Freie Liebe im Festsaal Kreuzberg
Passend zur Geburt von Jesus geht es in der Dezemberausgabe des Bastardslam im Festsaal Kreuzberg traditionell um Sex. Oder, um es mit dem Moderator und Veranstalter Wolf Hogekamp zu sagen, um „Sex, Liebe, Beziehungen, Partnerschaft, Zärtlichkeit“ und all die anderen Dinge, für die es in der Bravo meiner Kindheit Doktor Sommer gab. Der Festsaal füllte sich am 18. Dezember bei weitem besser, als angesichts der abgrundtiefen Außentemperatur zu erwarten gewesen wäre. Special Guests gab es zwar keine an diesem Abend, aber die Veranstaltung machte mit zwölf Slammerinnen und Slammer ihre Aufwartung – das Programm war dementsprechend sowohl abwechslungsreich wie ausgiebig.
Eröffnet wurde der Slam von Eve McFar mit einem Text über einen alkoholschwangeren One-Night-Stand, der trotz aller Leidenschaft lieblos blieb und den Protagonisten sich nach Farbe sehnend zurückließ. Eve's nicht vor Details zurückschreckende Erzählung brachte ihn zwar nicht ins Finale, überzeugte aber trotzdem mit seiner Tiefe. Die Runde wurde von Till Reiners mit der streitbaren Feststellung, dass Klempner nicht nur die besseren, sondern auch die attraktiveren Liebhaber sind, fortgesetzt. Auch wenn der Text vor dem sich anbietenden flachen Witz nicht zurückschreckte, war er dennoch deutlich eher auf feine Ironie als auf billige Lacher angelegt. Kombiniert mit Tills herrlich trockener Performance verschaffte er ihm den verdienten Rundensieg, und ließ sowohl Eve als auch den ihm nachfolgenden Andy Strauss hinter sich zurück.
Die Organisation hatte die drei auftretenden Frauen in der dritten Runde vereint, und Jacinta Nandi machte den Anfang. Schonungslos wie immer berichtete sie davon, wie sie einmal beim Stillen einen Orgasmus bekam, war aber in ihrer Performance nicht ganz so überzeugend wie etwa zehn Tage später bei den Stadtmeisterschaften. Ihr folgte Xóchil A. Schütz mit einer humoristisch bis bitter angehauchten Auflistung verschiedener Typen aus ihren „Männerhandbuch für Frauen“. Der Wiedererkennungswert war höher, als manchem lieb sein mochte - als geschlossener Slamtext reichte die Aufzählung allerdings nicht für's Finale. Genauso wenig wie Lady Gaby's Abrechnung mit betrunkenen Frauen und verklemmten Biedermännern, die ein BDSM-Schattendasein fristen, was vermutlich weniger an der Qualität des Textes als am englischsprachigen Vortrag lag, der beim Berliner Slampublikum leider immer noch in den meisten Fällen einen Nachteil bedeutet. Rundensieger wurde schließlich Marque Hübscher aus Hamburg mit einem auf Lacher angelegten Text, der dreimal einen Ehrenmord im Affekt an einer fremdgehenden Partnerin und deren Liebhaber beschrieb.
Nach der Pause folgte die letzte Vorrunde des Abends, eröffnet von Carsten Strack und verschiedenen Romananfängen aus unterschiedlichen Gattungen – ähnlich wie Xóchils Text litt allerdings auch dieser ein wenig darunter, dass reine Aufzählungen als Slamtext nur dann wirklich erfolgversprechend sind, wenn sie in einem deutlichen Höhepunkt münden. Mit mehreren Texten folgte Michael Heide, unter anderem dem sehr schlichten, aber äußerst schönen und überraschenderweise auf englischer Sprache vorgetragenem Gedicht „Mind Cheater“. Um die Runde für sich zu entscheiden, genügte es aber nicht, ebensowenig wie Karsten’s Liebesgeschichte zwischen „Jan aus dem Park“ und seiner angebeteten Iris. Ein verstörendes und sehr beeindruckendes Ende fand Dominik Bartels Vortrag – was sich erst als erotische Erzählung darbot, mündete in einer äußerst bitteren Offenbarung am Schluss, die mir Gänsehaut bescherte. Für diesen Abend war der Text dann allerdings wohl doch etwas zu düster, und letzter Finalist wurde Bleu Brode. Der U-20-Champion aus 2008 berichtete wortgewandt und geistreich von der Lust eines pubertierenden Schülers für seine Lehrerin.
Mein persönliches Fazit – der Slam war sein Eintrittsgeld auf jeden Fall wert. Aber Slam und Sex ist in meinen Augen immer ein schwieriges Thema. Es besteht immer die Gefahr, zu feierlich, zu derbe oder zu witzig über Sex und Beziehungen zu schreiben, und gerade die Grenzen zwischen ernsthaft und zu feierlich, schonungslos und zu derbe sind schwer zu finden. Und damit bleibt Slammerinnen und Slammern, die diesen Spagat fürchten, oft nur die Flucht ins Witzige, wenn sie vor großem Publikum bestehen wollen. Aber ich will nicht behaupten, dass ich daran keinen Spaß hätte.
Ich will Klempner sein
Der spätere Finalsieger Till Reiners offenbart "Ich will Klempner sein" in der Vorrunde des Sex Poetry - Bastardslam am 18. Dezember 2009.
2 mal 3 gleich 6
Bleu Broode rechnet "2 * 3 = 6" in der Vorrunde des Sex Poetry - Bastardslam am 18. Dezember 2009.
Drei Frauen
Marque Hübscher und seine "Drei Frauen" in der Vorrunde des Sex Poetry - Bastardslam am 18. Dezember 2009.
Die Liebe wars, die mich umfing
Eve McFar mit "Die Liebe wars, die mich umfing" in der Vorrunde des Sex Poetry - Bastardslam am 18. Dezember 2009.


















Kommentar hinzufügen