Massenbaumhaltung im Festsaal Kreuzberg
Fünf Poeten, fünf neue CDs – die Labelnacht im Festsaal Kreuzberg am 04. Mai war eine kurzweilige und äußerst humorvolle Veranstaltung, die fast jeden poetischen Durst des Publikums zu stillen wusste. Aufgrund des etwas unglücklichen Termins an einem Montagabend war der Festsaal nicht bis an seine Nähte gefüllt, aber die Mischung versprach interessant zu werden – Bas Böttcher, Julius Fischer, Peh, Gabriel Vetter und Sebastian23 präsentierten ihre Neuerscheinungen, das bedeutete Spoken Word und R'n'B, schräge Liedermacherei und sanfte Ironie. In zwei Blöcken wurde das Publikum von Wolf Hogekamp gewohnt souverän durch einen Abend geführt, der deutlich machte, dass schon fünf Slampoeten ausreichen, um mindestens zehn Facetten der Poesie aufzuzeigen. Auch wenn sie fast alle irgendwas mit Bäumen zu tun hatten.
Und damit dieser Bericht nicht zu einer Nacherzählung verkommt, wofür mein Gedächtnis ohnehin nicht fehlerfrei genug ist – ein Überblick über die Darbietungen der einzelnen Poeten, alphabetisch nach Nachnamen sortiert.
Bas Böttcher – „Neonomade“
Über Bas ist so viel geschrieben worden, dass es mir schwer fällt, etwas zu sagen, was nicht jeder weiß, der ihn einmal auf einer Bühne gesehen hat. Sein Auftritt war, wie nicht anders zu erwarten, Textkunst pur – wenige Slammer verbinden so gut Liebe zur Sprache und Wille zur Botschaft. Die Konsumkritik eines „Bekommbar“ mag nicht die Weltrevolution einläuten, „Alles in allem“ mag nicht jeden dazu bringen, mit leicht ironischer Distanz die Welt zu mögen, aber es ist schwer, die Virtuosität zu leugnen, mit der Bas dazu aufruft. Es war vor allem schön, seine Texte endlich einmal wieder in voller Länge zu hören, nachdem er sie auf vielen Slams in letzter Zeit zu einem großen Medley verknüpfte.
Julius Fischer – „Aspekte der Tiefe“
Der sympathische Leipziger Kurzgeschichtenerzähler erzählte nicht nur davon, warum er Menschen hasst – im Duett mit Christian Meyer, zusammen das "The Fuck Hornisschen Orchestra", war er auch so etwas wie der heimliche Star der Labelnacht. Die Performance der Beiden war dermaßen charmant und witzig, dass sie sich zu Publikumslieblingen entwickelten. Getreu dem heimlichen Motto des Abends – „Wald“ – waren ihr gleichnamiges Lied ebenso wie „Aileen“ hervorragend dargebotene Höhepunkte des Abends, was zugegebenermaßen nicht am lyrischen Tiefgang lag. Man könnte zwar „Aileen“ mit gutem Willen noch einen Hauch von Literaturkritik zugestehen – aber der äußerst hohe Unterhaltungswert von Julius – ob solo oder im Duett – lag vor allem darin, dass wenige Künstler so offensichtlich Spaß an ironischer Darbietung zeigen können.
Peh – „kennst du das?“
Fast durchweg in musikalischer Variante präsentierte sich Peh – nicht mit drei Akkorden auf der Gitarre, sondern mit kraftvollem, dynamischen D'n'B im Hintergrund. Wer sie sonst nur von Slamauftritten kannte, war überrascht, denn bei keinem anderen Künstler war der Unterschied zwischen regulärem Slamtext und dem, was bei der Labelnacht geboten wurde, so groß. Nach dem rein gesprochenen Einstieg „Kapiert“ wechselte Peh zu Liedfassungen ihrer Texte und machte deutlich, dass sie nicht nur etwas zu sagen hat, sondern auch singen kann – und zwar gut. Mit „Kennst du das“ und „Ich träume“ hat sie zwei ihrer bekanntesten Stücke in ein völlig anderes Gewand gekleidet und gezeigt, dass Slamtexte nicht nur Liedermacherrevier, sondern auch clubtauglich sind.
Sebastian23 – „Ein Lied und elf Lieder“
Dem amtierenden Vizeweltmeister merkte man deutlich an, dass er sich mittlerweile an einem breiteren Publikum als den klassischen Slamzuhörern orientiert. Sebastian23 lieferte pointenreiche Comedy, die von der Abrechnung mit Baumumarmern („Esoterik“) bis hin zur Liebeserklärung an Darth Vader reicht („Küss mich“), die an einigen Stellen – im bestmöglichen Sinne – wie ein frühes Stück von den Ärzten klingt und genauso ohrwurmtauglich ist. Manchmal merkte man, dass seine frühere Hintergründigkeit, die ein Stück wie „Radiomusikredakteure“ ausmacht, mittlerweile der gelungenen, für jeden verständlichen Pointe weicht. Aber Sebastian verschmitzte, schelmenhafte Art ließ einen an diesem Abend darüber hinwegsehen – zumal es auch mir dann und wann lieber ist, mit allen zu lachen, als der einzige zu sein, der den Witz versteht.
Gabriel Vetter – Menschsein ist heilbar
Wer den Schweizer nicht auf der Bühne kreischen und zetern gesehen hat, wird schwer nachvollziehen können, wie viel Energie und Humor in ihm steckt. Auf den ersten Blick sieht Gabriel Vetter ja immer ein bisschen so aus, als könnte er auch an der nächsten Ecke stehen und schüchtern den Wachturm verkaufen, aber wehe, wenn er losgelassen. Dann explodiert er auf der Bühne, und sein hintergründiger, absurder Wortwitz steht seinem Stimmvolumen in nichts nach. Ob alleine mit „Eine Buche, wie sie im Walde steht“ oder begleitet von Felix Römer und Sebastian23 mit „Ramona“ - Gabriel ließ das Publikum begeistert und mit der hartnäckigen Frage zurück, woher er all diese Energie eigentlich nimmt. Eines ist sicher – nur er kann sich hinstellen und „your mother's so ugly, I wouldn't fuck her even if she was the system“ ins Publikum rufen und dabei wie ein verschämter kleiner Junge aussehen, der gerade das erste Mal seinen Eltern einen schmutzigen Witz erzählt.
Schön war es auf der Labelnacht – Leider verlief sich die Veranstaltung nach der Zugabenrunde trotz Musik von DJane Charlotte relativ schnell, was im Festsaal Kreuzberg nicht wegen der Veranstalter, sondern wegen des Personals anscheinend häufiger ein Problem ist. Davon abgesehen, war es ein äußerst angenehmes Erlebnis, einmal nicht über zehn bis fünfzehn Künstler abstimmen zu müssen, sondern einige Ausgewählte dabei zu sehen und zu hören, wie sie sich ohne die Regeln des Slams entfalten.
Text: Matthias Niklas, Fotos: Hendrik Schneller




















Schön war´s wirklich ...
auf der Labelnacht. Klasse zusammengefasst und verdammt geil bebildert. Heuert Slammin' Poetry neuerdings professionelle Fotografen an oder wie kommt Ihr an die schicken Fotos. Zusammen mit den Videos macht es so richtig Spaß sich den Abend nochmal ins Gedächtnis zu rufen. Falls Ihr Euch über die Zugriffsraten auf "Ramona-Rexona" wundert, dazu trage ich ordentlich bei.
Grüße, Ralf
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