Berichte aus dem Hinterland
Sträter in Berlin, Teil 2
Etwas wirsch von der Fritz Nacht der Talente taumelte ich dann durch Berlin. Was Ihr nicht alles habt: Second-Hand-Boutiquen, in denen ein Mantel von 1990 teurer ist als ein Neuer, und das mit der Begründung, er wäre alt. »Und was noch?«, fragte ich, die Arme verschränkt, die Augenbrauen 20 Zentimeter unterhalb der Neonröhre. »Und«, klärte der Verkäufer mich unwissenden Wicht auf, »er ist GETRAGEN.« Schlagende Logik. Das sah ich ein. Das mit den 75 Euro nicht so.
Keine Ahnung, wo ihr Berliner euer Wetter bezieht, ernsthaft; für Anfang November fand ich es recht schneidend, und das mit dem Mantel war ja keine Koketterie, ich brauchte einen, trug doch meine gute Seemannsjacke Spuren von Currywurst, Zigarettenasche, Penatencreme, die mir drängelnde japanische Kinder im DDR-Museum ins Revers gerieben hatten, Milschschaum aus irgendeinem Tall-Grande-Venti-Bums, und Spuren von Maloxxaan, das ich gegen Sodbrennen nehme, wenn ich in einem Tall-Grande-Venti-Bums dubiose Kekse zum Kaffee wegknuspere. Maloxxaan ist übrigens ein prächtiges Imitat für Ejakulat, weswegen ich aussah, als hätte ich mir vorm Spaziergang über den Kurfürstendamm (Dortmunder schreiben das voll aus) noch eben dufte einen auf die Joppe gekeult. Ich erwarb dann ein knielanges Gewöll bei C&A, 50 Euro, leider ungetragen und mit Etiketten, aber ich muss aufs Geld achten.
Auch so ein Mythos ist, Poetry Slammer würden keine Vorfreude auf Slams verspüren und wie Darth Vaders Stormtrooper im Hocken an der Steckdose hängen, bis zehn vor Acht ist. Keine Ahnung, woher dieses Gerücht stammt, möglicherweise von mir. Mir geht’s ja anders: Ich fiebere dem entgegen, gerade wenns so eine Riesenkiste wie der Slam in Kreuzberg ist. Ich brauch das weniger für mein Ego, denn großformatig auf der Bühne abkacken ist jederzeit drin – es erfüllt mich einfach auf eine kaum näher zu bestimmende Weise; nicht nur der eigentliche Auftritt, auch das Davor und Danach, die neuen Leute, die man trifft, das Gefühl, mal was beigesteuert zu haben, keine Ahnung. Also begann das Hufescharren am Tag des Kreuzberg-Slams im Lido recht zeitig, so 10 Sekunden nach dem Wachwerden, und in Berlin werde ich zeitig wach. Zuhause möchte ich ja bis in den Spätnachmittag hinein komatös liegen, aber in Berlin war ich stets früh genug auf den Beinen, um den örtlichen Uhus beim Zusammenpacken und Schichtwechsel mit den Tauben zuzusehen. Das ist ja auch das mit Halbpension: Wenn mir einer bis 9 Morgens Frühstück inklusive anbietet, esse ich das, auch wenn mich vorher zwei Kellnerinnen links und rechts an den Armen halten müssen, während eine dritte vorne Kaffee in mich hinein kippt.
Überhaupt wurde es Zeit, sich mal aus dem Dunstkreis des Kurfürstendamms (da, schon wieder) zu verpissen. Selbst in der Nebenstraße, in der meine Residenz lag, war es etwas unruhig, wenn auch oft informativ. Viel geschrien wurde unten auf dem Pflaster, zumeist Dinge wie: »DIETER! KOMM ZURÜCK! MIR IS DAS SCHNURZPIEPE MIT DEM ULF, LASS UNS EINE RAUCHEN, DU BIST DOCH MEIN MANN!« »GEH WEG, DU WICHSER! DU HAST MIR ZUM LETZTEN MAL WAS VOM PFERD ERZÄHLT! (Schrill) DIT SAAAAAACH ICH DIA!« Was hatten die Ausdauer, die zwei Ninja-Turtel-Täubchen. Da blieb kein Stein auf dem anderen. Nichts wie weg.
18:30 Uhr. Berlin ist etwas unübersichtlich, und U-Bahnfahren für mich völlig ausgeschlossen – ich erinnerte mich zu gut an meine Bahnfahrt zum Admiralspalast. Es ist ein bitteres Klischee, aber die Durchsagen …die Durchsagen. »Nächssschhaltschhhhhhhhaserbaidschanschhhhhhhhhhackplatz-bidddschhhhhhditisberlinschhhhhumsteigen.« Wo ich nicht überall war. Also Auto.
Meine Navigation sagte was von 14 Kilometern, wenn ich ordentlich fahre, aber irgendwer hatte Margarine auf die Linse meines persönlichen GPS-Satelliten geschmiert, und ich kam entweder dreimal am Hotel vorbei, oder in der Hauptstadt werden sinnlos Gebäude geklont. Es wurde knapp, 10 vor Acht, noch siebenhundert Mal ums Lido, dann, dem Heiland sei Dank, ein Parkplatz direkt vorm Kino. Monsterschlange vor dem Eingang.
Als »Poet« stell ich mich trotzdem immer in die Schlange, und wenn sie bis in den Orient reicht. Was soll man auch sagen? »Schieb mal ab hier, ich trage vor?« Ich hab einfach Schiss, dass später, wenn ich auftrete, eine einzelne Stimme aus dem Dunkel bölkt: »Das ist der Schwachmat, der sich vorgedrängelt hat! Dit issa! Die SAU!« Gut, jedesmal wenn ich dann die Kasse erreiche, sage ich: »Hallo, Sträter. Ich. Ich mache Texte heute hier«, oder etwas ähnlich Geschmeidiges, und die Antwort ist immer gleich: »Und warum stellste dich dann an?« Was, um mal ein bisschen das Thema zu wechseln, ist das Lido für ein Riesenteil? Ich prallte auf Wolf Hogekamp, der einerseits eine Legende ist, hat er doch schon mit Poetry Slam was anfangen können, als ich noch zu Daktari-Folgen onanierte, andererseits ist er aber auch handfest hilfreich im Hier und Jetzt, denn er sagte: »Backstage da lang.« Ich trete durch eine Tür und finde: Marc-Uwe Kling, ruhig dasitzend, ein Stück Pizza in der Hand, oder wie ich sage: Slice. Auch da – Sebastian Lehmann, der auf einige Pizzaschachteln weist und nickt, bombig, oder wie ich sage: Nice. Gauner hab ich gleich erkannt, Tillmann Birr ist da, Maik Martschinkowski, Daniel Hoth, der Unzerstörbare, und noch … äh … andere, deren Namen ich jetzt nicht so aus dem Stand nennen kann, denn so ist mein Gedächnis: Schice. Fürs erste müsste ich mein Soll an dämlichen Wortspielen erfüllt haben.
Was soll man sagen? Marc-Uwe moderiert highspeed und gibt demnächst Kurse im Ruhrgebiet, wie man in 3 Sekunden einen Poeten auf die Bühne holt, ohne dass man das Gefühl hat, er hätte es eilig. Extra-Respekt-Plakette am Lamettaband für Daniel Hoth: Nach den nur als einseitig krass zu bezeichnenden Vorfällen der Fritz Nacht hatte er sich völlig regeneriert – ich an seiner Stelle hätte stattessen gewürfelt. Bei ner Sechs schlitz ich vorm Admiralspalast alle Reifen auf, bei ner Eins schreibe ich nie wieder 'n Text, geh nach Polen und werde Erntehelfer. Ich bin ja so. Hoth nicht. Überhaupt: Was kann man schlechtes über einen Mann sagen, der so heißt wie der Eisplanet aus STARWARS, wo übrigens die TAUNTAUNS angesiedelt sind? Darum geht’s aber nicht, sondern um TRAUN-TRAUN, und trauen tut er sich, und das mit Recht. Im Lido fällt Lyrik wie Wasser auf Ackerkruste (Vermerk für mich selbst: Hammermetapher), folglich rockt Hoth das Haus. Birr ist so lustig, dass ich eigentlich direkt wieder gehen will, aber auch so freundlich, dass ichs verwerfe, Gauner ist Gauner, dazu in Teil 3, der Potslam, mehr, als Anspielmusik für meinen Auftritt bekomme ich IMAGINE von Lennon, lande irgendwie im Finale, vermutlich weil ich ausm Ruhrpott bin und gewinne ein Megaphon. Ein Megaphon! Die Preise bei Slams haben ja oft Symbolcharakter, so Apfelsinen, Farbkopie eines Fotos von Juist oder Buchgutschein eines Ladens in Prag, aber diesmal: Ein Megaphon! Funktionstüchtig! GEIL!
Nicht nur, dass dies einer der schönsten Slams überhaupt war – rappelvoll, hunderte von Leuten, Prachtstimmung, und alle waren nett zu mir –, auch hatte man mir ein mächtiges Werkzeug an die Hand gegeben. Den Tag bis zum Potslam verbrachte ich somit auch viel in der U-Bahn und hatte einige befriedigende Megaphon-Erlebnisse: »WAS KOMMT JETZT FÜR EINE HALTESTELLE? WAS IST DAS FÜR EINE SPRACHE? KLINGONISCH? WELCHER VERDAMMTE PLATZ?« Ne. Stimmt nicht. Aber die Geschichte, wie Gauner mal eben einen Freestyle über einen Text von mir, an dem ich einige Zeit geschustert hatte, brachte, mal so eben, gereimt, so direkt aus dem Hirn ….die ist wahr. Und kommt in Kürze.
Es folgt: Teil 3, der Potslam.
Kling reloaded, Backstageroom from Hell, Gauner der Erstauner und Glühwein für Kinder, was ein bisschen wie »Koks für Realschüler« klingt.
Wie mich Drogen zum Schreiben brachten
Der späterere Finalsieger Sträter mit seinem Text "Wie mich Drogen zum Schreiben brachten" in der Vorrunde des Kreuzberg Slam am 3. November 2009.












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