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Berichte aus dem Hinterland

, Schlagworte: Berichte aus dem Hinterland, Sträter, Über den Tellerrand

Herne, Sprechreiz-Slam, 22.06.2009

Hätte man den Planeten aus dem All betrachtet, an jenem Samstag, hätte das alles ziemlich aufgeräumt ausgesehen. Kontinente noch passend am Start, Weltmeere entsprechend sauber dazwischen sortiert, alles ganz dufte. Zoomte man aber näher heran, speziell in Richtung Barcelona – so, jetzt voll drauf -, stellte man fest: In Barcelona ist ja wohl el perro begraben. Der Bürger der Kulturhauptstadt lümmelt sich in Korbsesseln, trinkt Wasser und hat’s warm, aber von der totalen-Entertainment-Breitseite ist gerade die Rede nicht. Die haben in Barcelona dafür das Gaudi-Museum, und das rockt ja ganz prima. Unterm Strich jedoch: Samstag, Barcelona macht dicht, und so mancher flanierende Brite raunt was von »Dead Pants«. Geht man weiter links, kommt gleich nach zweieinhalbtausend Kilometern Herne, NRW. Und da gibt’s gerade ein sattes Programm, zumindest für die Leichentaucher des BKA, denn Herne steht pünktlich zum Sommeranfang knietief unter Wasser.

Es ist 14:30 Uhr.
In Barcelona verzehrt der Großteil der Bewohner sich enthemmt bekleckernd Paella, denn so will es das Klischee, in Herne beginnt Sebastian 23 mit seinem Workshop. Im Hintergrund versinkt der Gysenbergpark, prächtig bestückt mit allerlei Buden, Kulturträgern, Bands, Bühnen und Horden von zu-Irgendwas-Bekehrern, in Nässe. Man möchte einen blöden Scherz über das Kulturamt Herne als Schirmherr machen, ha-ha, unterlässt das aber. Überhaupt, nur um das mal Ortsfremden ans Herz zu legen: Der Herner Gysenbergpark ist schön, weitläufig und verfügt über ums Grün gruppierte Freizeitmöglichkeiten für ganz kleines Geld. Das LAGO sei erwähnt, ein Spaßbad, das hinter der Kasse nicht das brennende Gefühl in einem hinterlässt, soeben eine Niere gespendet zu haben, nur um mal zwei Stunden nass zu werden. Das Ruhrgebiet ist schon was. Ach ja … hier ein offizieller Beitrag über die neue Biografie von Sean Connery. „Denn in seiner (Connerys) Autobiographie "Mein Schottland, mein Leben" spart er nicht an Lob für die Metropole Ruhr, besonders für den Landschaftspark Duisburg-Nord„ Ist knapp 70 Kilometer entfernt vom Workshop, den Sebastian 23 (bin ich eigentlich der einzige Penner, der diesen Künstlernamen voll ausschreibt?) gerade durch eine Zigarettenpause unterbricht. So oder so: Auch 1900 bereits geschriebene Zeichen, die Erwähnung Sean Connerys und wie verschlumpft es zeitgleich in Barcelona zuging, können kaum darüber hinwegtäuschen, dass ich am Workshop nicht teilgenommen habe.

Ich erschien dann gegen 19.00 Uhr, und wie Ali Baba zerrte ich an manchen Klinken, denn ich weiß zwar, wo man in Herne zur Abendstunde noch rasch was aufs Maul kriegen kann, aber das Fachwerkhaus Pfiffikus war mir gerade nicht geläufig. So durchschritt ich den Park, mildes Bedauern über das Dreckswetter legte sich wie ein Schatten auf mein Gemüt, mein ohnehin nicht sonderlich dichtes Haar wurde nass, und Hass überkam mich beim Gedanken an das unfassbare, zeitweise wie imprägniert wirkende Gewöll auf dem Haupt des Mischa Verollett. Ich fand das Pfiffikus dann; Ein kleiner, wie verschwiegen liegender Bau, Fachwerk in der Tat, schillernd davor: 23.

Line-Up:

Kevin Windisch (Wiesloch)
Irgendwie knuddelig, sofern man das als heterosexueller Anfangsvierziger überhaupt sagen können sollte.

Peter Thielmann (Herne)
Ganz in schwarz, aufgeräumter Bursche, der angesichts eines eingeschalteten Mikros nicht in Wallung gerät.

Straeter (Dortmund)

Sina (Bochum)
Sehr nette Slammerin aus Bochum, zwischen deren beiden Auftritte, die ich gesehen habe (Freibeuter Bochum, jetzt in Herne) ein Quantensprung liegt, dass mans nicht glauben soll. 

Anke Fuchs (Köln)
Leider erkrankt, aber krank immer noch hilfsbereiter als manch anderer gesund: Sie setzte Mario Adam in Marsch.

Florian Cieselik (Köln)
Einer der sympathischsten Poeten der Welt. Meiner Welt, und die ist nicht groß. Er hat durch Sport abgenommen, und das nicht zu knapp, und das macht ihn dann wieder unsympathisch; wenn ich was auf den Tod nicht ab kann, dann die Disziplin anderer.

Mario Adam (Köln)
Ein ruhiger, sanfter Mensch, der, sobald der Strom erst fließt, voll aufdreht und alle verfügbaren Kopf-Charaktere raus lässt.

Philipp Herold (Heidelberg)
Smarter Geselle, der großartig performt und dabei nah bei sich selbst bleibt. Authentisch bis zum Gehtnichtmehr.

Laura Reichel (Dortmund)
Workshopperin, frisch dabei, nervös, sympathisch, und, wie sich später erwies, exzellent vorbereitet.

Leif (Bochum)
Das Opferlamm des Abends, deswegen auch fast in die Klinge des zuerst orientierungslosen Publikums gestürzt. Lyriker mit den besten Schuhen des Abends – er hat sich skelettierte Zehen auf die Leinenschuhe gezeichnet. Geil.

Moderator: Sebastian 23
In blauem Kapuzenpulli mit …RAUTEN-KRAM in der Mitte; Kopf und Seele des Herner Stelldicheins. Die Veranstalter tun, wie der Abend zeigte, gut daran, auf Plakate ein MIT SEBASTIAN 23 zu setzen. Obwohl ich kurz Bock hatte, auf die Plakate den Edding zu setzen, damit dann da steht: Mittwoch, Sebastian, 23 Uhr. Nur zum zu gucken, ob das Publikum dann erst nächste Woche spätabends kommt. Hab ich aber nicht. Wenn man älter wird, ist da diese Angst und so.

Bild von BlubbieBild von Blubbie

Hmm Hinterland?

war das nicht unweit vom Arathi Hochland? Wink

Bild von ralfingBild von ralfing

hui, das ja mal ein langer text ...

... ich bin gespannt ob die 140-Zeichen Verwöhnten da was mit anfangen können. Ich wage mal den Selbstversuch.

Bild von ralfingBild von ralfing

durchhalten lohnt sich ;)

wenn Ihr das hier lest, seit Ihr bereits ziemlich genau in der Mitte: "Die höchste Stufe dieses Applauses ist wie Sex, nur dass Sie vorher niemanden mit Söhnlein Brillant abfüllen müssen. Die Poeten haben sowieso alle Getränke frei. Bleiben Sie an Ihrem Platz und machen Sie Liebe. Klatschen ist das neue Poppen. Wenn’s Ihnen hilft, denken Sie an Begleitmusik von Barry White oder Slayer, aber geben Sie alles. Alles."

Bild von Kay BeißertBild von Kay Beißert

Juhu, Thorsten Sträter schreibt auf Slammin Poetry

Toller Text über nen tollen Slam, obwohl ich bei der Wetterbeschreibung vielleicht doch lieber in Barcelona gewesen wäre. (...nene, war nur ein Scherz, zum Bier holen ' nen Kilometer durch den Regen ist viel geiler.)

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