Krank in Kreuzberg
CD Record Release am 19. Mai
Am 19. Mai war es endlich soweit. Der deutsche Meister im Poetry Slam, Philipp Scharrenberg, stellte auf der Record Release Party im ehrwürdigen Festsaal Kreuzberg seine neue CD "Der Klügere gibt Nachhilfe" vor. Unterstützt wurde er dabei von zwei vertrauten Gesichtern, Peh und Tilman Birr, und alle zusammen hatten einige Überraschungen in petto. Wolf Hogekamp hatte einen entspannten Abend als Moderator. Durch eine Veranstaltung mit drei derart hochkarätigen Künstlern zu führen kann sich jeder MC nur wünschen, denn wenn - und das sollte mittlerweile weit bekannt sein - der deutsche Meister Scharri auftritt, flankiert von Vorzeigeslammerin Peh und Tilman Birr, ist gute Laune auf der Bühne und im Publikum garantiert. Die Besucher durften sich auf einen Abend voller Höhepunkte freuen.
Den Anfang machte natürlich Gastgeber Scharri selbst, der zunächst mit betrübter Stimme verkündete es sei ihm echt unangenehm und "vielleicht wird's ne kurze Show". Mitleidsbekundungen aus dem Publikum zeugten vom Erfolg der kleinen Schauspieleinlage, die fließend in die ersten Reime seines Textes "Krank" überging, gleichzeitig Opener seiner neuen CD. Als "Patho-Pate" und "Tim Mälzer am Infektionsherd" heizte er dem Saal kräftig ein und gab dann mit "Wahldebakel" noch ein Stück oben drauf, das nicht auf der CD enthalten ist.
Schon durfte "das P in Poesie" auf die Bühne und spendierte dem Publikum eine weitere Premiere. Das erste Mal konnte man Peh in Berlin live an der Gitarre erleben. Mit ihren Liedern wirkte die Slampoetin keineswegs nur wie Peh mit Klampfe sondern als Musikerin eigenständig und authentisch. Mal amerikanisch folkig mit "I Won't Stoop For You Anymore", mal rockig mit "It could be worse" aber immer mit dem unverwechselbarem Blues ihrer Stimme. Wer Peh bisher nur von Slambühnen kannte, sollte unbedingt ein Ohr riskieren und sich von Pehs Leidenschaft für Lieder verführen lassen.
Mit weniger Blues, dafür mehr thüringisch im Organ, übernahm dann Tilman Birr das Mikro. Zum vielleicht letzten Mal trug er seine "Liebeserklärung" an eine Frau aus dem mitteldeutschen Bundesland vor, das derart charmant beschrieben glatt Lust auf einen Besuch machte. So kann auch Brandenburg noch hoffen, sollte Birr sich einmal in eine Landestochter verlieben. Und wie viele Slammer neben ihm teilt auch Birr die Leidenschaft zur Musik. Ausgerüstet mit Gitarre und einer Loop-Maschine, die es ihm ermöglicht mehrere Tonspuren hintereinander aufzunehmen und abzuspielen, widmete er sich den Kompositionen von Yann Tiersen. Über die am Ende vierstimmige Gitarrenmusik aus der Loop-Maschine entführte er alle in die fabelhafte Welt des Tilman, den Amelie-Fans stand staunend der Mund offen wie bei Fußballfans nach einem Tor von der Eckfahne. Tiersen Null, Birr Eins.
Die erste Hälfte beschloss dann standesgemäß Scharri und präsentierte zu seinem "Beziehungskisten-Bingo" ein interessantes Utensil; ein auch der neuen CD beiliegendes Poster, auf dem 15 Arten zwischenmenschlicher Beziehungen wie Affäre, Techtelmechtel oder Schwärmerei, klassifiziert sind, unterschieden nach Kriterien wie Dauer, ob man sich küsst oder ob man das Bett teilt. Den Text zum Bingo gab es von Scharri dann am Keyboard sitzend und das alte Volkslied "Ein Loch ist im Eimer" spielend, dem das Stück musikalisch nachempfunden ist. Das Poster stand derweil weiter auf der Bühne, dort wo sonst das Mikro steht, und diagnostizierte stumm die Art der Liebesbeziehungen des Publikums.
Nach der Pause ließ sich auch Hogekamp nicht lumpen und steuerte einen Text bei. Mit "Wolke" brachte er Berliner Clubfeeling auf die Bühne und verkündete zu 180 words per minute "Ganz Berlin ist eine Wolke, ganz Berlin in einer Nacht." Scharri holte das Publikum danach aus dem Club ab und brachte sie mit "Marihuana Jones" ins Kino. Das Gedicht voller Wortspiele über die allseits beliebte Nutzplanze ist aufgebaut wie ein Filmtrailer, mit Scharri als düsterer Sprecher und leicht betäubter Hauptdarsteller in Personalunion. Anschließend reimte er sich die Antwort zu der Frage "Wie kamen die Tiere zu ihrem Namen?" zusammen und beim "Supermarkt-Spion" gab es gesungenes Kabarett aus der Feinkostabteilung, bevor schließlich Tilman Birr wieder übernahm.
Dieser gab mit der satirischen Analyse von Kleinanzeigen "Für gelegentliche Treffs" und der Geschichte eines Besäufnisses getarnt als "Die Recherche" einen Querschnitt durch sein bisheriges Schaffen. Danach gab es wieder etwas Besonderes, Scharri kam zu einem Duett mit Birr auf die Bühne. Das Duett war dabei eigentlich ein Battle, beide versuchten jeweils den anderen durch pure Wortgewalt möglichst schlecht aussehen zu lassen. Birr brillierte in der Rolle eins moralinsauren Hippieliedermachers mit zwei Akkorden, Scharris nicht weniger authentische Version von Schlagerfuzzi Howard Carpendale musste sich trotz eines lupenreinen Dis(
am Klavier geschlagen geben. So gelang ein sehr amüsanter Auftritt, den es wohl nicht mehr oft zu sehen geben wird.
Während die zwei scheinbaren Streithähne sich gegenseitig von der Bühne knufften, machte sich Peh schon wieder auf den Weg ans Mikro. Als letztes Feature des Abends trug sie ein Stück über Sinn und Unsinn von Gegensätzen vor. Und auch die Gitarre durfte nicht fehlen, noch einmal gab es Rhythm and Blues feinster Singer-/Songwriter Machart von der Berliner Alleskönnerin. Zu guter Letzt gab Scharri noch einen Klassiker zum Besten. "Vom Verb das ein Nomen sein wollte" ist nicht umsonst eins der meistgesehenen und am besten bewerteten Stücke in der Videothek von Slammin' Poetry.
Einziger Wermutstropfen des Abends waren der schlechte abgemischte Sound bei den musikalischen Darbietungen, zu laute Gitarren machten es teilweise schwer den Texten zu folgen. Auch die vielen freien Plätze im Festsaal waren eine kleine Enttäuschung, mehr als die Hälfte war unbesetzt. Dass der Besuch vieler Slamfans ausblieb wie der Frühling dieses Jahr, tat der Qualität der Veranstaltung aber keinen Abbruch. Die Künstler entertainten nach allen Regeln der Kunst und so bleibt zu hoffen, dass weitere außergewöhnliche Shows wie diese zukünftig mehr Aufmerksamkeit des Berliner Publikums finden.













danke für die schöne
danke für die schöne review!
peh
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