Berichte aus dem Hinterland
Sträter in Berlin, Teil 1
Wenn man im Ruhrgebiet auf Slams geht, also als Performing-Artist-Poet Wasauchimmer, bleibt es überschaubar, zumindest meistens. Du kennst die Gesichter, lächelst in sie hinein, kippst in dein eigenes ein Bier und dann geht’s los. Das Verhältnis Slammer-Zuschauer beträgt meistens so eins zu zehn, manchmal wird es voller, man kennt das. Schöne Bühnen haben wir hier, Herrschaften. Besonders sexy: Die Heldenbar in Essen, Jules Papp in Krefeld, der legendäre Freibeuter zu Bochum oder mein geliebtes Subrosa im Dortmunder Hafen. Berlin ist ein anderes Kaliber. November 2009.
Deswegen traf mich der Anblick des Lido hart. Nicht, weil das ein häßlicher Bau wäre … Quark. Ich hatte einfach das Lampenfieber verloren, irgendwann zwischen den ganzen Auftritten auf Heimatboden und der reizüberflutenden NACHT DER TALENTE – aber während ich wie ein Satellit kreiste, um meinen Wagen abzuparken, sah ich es vier, fünfmal: das Lido, davor die unfassbare Schlange von Menschen, die artig anstanden, um sich kurze Texte zu geben. Ich hockte in meinem Auto und fackelte ab vor Nervosität. Das ging doch gar nicht. Schon wieder Lampenfieber? War ich aus diesem Holz geschnitzt? Dafür, dass Kreuzberger Nächte dem Gerücht nach lang sind, konnte das hier für mich schnell zuende sein. Ich überlegte kurz, ob ich mich rasch für den Rest der Nacht irgendwo hinstelle, um meine Texte zu überarbeiten, weg von »Kommt ne Frau beim Arzt«, hin zu Kästner oder Baudelaire oder wenigstens irgendwas mit rotem Faden. Dann überschwemmte mich wieder dieses Gefühl, das mich oft genug in Schwierigkeiten gebracht hatte: Komm, ist egal jetzt. Diese spezielle Empfindung rangiert im Schwierigkeiten-Ranking momentan auf Platz zwei, direkt hinter der Allerweltsformulierung »Du siehst Scheiße aus, was ist dein Geheimnis?«, aber ich war mir sicher, »komm ist egal jetzt« würde mir nun den finalen Nagel in den Schädel treiben.
Haltstopp: Die Chronologie meines Aufenthaltes in der Hauptstadt muss anders angegangen werden. Denn an sich war ich ja zuvor woanders aufgetreten.
Weswegen war ich im Kern in Berlin?
1. Fritz Nacht der Talente,
Auch 1. Kreuzberg-Slam im Lido,
2. Pot-Slam,
3. Wegen Berlin eben. Die ganze Latte: 3D-Filme, »der frühe Vogel kann mich mal«-Frühstücksbrettchen, Hackesche Höfe, das ganze Feeling so, kennt man, Berlin halt, so Sträter in Berlin, Handy klingelt, »Ey, wo bistn grad?«, ich (gelangweilt): »Berlin, Alter«, »Was machstn da?«, ich (total abgeklärt): »Ach … (künstliches Zögern) … so Auftritte halt …«
4. Currywurst.
Aber zuerst … was kam vorm Kreuzberg-Slam? Die Fritz Nacht der Talente. Die geht so: Im ehrwürdigen Admiralspalast richtet Radio Fritz eine Show aus, die zugegebenerweise Ihresgleichen sucht. Große Bühne. Recht viele Stühle. Recht viele Menschen. So 1700. Wer mal wieder dringend das Gefühl braucht, von Zuschauermassen erschlagen zu werden, dem sei die Nacht der Talente ans Herz gelegt. Das Konzept lehnt sich lose an das der GONG-SHOW an, sieht man davon ab, dass bei der GONG-SHOW Leute auftraten, die zur Selbstüberschätzung neigten und »Tür an Tür mit Alice« mit einer Stimme sangen, mit der man gefrorenes Brot schneiden konnte. Die wurden dann quasi hingerichtet. Talentierte Messerwerfer hingegen, oder Großmütter, die »my heart will go on« sauber auf die Kette kriegten, wurden umjubelt. Fertig. Radio Fritz lädt keine schlechten Leute ein. Natürlich muß ich das sagen, aber es stimmt auch. So nervig die Abläufe der Nacht der Talente sind, so professionell sind sie organisiert. Der Berliner weiß es zwar, aber trotzdem: Es werden Bands und Einzelmusiker sowie Leute für die Rubrik »Wort« eingeladen; diese treten nach Kategorie gegeneinander an, der Applausometer bestimmt dann, wer gewinnt. Fertig. Showbeginn ist um 20:00 Uhr, aber das Erscheinen der Künstler war für 13: 00 Uhr angeordnet.
12:00 Uhr am Tag der Show
Ich wohne im Plaza. Im PLAZA!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Und ich habe ein Zimmer mit Wanne, Balkon, Doppelbett, W-LAN, Flachbildfernseher, Schrank und Arbeitsplatz. Alles auf 8 Quadratmetern. Das Flach-TV muß schon sein, weil ein Röhrenfernseher gar nicht gepaßt hätte, die Wanne hat Ausmaße, die es möglich machen, ein paar Socken der Länge nach hineinzulegen, sofern diese nicht größer sind als 42, und wenn ich meine Schuhe auf den Balkon stelle geht die Tür nicht zu. W-LAN geht auch nicht; mein Laptop lutscht stundenlang in der Luft herum, findet aber nichts. Ich überlege, den Raum komplett einzunebeln, vielleicht sieht man ja ein schillerndes Strählchen. Ich lasse es. Ich öffne stattdessen den Kleiderschrank und reiße mit der Tür das Nachttischchen um. Ich verfüge über 5 Paar Jeans und 5 schwarze Hemden; entscheide mich, Jeans und schwarzes Hemd zu tragen. Hier im Plaza wird echt auch nur mit Wasser gekocht, wie man so sagt, aber da ich ja selbst auch als »Künstler« bezeichnet werde, obwohl ich nur ein älterer Typ bin, der von zerknitterten Blättern abliest, bin ich versöhnlich drauf. Treffe am Potsdamer Platz Tobi Katze aus Dortmund, meinen Mitstreiter in »Wort«. Weiter zum Admiralspalast. Sieht tagsüber aus wie das Mausoleum eines DDR-Diktators, aber wie wir später feststellen, fehlt nur Kunst-Licht, und der Palast wird tatsächlich zu einem. An seinen Texten arbeitend und Kaffee schlürfend finden wir Andi Substanz aus Münster vor; ebenfalls ein guter Mann, den ich angeschleppt habe, wollte ich Tobi und Andi doch glücklich machen, von wegen TAUSENDE MENSCHEN! TEXTE! ROCK N ROLL! So richtig schlau war das nicht.












Man, wie hab ich beim Lesen
Man, wie hab ich beim Lesen gelitten. Solche Auftritte kenne ich zwar nicht in DER Dimension, aber ich kann mir gut vorstellen, wie es für Andi, Daniel und Co. lief.
Liebe Grüße aus Hannover vom Tobi Kunze
Danke für diesen schönen
Danke für diesen schönen Artikel Sträter, auch wenn ich ihn mit einem lachenden und einem tränenden Auge lesen musste.
Auf bald und danke für die Blumen,
liebe Grüße,
Daniel.
Fanatastisch ...
... der aktuelle Hinterlandsbericht aus dem Vorderland. Gibt es eigentlich einen Mitschnitt vom Gewinnertext der Lichtgestalt.
Von der Fritz Nacht...
Von der Fritz Nacht gibt es von unserer Seite keinen Mitschnitt. Der zweite Teil von Torstens Berlin-Bericht wird aber Videos von Kreuzberg Slam und PotSlam beinhalten.
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