Das Wunder von Dingenskirchen
Die 8. Fritz Nacht der Talente
"Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen." - Shakespeare.
Dieser Bericht erfolgt nicht sinnlos. Ausnahmsweise. Ich verspreche aber, in Kürze wieder sinnentleerte Protokolle zu liefern. Diesmal müssen wir mit ohne Sinn auskommen. (Dieser Satz war kein übler Anfang, finde ich.)
An sich bin ich ja kein ausgeprägter Freund waghalsiger Wettbewerbe. Schon zu Schulzeiten fand ichs doof, mit Klassenkameraden 10-Pfennig-Stücke zu werfen, nur damit jener, der seine Münze näher an die vollgestrullte Mauer vom Fahrradschuppen wirft, bei den anderen abkassieren kann. Blöd. Viel weniger blöd ist allerdings, einfach nur danebenzustehen und den anderen dabei zuzusehen. War ich bei der 7. Nacht der Talente noch das personifizierte Nervenleiden, gings diesmal. Ich durfte eröffnen, zusammen mit LEYAN, der Gewinnerband vom letzten Mal. Wir wollen da aber nicht vorgreifen.
Ein kurzes Statement zur Anfahrt Dortmund-Berlin:
Freitags nicht machen! Lieber den Jakobsweg auf Knien, bei einem 5000-Euro-Selbstfindungsseminar im Sauerland mit der Fratze durch Glasscherben robben oder 50 Euro investieren und schauen, wer zuerst aufgibt, die Sonnenbank oder du … aber nicht noch mal A2. Nicht freitags.
Um elf fuhr ich los, Hörbuch im Anschlag, »Falscher Engel«, 4 CDs, die Geschichte eines Undercover-Agenten, der sich bei den Hells Angels einschleust und anschließend rumjammert, wenn er nicht gerade erzählt, was für ein beinharter Typ er ist. Am Kamener Kreuz hatte ich es durch. Noch 460 Kilometer. Ich hätte aber auch »Der Herr der Ringe« ungekürzt im Zierschuber mitnehmen können. Das hätte ich bis zur Ankunft in Berlin auch durchgekriegt. Und Tolkien ist jetzt nicht eben für sein rasantes Erzähltempo berühmt, da wird schon mal 19 Seiten lang Frodos Pantry-Küche beschrieben, aber besser, als bei Rockern unterzuschlüpfen und nicht mal richtig Motorrad fahren zu können. Als die gleißende Sichel des Mondes dann am Himmel stand, erreichte ich die Oranienburger Straße. Ich hatte aus meinem Oktobertrip gelernt: Wenn man zum Admiralspalast Friedrichstraße muss, macht es wenig Sinn, auf dem Kurfürstendamm ein Hotel zu nehmen; die Oranienburgerstraße ist quasi "umme Ecke".
Ich blickte durch die Windschutzscheibe und dachte: Holla. Keine Ahnung, was der Film »Blade Runner« gekostet hat, aber fest steht: Hätte man den Künstler-Rambazamba-Prostituierten-Neon-Kellerrestaurant-Mix in der Oranienburgerstraße gedreht, wäre noch Geld übrig gewesen, um an Harrison Fords fliegendem Auto die Drähte zu retuschieren. Junge Junge. Aber: Das Hotel im sogenannten Scheunenviertel ist ein gutes. Wer je in Berlin einkehrt, nehme jenes. Echt. Ruhige Zimmer, W-LAN, wunderschöne, barrierefreie Badezimmer mit Designerdusche, Flat-TV und Betten mit Latexschaumfederkernroßhaarwasweißich-Matratze. Drauflegen, bewusstlos werden, vom Geruch der eigenen Füße erwachen, duschen, hinlegen, wie ein Baby durchschlafen. Neun Sterne. Und das inkl. Frühstück mit Kaffee der Marke Lazarus.
Samstagmorgen.
Ich falle aus dem Bett. Mir geht’s gut.
Auf der Straße. Das Kulturamt hat alle Statisten weggeräumt. Leer gefegt, alles. Diesmal lautet die Ansage: Soundcheck im Admiralspalast um 15:00 Uhr.
Vor der Tür finde ich Yasmin, deutschsprachige U-20 Meisterin im Poetry Slam, die extra aus Österreich angeflogen kam, neben ihr den deutschen Slam-Vize Christian Ritter und Franziska Wilhelm. Trotz des Eimers Bio-Kaffee, den ich mit mir herumtrage, ist es noch etwas zu früh, den welterfahrenden »Poesie tötet«- Hiob zu machen. Ich belasse es bei diplomatischen Andeutungen. Mir steckt noch immer das Gemetzel der 7. Fritz Nacht im Gedärm, aber Franziska, Yasmin und Christian sind ganz grinsendes Schulterzucken. Ja dann. Ok.
15:10 Uhr
Warmer Empfang durch unsere … Assistentin? Hallenbegehung, ein wenig Papierkram, denn das Fernsehen ist da! Während es Yasmin geglückt ist, ihre schriftliche Zustimmung zum Dreh aus dem Ausland so zu versenden, dass sie pünktlich ankommt, habe ich mal wieder verkackt. Nix da. Vielleicht wurde meine Post über die A2 gefahren und ist noch unterwegs. Ich fülle das Ding erneut aus. Die Garderoben sind mit einem digitalen Zahlenschloss zu verriegeln. Der Code ist sechsstellig. Wir erhalten eine Einweisung. Beim letzten Mal habe ich mir die Zahlenkolonne angehört, verächtlich die Backen aufgebläht, mein Gedächtnis auf messerscharf gestellt und den Code drei Minuten später für immer vergessen. Diesmal speichere ich ihn direkt falsch im Handy ab. Die Clowns werden sich bei uns umziehen, hören wir. Man bittet um Verständnis.
15:30 Uhr
Der Cateringbereich. Während wir auf Schritt und Tritt vom Kamerateam verfolgt werden, gehen wir ins Catering, um zu rauchen. Till Reiners und Michael Feindler fehlen noch. Ein kurzer Blick auf die Suppe des Tages: irgendwas mit Banane. Ich bin raus. Ken Jebsen stößt zu uns. Er ist augenscheinlich blendend gelaunt, plaudert aus dem Nähkästchen und drückt Sprüche in den Raum. Das tut er so schnell, dass ich immer schon vorher patzige Antworten gebe und hoffe, dass es zu dem passt, was Ken gleich sagen wird. Ich hinke etwa zwei Sätze hinterher, lasse mir aber nichts anmerken. Stelle fest: Ich finde Ken sympathisch. Lasse mir immer noch nichts anmerken. Das Fernsehen stellt Zwischenfragen, besteht aber darauf, dass ich so tue, als wären sie nicht da. Erzähle folgerichtig den Geistern meiner Ahnen Blödsinn. Mein Dummlaber-Quote liegt bei lediglich 40 Prozent, aber der Tag ist noch jung. Michael Feindler und Till Reiners treffen ein. Noch zwei aufgeräumte Typen. Bis auf Yasmin hatte ich mit jedem Wort-Menschen bereits Bühnenbegegnungen. Es ist schön, finde ich. Im Moment ist irritierenderweise alles super.
17:00 Uhr
Ich sehe an mir herab und stelle fest: Ich bin perfekt gekleidet, allerdings für einen Bauernmarkt mit Zwergenwerfen. Muss ins Hotel. Aber der Soundcheck verzögert sich; die Bands brauchen traditionell länger für den Check, da Wort-Leute nur ein Instrument haben, Musiker aber eher mehr. Eine der Bands hat 15 Mitglieder. Nehmen die Fischerchöre teil? Wieder höre ich: Bier erst ab 22.00 Uhr. Ich sehe mich ja in der Tradition von Bukowski, nur ohne den geringsten sozialkritischen Einschlag, aber trotzdem möchte man hier nicht, dass irgendwer besoffen auf die Bühne krabbelt. Das Fritz-eigene TV-Team erscheint in der Garderobe und fragt spontane Oneliner ab. Ich rede himmelschreiende Scheiße, wette mit mir um einen Zehner, dass das nie gesendet wird und gewinne. Die Clowns erscheinen.
17:30 Uhr
Soundcheck. Bei der 7. Nacht der Talente gings schon zügig, aber diesmal bleibt es im Millisekundenbereich. Schneller dürften nur Pantomimen eingepegelt werden. Im Anschluss gibt Herbergsvater Ken Jebsen seine große Ansprache zur Lage des Abends, frei nach dem Motto: Ihr seid nicht generell Kacke – wenn heute euer Blut vergossen wird, keinen Kopp machen, das ist eine Frage der Tagesform. Stimmt. Vor allem eine Frage der Tagesform von 2000 Zuschauern. Christian Ritter grinst, sehe ich später auf Fotos. War der Typ bei den Marines, oder was? Stört den gar nichts mehr?












Kommentar hinzufügen