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Ein literarisches Gipfeltreffen

Die internationale SLAM!Revue im C-Club

Carlos Andrés Gómez (USA), Foto: Hendrik SchnellerCarlos Andrés Gómez (USA), Foto: Hendrik Schneller

Artikelgalerie

  • Temye Tesfu (Deutschland), Foto: Hendrik Schneller
  • Marta Marciniak (Polen), Foto: Hendrik Schneller
  • Jan Jilek (Tschechien), Foto: Hendrik Schneller
  • Irina Bondas (Deutschland / Ukraine), Foto: Hendrik Schneller
  • Elsa Fitzgerald & Ribi Rimini (Schweiz), Foto: Hendrik Schneller
  • Andi Pianka (Österreich), Foto: Hendrik Schneller
  • Anna Russ (Russland), Foto: Hendrik Schneller
  • Id aka István Matits (Ungarn), Foto: Hendrik Schneller
  • Emilie Zoey Baker (Australien), Foto: Hendrik Schneller
  • Samian (Kanada), Foto: Hendrik Schneller

10 Minuten pro Poet, Props und Musik sind erlaubt – bei der internationalen SLAM!Revue im Rahmen des Berliner Literaturfestivals war alles ein wenig anders. Und bei zwölf Poetinnen und Poeten aus allen Ecken und Kanten der Welt galt hier ganz besonders - „if you don't understand the poem, feel it“.

Es war mein erster Besuch bei der internationalen SLAM!Revue, und der Blick ins Programmheft versprach Abwechslung: Bis auf einen Poeten und das Moderatoren-Duo blickten mir nur unbekannte Gesichter entgegen. Ich höre mir gerne Slammer aus anderen Ländern an – Slam, so scheint es mir, ist überall ein klein wenig anders, und ich freute mich darauf, einen Hauch davon zu spüren zu bekommen.

Die internationale SLAM!Revue ist seit 2002 fester Bestandteil des Berliner Literaturfestivals, und das Moderatorenduo Céline Robinet und Martin Jankowski hatten auch dieses Jahr ihren knapp 200 Zuschauern am 17. September im C-Club ein abendfüllendes und kurzweiliges Programm zu bieten.

Ehrengast und damit erster Poet des Abends war der New Yorker Carlos Andrés Gómez – ein klassischer und sehr erfolgreicher Vertreter des amerikanischen Poetry-Slams, der die Veranstaltung mit relativ ruhigen, ausdrucksstarken Worten einleitete. Den Wettbewerb selbst eröffnete dann der Vertreter des Gastgeberlandes, Temye Tesfu, der an diesem Abend den normalerweise von seinem Team Allen Earnstyzz performten Text „Bayern“ alleine vortrug – und es damit schaffte, in den Pausen um Autogramme gebeten zu werden. Was für mich eine erstmalige Erfahrung auf einem Slam war, und irgendwie eine rührende.

In Polnisch und Englisch vortragend folgte Marta Marciniak, eine der erfolgreichsten Poetinnen ihres Heimatlandes, die ihre zehn Minuten Zeit und die lockeren Regeln nutzte, um nicht nur zweisprachige Lyrik, sondern auch ein drum-and-bass Stück zum Besten zu geben. An ihre trotz Musik eher ruhige Performance schloß sich der aus Tschechien stammende Jan Jilek an, der seine dynamischen, geistreichen und leicht anzüglichen Texte auf gleich vier Sprachen vortrug.

Vierte der ersten Runde war die ursprünglich aus der Ukraine stammende Irina Bondas, eine über den Slam hinaus bekannte Lyrikerin und Dramatikerin, die ihre Probleme damit, die eigene Herkunft zu definieren, charmant als Borderline Nationality Disorder diagnostizierte.

Mit einer Performance, die schon fast eher im musikalischen Kabarett einzuordnen wäre, schlossen die Schweizer Elsa Fitzgerald und Ribi Rimini, das einzige Team des Abends, die erste Runde ab. Auch ihr Auftritt nutzte sehr gekonnt das freiere Format des Abends, und war einer seiner humorvollen Höhepunkte.

Nach der wohlverdienten Pause ging es in den zweiten Teil der SLAM!Revue, und diese zweite Runde hatte es in sich. Eröffnet wurde sie von Andi Pianka – in Polen geboren, aber in Österreich lebend und für dieses antretend – mit einem der anspruchsvollsten und literarischsten Texte des Abends.

Aber den ersten richtigen Höhepunkt der ohnehin sehr lohnenswerten Veranstaltung bot Anna Russ. Die zweifache russische Slam-Meisterin verkörperte auf grandiose Weise das „feel it“-Prinzip - zumindest für jemanden wie mich, der kein Wort russisch spricht - durch eine unglaublich dynamische Performance, ausdrucksstark und mit kraftvollem Rhythmus.

Dem Publikum wurde kaum Zeit zum Atmen gelassen, denn auf Anna Russ folgte der ungarische István Matits aka Id, Begründer der Budapester Slamszene. Seine Texte waren humorvoll, aber hintergründig, und mit einer auf Englisch vorgetragenen Liebeserklärung an seine Lebensgefährtin (die Welt) gewann er viele Herzen im Publikum. Meines auch.

Auf Krücken humpelte direkt danach Emilie Zoey Baker auf die Bühne, die es um die halbe Welt geschafft hatte, um sich dann bei ihrer Ankunft den Fuß zu brechen. Davon ließ sich die Australierin allerdings nicht abhalten. Ihre offenherzigen („There are lots of vaginas in my poems“), aber nicht platten, sondern lyrisch anspruchsvollen und lustigen Texte sollten ihr am Ende des Abends den ersten Platz einbringen.

Die zweite Runde und damit der Wettbewerb wurden von Samian beendet, dessen korrektes Herkunftsland als Abitibiwinni First Nation anzugeben wäre. Der in Quebec, Kanada lebende Rapper und Hip-Hopper trug seine vom Rhythmus geprägten Texte auf Französisch, Englisch und vor allem auf Algonkin vor, das genau wie russisch höchst slamtauglich klingt, aber wahrscheinlich bei noch weiteren Teilen des Publikums ein „feel it“ voraussetzte. I did, and it felt really good.

Die Wertung der Künstler erfolgte aus einer Kombination ihres direkten Beifalls mit einer rundenweisen Applausabstimmung, und Emilie Zoey Baker konnte sich knapp an die Spitze setzen, wohlverdient und, so wie es aussah, ziemlich überrascht.

Die internationale SLAM!Revue war ohne Frage ein sehr besonderer Abend, und ein wundervoller Überblick darüber, wie facettenreich das weltweite Phänomen Poetry Slam sein kann. Slam lebt von Sprache, und es ist beeindruckend zu sehen, wie anders sich dieses Leben in anderen Sprachen der Welt anhören kann.

Videoanhang

  • Emilie Zoey Baker

    Emilie Zoey Baker aus Australien gewinnt die Internationale Slam!Revue in Berlin am 17. Semtember 2010.

  • Carlos Andrés Gómez

    Carlos Andrés Gómez aus den USA auf der Internationalen Slam!Revue in Berlin am 17. Semtember 2010.

  • Anna Russ

    Anna Russ aus Russland auf der Internationalen Slam!Revue in Berlin am 17. Semtember 2010.

  • Elsa Fitzgerald & Ribi Rimini

    Elsa Fitzgerald und Ribi Rimini aus der Schweiz auf der Internationalen Slam!Revue in Berlin am 17. Semtember 2010.

  • Id aka István Matits

    Id aka István Matits aus Ungarn auf der Internationalen Slam!Revue in Berlin am 17. Semtember 2010.

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