Eine Alternative zur WM
Der Bastardslam am 18.Juni
Es war mal wieder soweit: Der Festsaal Kreuzberg öffnete seine Pforten für den Bastardslam. Leider sind ja zu Zeiten von Fußballweltmeisterschaften die Poetry Slams nicht so gut besucht wie man es sich wünscht, aber es reichte zum Glück, um den Saal zu füllen. Wer aus Depression um das verlorene Spiel Deutschlands am selben Tag, wegen der Fußball-Übertragung auf der Leinwand im Hof des Festsaals oder aus beliebigen anderen Gründen nicht den Weg bis hinein ins Zentrum des Dichterwettbewerbs schaffte, verpasste einen Abend mit sehr vielfältigen Texten und einem unglaublich begeisterungsfähigen Publikum.
Wolf Hogekamp war für die Moderation zuständig, wie immer unterstützt von Lino Ziegel, der aus den Vorträgen munter fröhlich kleine Zusammenschnitte für die Abstimmung bastelte. Wie er das immer so schnell macht – ich weiß es nicht, aber es beeindruckt mich jedes Mal wieder. Wolf erklärte kurz und routiniert die Slamregeln und reichte dann das Mikrofon an den Featured Poet Lars Ruppel weiter, mit der Aufforderung an das Publikum, die "Klatschtatzen" zu benutzen. Der Mann aus Marburg zählt zu den besten Slammern des Landes und bewies das auch diesmal ein weiteres Mal. Er begann mit einer kurzen Lesung aus seinem Schulheft der dritten Klasse, weiter ging es mit dem 'Traum der Raupe', der seine poetischen Fähigkeiten gut unter Beweis stellte. Den Abschluss des Warm-Ups bildete ein weiteres lustiges Gedicht, welches leider nicht mehr oft vorgetragen werden wird, da es vom aktuellen hessischen Ministerpräsident handelt, der ja im Sommer Geschichte sein wird.
Zeit für die erste Runde. Harald Kienzler aus Tübingen eröffnete den Wettbewerb mit einem Text namens 'Demokratie?' über die ersten Schritte, die man in der Jugend auf dem Land geht, wenn man eine Band gründen möchte. Ein amüsanter Text. Er hat mich sehr deutlich daran erinnert wie es war auf dem Land die ersten Weichen in Richtung einer eigenen Band zu stellen. Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Als nächstes betrat Josefine Berkholz die Bretter, die den Slam bedeuten, um das Publikum mit 'Paradoxe Volksverhetzung nach Max Ernst' ein wenig zu verwirren. Ein Text, der davon handelte, dass man ihn nicht verstehen und auch nicht interpretieren muss. Gedankenarbeit für die Deutschlehrer im Raum. Dritter im Bunde war Karsten Lampe, der mit seiner so genannten Betroffenheitslyrik klar punkten konnte. Sein Liebesgedicht zog ins Finale ein. Den Abschluss bildete Robin Isenberg, jüngster Poet des Abends, mit seinem Text 'Such Atlantis' und der Aufforderung, aus dem normalen Leben auszubrechen und einen besseren Weg zu gehen.
Es ging munter in die zweite Runde. Daniel Hoth durfte auch auf diesem Slam nicht fehlen. Sein Text ‚Hunger!‘ überzeugte auf Anhieb. In diesem Fall war wirklich der Name Programm. Der für diesen Text selbsternannte Fraßlegionär verspeiste zum Schluss noch genüsslich eine Seite aus seinem Notizbuch. Beeindruckender Vortrag, kombiniert mit einem guten Text machten dem Publikum Appetit auf mehr und brachten Daniel einen Platz im Finale. Auf ihn folgte Lyly, die einen Brief an einen Freund vortrug und mit ihrer ruhigen und bestimmten Sprechweise einen interessanten Kontrast in der zweiten Runde bildete. Nun durfte Bleu Broode einen 'Aufruf an drei verloren gegangene Freunde' vortragen. Ein grandioser Text, den ich allerdings nicht im Entferntesten zusammenfassen kann. Auch ihn durfte man im Finale noch einmal bewundern, da sich das Publikum nicht zwischen den '3 Freunden' und Daniels 'Hunger!' entscheiden wollte. Den Abschluss vor der Pause bildete Elena Anais mit dem Text 'Sag ja zum nein', einem amüsanten Briefwechsel mit einem GEZ-Mitarbeiter durch die geschlossene Tür, der dann in die Erkenntnis überging, dass man im Leben den Mut haben muss auch mal ‚Nein‘ zu sagen. Das Publikum wurde nun erstmal für gefühlte zehn Minuten in die Pause entlassen.
Lars Ruppel durfte auch auf die dritte Runde einstimmen. Das Schulheft wurde erneut dem Vortrag unterzogen, dazu kam der Text mit dem angenehm kurzen Namen 'Wie ich unsere Welt zu dem machte, was sie heute ist – oder - Wer die Wahl hat, hat den Wal'. Zu guter Letzt folgte noch ein Text über 'den Deutsch', anmoderiert mit einer Erzählung von den Erfahrungen die Lars zusammen mit Gary Glazner bei Workshops mit Demenzkranken gemacht hat. Das Gedicht machte seinen eigenen Schluss nur zu gut verständlich, nämlich dass Lars Ruppel stolz ist, kein "Deutsch" zu sein. Wer diesen Satz für grammatikalisch zweifelhaft hält, hat am Freitag ein tolles Gedicht verpasst.
Los ging's mit der etwas ungewöhnlichen dritten Runde. Den Anfang machte Gary Glazner aus New York, dessen Performance nur aus einzelnen deutschen Wörtern, Alle-meine-Entchen-Gesängen und dem Tanz mit einer jungen Dame aus dem Publikum bestand. Um es mit Wolfs Worten zu sagen: "Das war schon sehr Dada." Allerdings hat Gary mit "Entschullilingus" für mich das Wort des Abends erschaffen. Den Zusammenhang möchte ich aus Rücksicht auf die jüngeren Leser nicht erklären. Gary verließ die Bühne und es ging gleich Dadaistisch weiter. Sven Antpöhler trug erst eine Wortkette vor und dann einen kurzen Text über Kommunikationsprobleme, das Ganze in seiner gewohnt etwas verwirrenden Art. Die dritte in der dritten Runde, Sarah Bossetti, kehrte dann zu vergleichsweise normalen Texten zurück. 'Eine Zugfahrt mit Hund' machte dem Publikum sichtlich Spaß, und die Frage ob es eine Pille danach für Hunde gibt, wird noch geklärt werden müssen. Sarah durfte sich ebenfalls über einen Platz im Finale freuen. Der letzte in den Vorrunden war Pansen, der über seine Festung beziehungsweise seine Wohnung im Wedding berichtete.
Auf zum Finale. Karsten Lampe trug erst ein Gedicht namens 'Enttäuschung' vor und dann seinen Text über die Verfolgungsjagd zwischen einem Traktor und einem Mountainbike und alle menschlich möglichen Interpretationen davon. Als nächstes war Daniel Hoth mit seinem Monolog 'Der Zyklop' an der Reihe, der selbstreflektierend seine Rolle auf der Bühne überdachte. Bleu Broode ließ das Publikum zwischen zwei Texten wählen. Einer war Julian Heun gewidmet, der andere Moritz Neumeier und das Publikum wählte den ersteren. Dieser handelte von den Nachwirkungen einer WG-Party. Den Abschluss bildete Sarah Bossetti mit "Es ist stärker als ich", einem Text über den Konflikt zwischen dem "Ich" und dem "Es", frei nach Sigmund Freud. Das Publikum wollte sich nicht festlegen, und somit gewannen Sarah und Karsten gemeinsam den Bastardslam.
Zusammengefasst war es ein sehr unterhaltsamer Slam. Die Texte und die Vortragsarten waren angenehm vielfältig, von Gedichten über sehr unterschiedliche Erzählungen und Berichte bis hin zu einem deutschen Kinderlied. Das Publikum glich die Lücken in den eigenen Reihen applaustechnisch gut aus und hatte sichtlich Spaß. Fünf Euro Eintritt und drei Stunden Public Poetry Viewing. Eine gute Alternative für diejenigen, die es an diesem Abend vermochten den Blick weg von der Fußball-WM zu lenken.
Der Deutsch
Lars Ruppel mit "Der Deutsch" als Featured Poet des Bastardslam am 18. Juni 2010.
Ein Aufruf an drei verloren gegangene Freunde
Bleu Broode startet einen "Aufruf an drei verloren gegangene Freunde" in der Vorrunde des Bastardslam am 18. Juni 2010.
Hunger!
Daniel Hoth hat "Hunger!" in der Vorrunde des Bastardslam am 18. Juni 2010.












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