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Kein Wasser mehr für Jesus…

, Schlagworte: Felix Römer, Lautsprecher Slam, Peter Janicki, Till Reiners

„…der ist schon völlig betrunken“, hieß es im Siegertext des ersten Lautsprecher Slams, der am 21. Mai in Kreuzberg stattgefunden hat. Der von Peh moderierte Slam im vierten Stock der Schule für Erwachsenenbildung musste sich an seinem ersten Abend vor Niemandem verstecken: Zehn Slammer aus ganz Deutschland vor einem mit ungefähr 80 Zuschauern saalfüllendem Publikum, Felix Römer als Featured Poet und eine der bekanntesten deutschen Slammerinnen als Moderatorin garantierten gute Stimmung – und gute Unterhaltung.

Nachdem das Publikum von Peh in die Welt des Slams eingeweiht und von Felix aufgewärmt wurde, mischten sich in der ersten Runde bekannte Gesichter mit frischem Blut. Sven Anpöhlers surreale, in trockenstem Norddeutsch vorgetragenen Texte werden mittlerweile fast allen Berliner Slambesuchern ein Begriff sein, genauso wie die Gedichte von Daniel Hoth, der sich in den letzten Monaten erstaunlich schnell vom Unbekannten zur festen Größe entwickelt hat. Und dabei den Beweis bringt, dass von leichtem Pathos angehauchte, fast schon klassische Lyrik  – zum Glück – immer noch ihren Platz auf Slambühnen hat.

Ebenfalls in der ersten Runde vertreten waren der aus Karlsruhe angereiste Maurice mit einer kurzweiligen Geschichte über seinen Hund Mao sowie Viktors melancholischer Rückblick auf seine Reise zu einem Blind Date nach London, der aufgrund seiner im russischen Original gehaltenen Elemente fast schon Tagebuchcharakter hatte.

Angeführt würde die Runde allerdings klar von Till Reiners „Das kann man so oder so sehen“, in dem der gerade aus Trier nach Berlin gezogene Poet durchaus böse – wenn auch für meinen Geschmack immer noch zu brav – mit idealisierendem Gutmenschentum abrechnet. Die höchste Rundenwertung garantierte ihm jedoch noch keine Finalteilnahme. Anders als bei den meisten Berliner Slams entscheidet beim Lautsprecher Slam eine Jury, und die drei besten Wertungen des gesamten Abends ziehen ins Finale ein – was später noch zu leichten Komplikationen führen sollte.

Auch die zweite Runde war bunt durchmischt – der Basler Matthias Obliger versuchte mit seiner FAQ nahezu alle wichtigen Fragen des Lebens zu beantworten, und auch Michael Feindler aus Wuppertal nahm sich dem Ort angemessen die Zeit, das Publikum weiterzubilden. Und zwar in der Frage, warum Beschwerden über die Pünktlichkeit der Bahn in Teufelskreis aus Leben und Tod enden. Auf der lyrischen Seite des Slams befanden sich Bühnenneuling Gökhan mit mehreren düsteren Texten über den Tod, Blut und Liebe ebenso wie Bea, die ihren Slamruhestand einmal wieder unterbrach, um in getragenem Englisch – und dank automatischer Übersetzung amüsantem Deutsch – ihr Leid nicht ganz so ernst zu nehmen.

Knapp vor Michael wurde die Runde allerdings von Peter Janicki aus Marburg bestritten, dessen surreale Erzählung von Pferdeköpfen ohne Nachsendeantrag, blinden Mafiatöchern und hüpfenden Elefanten Bitterböses einschmuggelte – „Ich habe nichts gegen Rassisten, ich weiß noch nicht einmal, wo das liegt“ sei nur ein Beispiel.

Somit schien das Finale aus Michael (26 Punkte), Peter und Till (beide 27 Punkte) zu bestehen – da aber die drei besten Wertungen entschieden und nicht die drei Bestplazierten, zogen auch Daniel und Sven (je 23 Punkte) mit ein, was aus dem Finale eine weitere Fünferrunde machte. Am Ende entschied sich das Publikum – diesmal per Applaus – ein weiteres Mal für Peter Janicki, vor Daniel Hoths „Januskopf“. Peters nicht einfach surrealer, sondern vollkommen absurder Trip, der neben Jesus im Flugzeug sitzend begann und nach einem luftigen Rauswurf auf dem Umweg über den Meeresgrund, mehrfache Amputationen und verquere Physik wieder im selben Flugzeug endete, ließ die Zuhörer verwirrt bis verstört, aber begeistert zurück.

Dank guter Musik und günstiger Getränke – man hüte sich vor den Vodka-Longdrinks – lud der Veranstaltungsort noch zum Verweilen ein, was allerdings die Suche nach dem Ausgang später  etwas abenteuerlich gestaltete, solange man versuchte, den spontan aufgestellten Schildern zu folgen, statt auf dem gleichen Weg wieder zu gehen, auf dem man gekommen war.

Noch ein paar Worte zur eher seltenen Finalteilnahme nach Gesamtwertung statt Rundensieg. Nach einigem Nachdenken gefällt mir dieses Abstimmungssystem – erstens sorgt es dafür, dass bis zum letzten Poeten die Spannung erhalten bleibt, wer weiterkommt, und zweitens holt es wirklich die beliebtesten Slammer des Abends ins Finale. Oft genug kommt ein guter Zweiter in einer starken Runde nicht weiter, obwohl er besser als der Erste einer schwachen Runde war. Slam ist nie fair, sagte Tommy gestern zu mir, und das stimmt – aber in meinen Augen macht es die Finalrunde spannender, wenn die Teilnehmer annähernd gleichstark sind. Im Falle des Lautsprecher Slams würde ich mich allerdings freuen, wenn das aus dem Sport bekannte „bei zwei Ersten gibt es keinen Zweiten“ greifen würde, sollte es wieder zu einer Punktverteilung wie am ersten Abend kommen – ein durch Applaus entschiedenes Fünferfinale geht erstens ganz schön auf die Hände, und zweitens macht es die direkte Gegenüberstellung der Poeten schwerer.

Text: Matthias Niklas

An einen Freund

Felix Römer wendet sich "An einen Freund", als Featured Poet des Lautsprecher Slam am 21. Mai 2009.

Aus meinem langweiligen Leben

Peter Janicki berichtet "Aus meinem langweiligen Leben" in der Vorrunde des Lautsprecher Slam am 21. Mai 2009.

Bobbycar

Till Reiners und sein Text "Bobbycar" im Finale des Lautsprecher Slam am 21. Mai 2009.

Bild von ralfingBild von ralfing

... und wieder ärgert man sich

nicht dabei gewesen zu sein. Sehr schöne Zusammenfassung. Da stellt sich mir doch gleich die Frage ob sich der Saalslam nach deinem Bericht nicht besser nen größeren Saal suchen sollte Wink

Bild von Lars BeißertBild von Lars Beißert

Im Artikel geht's ja...

... um den Lautsprecher Slam. Der Saalslam fand 2 Tage vorher statt und hat locker Kapazitäten für 300+ Besucher. Da geht also noch was!

Bild von ralfingBild von ralfing

sieht einfach keiner mehr durch ...

bei den ganzen neuen Slams Wink

Bild von Christiane LemkeBild von Christiane Lemke

Danke!

... fuer den ausfuehrlichen Bericht! Fuehlt sich an, als waere ich dabei gewesen... Wink

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