Berliner Stadtmeisterschaften 2009
"Einmarsch der Killerpoeten"
Traditionell gegen Ende des Jahres steht für den geneigten Slambesucher noch einmal ein spektakuläres Highlight auf dem Programm: die Berliner Stadtmeisterschaften in der Volksbühne. Die strahlenden Sieger der großen Berliner Slams treten gegeneinander an. Adrenalinstöße und Applausattacken, gar Freudentränen sind da natürlich vorprogrammiert! Für mich war es die erste Stadtmeisterschaft. Und schon für das äußerst smarte Moderatorenteam Mark-Uwe Kling und Kolja Reichert hat sich die Anreise gelohnt. Locker leicht sensibilisieren sie das sehr zahlreich erschienene und zu einem überraschend großen Teil slamfremde Publikum für das bevorstehende Wortgefecht.
So richtig warm werden die Zuschauer aber erst mit dem amtierenden deutschsprachigen Meister Philipp „Scharri“ Scharrenberg, der seinen Infektionshintergrund in seinem hochansteckenden Text „krank“ darlegt. Nachdem er auch die Zuschauer in der letzten Reihe erfolgreich mit dem Slamfieber infiziert hat, setzt er noch einen drauf und beeindruckt mit seiner analytischen, aber keinesfalls nüchternen Antwort auf die Frage: „Duuu…was issn das eigentlich mit uns?“ Die Zuschauer jedenfalls wissen woran sie sind und können ihr Glück kaum fassen - glaubt man dem Applaus und den Jubelschreien. Der Wettkampf kann nun beginnen. In Runde eins rechnet Titelverteidiger Gauner mit dem Begründer der TV-Verbrechensbekämpfung Eduard Zimmermann ab, während Jan Koch in seinem bewegenden Text „Nirgendwo“ über das „gründliche Aufhören“ nachsinnt und Jacinta Nandi sich intim und tabulos über Probleme der deutsch-britischen Völkerverständigung in Sachen Killerpilze auslässt. Auch ohne Applausometer lässt sich die Siegerin der Runde ermitteln und Jacinta zieht mit ihrer sympathisch kühlen Art ins Finale ein.
Bevor es mit der weniger eindeutigen zweiten Runde weitergeht, stellen Allen Earnstyzz (Stefan Dörsing, Julian Heun, Temye Tesfu und Scott Horst) ihre progressiven Beatbox-Qualitäten unter Beweis und zeigen dem Publikum außerhalb der Wertung, was Teamslam bedeutet. Emotionsgeladen geht es nun in die nächste Runde: Peh sorgt mit Lebens- und Nahtoderfahrungen in „Flatliners“ für Gänsehautwellen gefolgt von Beifallsstürmen, die jedoch nicht fürs Finale reichen werden. In „Ansichten eines Clowns“ von Sebastian Lehmann wird die völlig unterschätzte Macht des Herrschers Xing Xing aufgedeckt, während Till Reiners seine erste niederschmetternde Poetry Slam Erfahrung mit vergeblichen Strampelversuchen auf dem Rad vergleicht und sich letztlich „sehr authentisch“ als Versager klassifiziert. Heftigste Applauswehen für Till und Sebastian lassen keine Differenzierung zu. Um Ausschreitungen zu vermeiden, werden beide in die Finalrunde und das Publikum in eine kurze Verschnaufpause entlassen.
Den Auftakt für die zweite Hälfte des Abends machen die Krawallbrüder Wolf Hogekamp, Gauner und Frank Klötgen alias Argar Berlin. Ihren - nach eigenen Angaben - letzten Auftritt in dieser Besetzung beschließen sie mit ihrer legendären Ode an das „Fleischerzeugnis Kebappe“ („Und er nahm das Brot, brach es und sprach…“). Es folgt die letzte Runde angeführt von Julian Heun und einem dreiteiligen Schrei nach „Liebäää“, gefolgt vom Gedankenakrobat und Randgruppenverfechter („Ich bin Imker, lassen sie mich durch.“) Julius Fischer mit einem Text - wie sollte es anders sein – aus der Reihe „Ich hasse Menschen“. Abschließend gibt es Lyrik von Daniel Hoth auf die Ohren: Sein „Sonett, um seinetwegen geschrieben“ vervollständigt die Slamliteratur-Palette des heutigen Abends. Wenige Dezibel entscheiden nun über die endgültige Finalaufstellung.
Sebastian Lehmann, Till Reiners, Jacinta Nandi und last but not least Julian Heun stehen ein weiteres Mal auf der Bühne um sich den Titel „Berliner Stadtmeister“ zu erkämpfen.
Doch bevor die Spannung ihren Höhepunkt erreicht, darf das Publikum noch einmal ihre Applausgewalt austesten: Die „Friedensnobelpreisbundesverdienstkreuzoscar – Gewinner“ Lesedüne (Sebastian Lehmann, Maik Martschinkowsky, Kolja Reichert und Mark-Uwe Kling) präsentieren sich gewohnt systemkritisch und unterhaltungswertvoll. Nun erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt: Schlag auf Schlag oder besser gesagt Wort für Wort überbieten sich die Poeten gegenseitig. Doch wer soll Stadtmeister werden? Till Reiners, der Junge, der „auch mal krass sein will“ oder aber der Subkulturensurfer Sebastian Lehmann? Oder doch Jacinta, die Rächerin der Heidi Klum geschundenen Frauenwelt? Nein: Der Slam-Indianer und Propagandist der Freakyzität Julian Heun nimmt am Ende den Hammer mit nach Hause.
Das Best-Of der Slam-Szene geht zu Ende und nun kann der Jahreswechsel kommen. Was soll ich sagen? Für mich sind sie alle Sieger. Auf ein neues Jahr voll guter Slams!
Text: Ulrike Schuster, Fotos: Hendrik Schneller
Freakizität
Julian Heun gewinnt mit "Freakizität" das Finale der Berliner Stadtmeisterschaft am 30. Dezember 2009 und ist damit Berliner Stadtmeister 2009.
Heath Ledger
Julius Fischer mit "Heath Ledger" in der Vorrunde der Berliner Stadtmeisterschaft am 30. Dezember 2009.
Ick hab den Shit satt
Allen Earnstyzz a.k.a. Julian Heun, Temye Tesfu und Stefan Dörsing mit "Ick hab den Shit satt" als Feature der Berliner Stadtmeisterschaft am 30. Dezember 2009.





















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sehr schöne zusammenfassung
Könntet ihr vielleicht den text von Gauner über Eduard Zimmermann hochladen???
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