semipünktlichen Beginn vergessen. Aber Slams haben ihre eigene Zeitzone. Als sich rund vierizg Zuschauer zusammengefunden hatten, ging es auch schon los.
Paula Varjack ernannte drei Jurymitgleider und eröffnete den Abend mit einem Text außer Konkurrenz. Die Moral von "Where I´m from" war, dass es egal ist wo man herkommt - und, dass diese Smalltalk-Frage recht lästig werden kann. Die anfangs melancholische Musik wechselte zu einem treibenden Electro-Tune und konnte so mit dem Text schwingen.
Robin Isenberg durfte im Anschluss als erster Slammer im Wettbewerb auf die Bühne, von einem ansatzweise ähnlichen Mix, mit ein paar HipHop-Beats abgeschmeckt, begleitet. Er konnte sich jedoch leider nicht so gut an die Musik anpassen wie seine Vorgängerin.
Bei Tom Mars Performance "Terror Baby" sah das schon wieder anders aus. Bis auf den Ausspruch "Belgium, bomb the raver away" ging der Text zwar fast an mir vorüber, doch nur aufgrund der "Qualität" seines Auftritts. Diese bestand in seinem Fokus auf die Musik und der sichtlichen Freude mit der er Bewegung und Stimmlage an seine musikalische Wundertüte anpasste.
Lady Gaby traf "the most boring guy" in "Berlin an der U8", dessen Flirtkünste sich auf eine nicht endende Fragerei nach ihrer Herkunft, bzw. dem Aufzählen der möglichen Antworten beschränkten. Die Lady "from paradise" warf mit ihrer Geschichte die Frage auf, worauf sich Vorurteile und Klischees beziehen, wenn sie doch anscheinend, aus Sicht des Fahrgastes, aus rund zwölf verschiedenen Ländern stammen könnte. Ihr Auftritt stellte weder Text noch Performance in den Vordergrund und heimste durch dieses besondere Gleichgewicht eine entsprechend hohe Punktezahl ein - und ich lernte, dass Frauen doch nicht auf langweilige Sprüche stehen.
Maria Maddalena fand einen weiteren Weg, den Text an die Musik anzupassen und trug "Was ich an dir liebe", einen Text, der eine Beziehung auf dem absteigenden Ast beschreibt, fast schon gesungen vor.
Michael Haeflinger präsentierte gleich zwei Texte. Schon der gelassene Gang auf die Bühne mit der noch brennenden Zigarette in der Hand ließ erahnen, wie sehr er sich um einen Vortrag an der Musik entlang bemühen würde. Der erste Text, "All the people I know", entstand laut eigener Aussage, als er alleine in einem Café in Ohio saß und das Treiben seiner Bekannten umschrieb. Im darauf folgenden Text berichtet er von einem Erlebnis in Spanien, in dem gängige Vorurteile gegen Amerikaner widerlegt werden. Es war schwer, Haeflingers Texten zu folgen, da in seinem Fall die Musik irgendwie ablenkte. Obschon man das Gefühl hatte, dass sich Lino spätestens nach der Hälfte des ersten Textes bemühte, Musik passend zum Text zu finden: Michael hat die Aufgaben des DJs und des Poeten mit seiner Art vorzutragen schlicht und ergreifend vertauscht.
Nach einer Pause für flüssigen In- und Output, und natürlich Kippen drinnen und draußen, flogen wieder alle dem Neonlicht entgegen. Wolf Hogekamp kannte die Prozedur teilweise, da er in einem Projekt mit Lino zusammenarbeitet, dessen Prinzip dem des Soundtrack Slams sehr ähnelt. Nichtsdestotrotz blieb Lino natürlich fair und unparteiisch und reichte auch Wolf für "Ganz Berlin ist eine Wolke" sein Potpourri für den Abend.
Es folgte Kerri Mullen mit einem Text über Umtriebigkeit und der Bekanntschaft von "beerbongs" in der Champagne, "strings in sweatpants" in Chicago und "Literaturmagazinen" in Berlin - wohin es sie als nächstes zieht, weiß niemand.
Daniel Hoths Text über den Zwiespalt des Menschen und wie sich beide Ichs ausspielen auf der Suche nach dem "richtigen Ich", erhielt den konstrastreichsten Soundtrack des Abends. Doch ließ Hoth sich nicht beirren und schloß nicht nur die Runde, sondern gelangte neben Lady Gaby auch noch in das Finale.
Nun wurde die Jury ihres Amtes enthoben und konnte sich endlich den verdienten Mittwochs-Kater erarbeiten. Der Sieger des Abends wurde nämlich durch Applaus bestimmt.
Lady Gaby durfte anfangen und verlegte ihre Prioritäten nun weniger auf ein Anpassen an die Musik. Leider wiederholte sich das gleiche Phänomen wie bei Michael Haeflinger, und es war schwer dem Text zu folgen.
Daniel Hoth änderte seine Strategie ebenfalls. Er versuchte, nun mit Gestik und Mimik an die musikalischen Vorgaben anzuknüpfen und sagte seinen Text zu Beginn gar in Doubletime auf, da Mariachi-artige Klänge die Boxen verließen. Damit der Auftritt nicht in Windeseile vorüber ging, änderte Lino schnellstmöglich die Musikrichtung zu etwas gewohnt elektronischem - und Hoth blieb bis zum Schluss im Takt. Daniels Taktik kam beim Publikum bestens an, bereicherte ihn um den Titel „Soundtrack Slam-Sieger“ und um eine Flasche Prosecco.
Gegen 23.30 Uhr war der Soundtrack Slam auch schon vorbei und die Bar wurde erneut belagert. Alles in allem kam die Idee hinter dem Abend beim Publikum gut an, wohl aufgrund der verschiedensten Herangehensweisen der Teilnehmer. Auch wenn es gut und gerne vorkam, dass es recht mühsam war dem jeweiligen Text zu folgen, wurde es nicht weniger unterhaltsam. Schon alleine zu sehen, wie Paula es aushielt, den Abend im kleinen Gelben und schätzungsweise 8cm-Absätzen zu durchleben, erinnert mich immer wieder daran, dass Frauen besser für einen Krieg geeignet wären. An jenem Abend kam ein oft verwendeter Spruch in Bezug auf das Verstehen von Texten in meinen Gehörgang:
If you don't understand the poem, feel it!












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